Wer im November 2021 das Glück hatte, Barbara Hannigan noch einmal als Lulu in der Königlichen Münzschaubühne zu erleben, weiß, welch vielseitige und talentierte Künstlerin diese Frau ist. Aber dass sie auch in echter Ballroomtanzmusik glänzen möchte, ist dennoch eine Überraschung, und was für eine! Walzer, Tango, Rumba, Quickstep – alles passiert in wunderschönen Bearbeitungen für das Ludwig Orchestra und das Berlage Saxophone Quartet Revue.
Vom ersten Stück an, dem herrlichen "Moonlight Serenade" von Glenn Miller, ist Hannigan ganz Sinnlichkeit, natürlich ohne Verleugnung ihrer Koloraturfähigkeit als klassische Sängerin. Eine Kombination, die ihre Interpretation sofort besonders macht. In Kurt Weills Tango "Youkali" spielt sie mit ihren hohen Soprantönen, die das Varieté-Stück gleichsam auf ein höheres künstlerisches Niveau heben, ohne hochmütig sein zu wollen. Der Genuss der Tanzmusik bleibt die Hauptsache. In "Fluffy Ruffles" benutzt sie ihre Stimme wie eine Stepptänzerin. In Copacabana von Barry Manilow wähnst du dich sofort an einem Strand in Rio, wobei Lucienne Renaudin Vary ein schönes Trompetensolo spielt. Der englische Walzer "Je veux t'aimer" von Robert Stolz bietet eine kurze Atempause. Dann geht es wieder von Quickstep zu Rumba bis Jive, über den Evergreen aus "My Fair Lady", "I could have danced all night", dem Barbara Hannigan allerdings einen eigenartigen Klang verleiht. Für einen Hauch von Sehnsucht sorgt der langsame Tanz von Edward Elgar "Salut d'amour" als Abschlussnummer der CD.
Das Ludwig Orchestra spielt wie die beste Big Band aus den Roaring Twenties. Eine Scheibe voller Musik, die dich fröhlich macht und kaum auf deinem Stuhl sitzen lässt. Und das ist auch die Absicht von Peppie Wiersma, dem künstlerischen Direktor des Ludwig Orchestra: "Our intention for "Dance with me" is that it isn't only an album to draw people to our live performances, but also for people to dance to, with their friends at home."
Die CD bestätigt auch, dass Barbara Hannigan nicht nur ein Außenseiter in der Opernwelt ist, sondern vor allem ein vielseitiges musikalisches Talent, das vor Musik des zwanzigsten Jahrhunderts nicht zurückschreckt. Das bewies sie auch schon mit einer ihrer vorherigen CDs Crazy Girl Crazy, eine Kombination aus Luciano Berio, Alban Berg und George Gershwin. (Alpha Classics 293 erschienen 2017). Wer das live feststellen möchte, kann am 17. März in DeSingel ein Konzert besuchen, bei dem sie die Kreation von Liedern auf Texten von Emily Dickinson bringt, für sie komponiert von John Zorn. Eine Weltpremiere in DeSingel.


WAS: Dance with me
WER: Barbara Hannigan [Sopran], Lucienne Renaudin Vary [Trompete], Berlage Saxophone Quartet, Ludwig Orchestra
AUSGABE: Alpha Classics ALPHA790
BESTELLEN: JPC