Lieve Blancquaert zeichnet sich in ihrem Fachgebiet aus, möchte aber gerne ihren Aktionsradius erweitern. Neben ihrem Kerngeschäft Fotografie, dem sie einen äußerst persönlichen Stempel aufdrückt, schaut sie gerne über den Tellerrand. Sie reiste um die Welt, um einzigartige Momente im Menschenleben – von der Geburt bis zum Tod und deren Erleben in verschiedenen Kulturen – in einer Mischung aus Aufmerksamkeit, Engagement und Respekt festzuhalten. Allianzen mit anderen Kunstformen erweitern ihren Fokus und ihr Weltverständnis. So schrieb sie vor einigen Jahren zusammen mit Greet Jacobs das gelungene Monolog 'Misschien Marieke'.
Fotografie, TV-Formate und eine Theateraufführung – das alles ziert ihr Portfolio, das bald um Konzerte bereichert wird. Eine verlockende Perspektive an ihrem beruflichen Horizont, die sie bereits ausprobiert hat. Im August wird es eine Fortsetzung in einer Crossover mit Barbora Kabátková, künstlerische Leiterin des Vocal Tiburtina Ensemble, geben. Kabátková konzentriert sich gerne auf weibliche Komponistinnen und auch das Leben von Frauen im Mittelalter ist für sie, genau wie heute bei der Feministin Lieve Blancquaert, ein roter Faden in ihrer Karriere. Zwei Künstlerinnen, die sich stark verstehen. Sie bauen stetig an einem Œuvre, das zur Reflexion über die »condition humaine« einlädt. Bilder und Musik mit einer eigenen Handschrift und mit Aufmerksamkeit für Vielschichtigkeit. Lieve Blancquaert erläutert dieses neue Abenteuer und die Struktur der Aufführung.
-Sie sind eine Befürworterin der internationalen Vernetzung mit Frauen, sowohl auf menschlicher als auch auf künstlerischer Ebene?
Ja, das ist in der Tat sozusagen mein Steckenpferd. Ich finde, dass es noch immer sehr notwendig ist, darüber zu sprechen. Natürlich, wenn man sich hier bei uns die Praxis anschaut, fällt es alles recht moderat aus. Wir haben mittlerweile Selbstbestimmungsrecht, können seit 1948 wählen. Kurz gesagt: wir dürfen eine Menge Dinge, aber es gibt immer noch eine Diskrepanz zwischen der Behandlung von Frauen und Männern auch hier bei uns. Weltweit sieht es völlig anders aus, was die Umsetzung von Frauenrechten und die Sensibilisierung für Frauenemanzipation betrifft.
-Auf Ihrer Bilanz steht bereits viel … der Link zur Musik, ein Konzert liegt noch weitgehend offen.
Das ist das dritte Mal, dass ich etwas Derartiges unternehme. Vor etwa sechs Jahren habe ich auch in AMUZ etwas Ähnliches mit dem Chor Currende gemacht. Zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg realisierte ich in einer Kapelle eines Schlosses in Loppem ein ähnliches Konzert mit Bild, Text und Musik, ebenfalls in Zusammenarbeit mit Currende. Speziell rund um das Thema Krieg. Laus Polyphoniae, das Sommermusikfestival von AMUZ, enthüllt unter dem Titel CONTRAPUNT des Lebens den Kern der Polyphonie, steht aber gleichzeitig still bei jenen Ereignissen im Menschenleben, wo Mehrstimmigkeit ein Muss ist.
-'Zie een vrouw' bringt die besten Elemente von Musik und Ihrer Fotografie zusammen.
Das Beste werde ich nicht sagen, aber die am besten geeigneten. Es wird sich sehr stark auf meine persönlichen Erfahrungen mit Mädchen und Frauen während der Reportagen konzentrieren, die ich gemacht habe. Eigentlich schließt es an 'Circle of Life' an, meine weltweite Suche nach dem Menschen, seinen Ritualen, Traditionen und Bräuchen und den universellsten Momenten von Geburt, Liebe und Tod. Ich schöpfe aus dem Bildmaterial, das ich während meiner Reisen gemacht habe. Eine Geschichte über das, was uns vereint und trennt. Ich destilliere die Höhepunkte daraus und erzähle von meinen Erfahrungen. Es gibt Bildmontagen, Geschichten, alles durcheinander und verschmilzt mit dem polyphonen Chor.
-Bildmaterial, das im Takt und Rhythmus der Musik zu sehen sein wird. Bei der Zusammenstellung des Programms war es Divergieren und Konvergieren.
Das hoffe ich doch. Solche Kompilationen sind nicht in eins, zwei, drei fertig. Barbora Kabátková und ich versuchen, uns dabei sehr zu finden, aber gleichzeitig soll es für mich auch sehr krachen. Es wird keine harmonische, perfekte Kohärenz sein, die Herangehensweise eignet sich auch nicht dafür. Wir müssen auch noch viel proben. Ich habe die Bildmontage inzwischen fertig, aber sie kann sich noch immer verändern. Wir sind da sehr flexibel. Es soll ein breites Bild skizzieren. Ich möchte Raum lassen und auch auf die Aktualität reagieren. Wir werden 'Zie een vrouw' zwei Mal aufführen und dann sehe ich, ob es eine Fortsetzung gibt.
-Ihr Fotomaterial wird nach und nach in die Musik eingebettet.
In der Tat. Barbora Kabátková hat Lieder ausgewählt, die in den Kontext passen, es gibt einen Zusammenhang mit den Bildern und meinen Geschichten, aber deshalb nicht eins zu eins. Das geeignete Material zu finden ist eine intensive Suche. Das Faszinierende finde ich selbst, dass beide Welten sehr viele Verbindungen zueinander finden.
-Es war ein Auftrag für Laus Polyphoniae. Ergebnis eine tiefmenschliche Kombination weiblicher Stimmen mit universellen und gleichzeitig einzigartigen Bildern.
In der Tat, Verbundenheit steht im Mittelpunkt und verbindet zeitgenössische universelle Bilder mit alter Musik und verschiedenen weiblichen Stimmen. Die Produktion bildet so eine Brücke zwischen dem Leben von vor Jahrhunderten und heute.
-Das Ganze ist größer als die Summe seiner Teile?
Absolut. Ich freue mich darauf. Wir sind vollständig bereit, daraus etwas Bleibendes zu machen.
WAS: Festival van Vlaanderen Antwerpen – Laus Polyphoniae '22
AMUZ: Lieve Blancquaert & Barbora Kabátková, 'Zie een vrouw'
WANN: 23. August um 20.00 Uhr und 22.15 Uhr