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Armenische Geschichten vertont

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Armenische Geschichten vertont

Am Tag bevor das Akhtamar String Quartet sein allererstes Album aufnehmen sollte, standen die vier jungen Damen im Königlichen Museum der Schönen Künste Belgiens auf der Bühne. Auf diese Weise entdeckte das Publikum des Festival Musicorum, was auf diesem Debüt zu hören sein wird. Und darin befinden sich mehr als ein wertvolles Kleinod, wie ein unvergessliches Konzert vor zwei Sommern bereits zeigte …

Fanny mit dem roten Schal, das sollte der etwas rätselhafte Titel werden. Aber das Stück blieb leider ungeschrieben. Dabei hatte das Akhtamar String Quartet sein bestes Spiel am letzten Tag der Streichquartett-Woche von Midis-Minimes gezeigt. An jenem Freitagnachmittag, 11. August 2017, begann es mit einem stürmischen Requiem, dem Quartett, das Mendelssohn zum Gedenken an seine unerwartet verstorbene Schwester Fanny komponierte (opus 80), gefolgt von einem ebenso intimen wie verführerischen Triptychon aus der Hand eines armenischen Musikhelden: Komitas. Das war gewissermaßen sein Künstlername, das Resultat seiner Weihe zum Priester. Die Lebensgeschichte von Soghomon Soghomonyan (1869-1935) endete ebenso tragisch wie die des armenischen Volkes selbst, aber vor jenem verhängnisvollen Jahr 1915 kümmerte sich Komitas nicht nur um das Seelenheil der Mitmenschen. Als Ethnomusikologe avant la lettre entpuppte er sich als leidenschaftlicher Sammler der Volksmusik aus dem Kaukasus. So enthalten seine sogenannten Miniaturen neben armenischen Melodien gleichermaßen kurdische, persische und, ja, ottomanische Motive. Landsmann und Cellist Sergey Aslamazyan (1897-1978), Gründer des bis heute aktiven Komitas Quartet, arrangierte diese populären Stücke für sein eigenes Ensemble. Die Damen von Akhtamar machten sie von Anfang an zu ihren musikalischen signature dishes, auch während ihres Konzerts beim Festival Musicorum in dieser Woche.

Festival Musicorum?

Tatsächlich ist das der Name, unter dem das frühere Miniemen Festival des Minimes einen ehrgeizigen Neubeginn macht, und es wird jeden Arbeitstag im Königlichen Museum der Schönen Künste Belgiens ein kostenloses Nachmittagskonzert angeboten. Um jede Verwechslung mit dem benachbarten, nahezu gleichnamigen Sommerfesfival im Brüsseler Konservatorium auszuschließen, beschloss das erneuerte künstlerische Komitee, unter einem anderen Namen weiterzumachen. Fagottist und ehemaliger Diplomat Pierre Dubuisson steht zusammen mit den Ihnen bekannten Pianisten Eliane Reyes, Jean-Claude Vanden Eynden und Yannick Van de Velde regelmäßig für einen Teil der vielfältigen Programmgestaltung ein. Diese zielt ausdrücklich auch auf junge und talentierte Musiker ab, ein Bild, in das das Akhtamar String Quartet selbstverständlich ausgezeichnet passt. Außerdem war ihr Auftritt beim Festival gut getimed, einen Tag bevor das Quartett zum Concertgebouw Brugge zog, um dort sein erstes Album aufzunehmen (Cypres Records). Und so erklang während dieses Konzerts neben Komitas, dessen 150. Geburtstag wir dieses Jahr feiern, auch ein anderes Werk, das Sie auf dieser CD wiederfinden werden. Un quatuor arménien (2016) wurde speziell für Akhtamar von Eugénie Alécian komponiert, der Tante der ersten Violine Coline Alecian. Die Aufnahme wird also eindeutig eine persönliche Ode an Armenien. Das Publikum erhielt eine ausführliche Avant-Première.

Seit 2012 ist die fürstliche Familie de Merode die wichtigste fördernde Kraft hinter dem Miniemen Festival und nun auch hinter Musicorum – obwohl freie Spenden natürlich immer willkommen sind. Damit wurde dieses kostenlose Konzert freundlicherweise von Prinzessin Hélène de Merode angeboten. Es ist Hochsommer und dennoch füllt sich das geräumige Auditorium Philippe Roberts-Jones, benannt nach dem ehemaligen Direktor des Museums, anständig mit Menschen, die Abkühlung und Musik suchen. Nach Ansicht von Puristen wie dem britischen Journalisten Tully Potter ist das not done, aber das Akhtamar String Quartet spielt vorzugsweise im Stehen. Darin ist das Quartett nicht einzigartig – das polnische Apollon Musagète Quartett macht es beispielsweise auch gerne so – aber selten. Und warum auch nicht, wenn man als Gruppe fest auf den Beinen steht. Nur Cellistin Astrid Wauters sitzt auf ihrer eigenen Erhöhung. Da kein Basdrum zu sehen war, trug dieses Bühnenelement amüsanterweise den Namen des Quartetts. Es war auch Wauters, die zunächst mit bloßer Stimme und später mit der willkommenen Hilfe eines Mikrofons die vier Teile von Un quatuor arménien kurz einleitete. Mit diesem Werk vertonte die in Frankreich aufgewachsene Alécian die Eindrücke, die mit der Rückkehr in ihr Heimatland nach dem Fall der Berliner Mauer verbunden waren. „L'écriture dramatique de ce quatuor va à la rencontre de l'histoire de son pays. […] Son écriture mêle l'incertitude et le chaos avec la joie de se redécouvrir", so wurde unsere Neugier im Programmheft bereits geweckt.

Roter Schal revisited

Chaotisch ging es im Eröffnungsteil zum Glück nicht wirklich zu (Allegro). Und von irgendeiner Unsicherheit war, zumindest in der Aufführung, ebenfalls keine Spur. Es wurde mit Überzeugung und Absprache gestrichen und gezupft, zunächst noch nur von den Mittelstimmen und danach in allen Stimmen, etwas, das man auch erwarten darf von einem Stück, das dem Ensemble auf den Leib geschnieben wurde und sie seither bereits einige Jahre begleitet. Die Spannung war manchmal zum Schneiden, obwohl sie überwiegend unterschwellig brodelte. Im darauffolgenden Andante klingt das verheerende Erdbeben durch, das den Norden Armeniens Ende 1988 hart traf. Es ist bei Weitem der ergreifendste Satz, der der Bratsche eine auffallende Rolle zuweist. Ohne jeden Zynismus wurde festgestellt, dass trotz manchmal repetitiven Charakters das Zusammenspiel gerade in diesem etwas unbehaglichen Teil von besonderer Reliefwirkung zeugte. Dann ging es in der Tarentelle doch deutlich verspielter zu. Die federnd artikulierten Ecksätze verliehen der Musik ein scherzo-ähnliches Temperament. Gleichzeitig wird in einem lyrischeren Intermezzo auf das Werk von Komitas angespielt. Im Finale sollte dann ein fröhliches Volksfest ausbrechen, so war es angekündigt. Doch bekamen die Festivitäten einen ziemlich bitteren Nachgeschmack. Denn selbst nach dem ernsten Anfang ist dieses Allegro maestoso nie wirklich überschwänglich, wie die beißenden Unisoni am Ende unterstreichen. Kann es anders sein, wenn man die armenische Geschichte überblickt? Un quatuor arménien ist alles andere als ein Showstück, das auf leichte Wirkung abzielt, sondern eine ergreifende Komposition, die nicht nur kaukasische Herzen schneller schlagen lässt.

Die Miniaturen von Komitas besitzen zweifellos dieselbe Qualität. Hören Sie unten auf dieser Seite doch einmal das gefühlvolle, swingend, ja bei diesen Temperaturen geradezu sinnliche Al Ayloughs. Es war an diesem Nachmittag auch das erste von insgesamt sechs zu schätzenden Kleinode, die das Akhtamar String Quartet bereit hatte, und handelt von … einem roten Schal, den tanzende Mädchen tragen, um die Jungen zu verführen. Mit Erfolg, denn dieser verschleierte Verführung konnte man wie vor zwei Jahren kaum widerstehen. Und so hatte jedes der folgenden Stücke seine eigene Geschichte, inspiriert von der Natur oder dem Leben. Manchmal fröhlich und dann wieder wehklagend, wie in der Romanze Shogher Jan, oder anders leidenschaftlich, wenn Krounk, der Kranich, in seinem hohen Register über die Vertreibung aus Armenien sinnierte. Im Gegensatz zum ersten Teil dieses Konzerts steht die Primaria bei diesen Miniaturen oft prominent im Vordergrund. Sie intonierte und phrasierte mit viel Gefühl, wobei sie auf subtile wie dynamische Weise von ihren Mitstreiterinnen unterstützt wurde. Das Ergebnis? Shoushiki, oder „La danse des jeunes filles", ein feinsinniges Selbstporträt, das nach mehr verlangte.

Dieses Vorgeschmack versprach alles Gute für das, was später in diesem Jahr auch auf Platte kommen wird. Oder wie die Legende von Akhtamar nicht nur weiterlebt, sondern bald sogar ein modernes musikalisches Kapitel erhält …


  • WER: Akhtamar String Quartet [Coline Alecian & Jennifer Pio (Violine), Ondine Simon (Bratsche), Astrid Wauters (Cello)]
  • WAS: Eugénie Alécian (°1952) – Un quatuor arménien | Komitas (1869-1935) – Auswahl aus den Miniaturen [Arrangement für Streichquartett von Sergey Aslamazyan (1897-1978)]
  • WO: auditorium Philippe Roberts-Jones, Königliche Museen der Schönen Künste Belgiens, Brüssel (Eingang über die Museumstraat und entlang des Museumplatzes)
  • WANN: Dienstag, 23. Juli 2019
  • FOTOS: © Nicolas Draps | Festival Musicorum | Concertgebouw Brugge
  • ORGANISATION: Festival Musicorum

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