Electric Fields — alte Mystik in zeitgenössischer Trance
Sopranistin Barbara Hannigan ist kein Unbekannter für musikalisches Abenteuer. Mit mehr als hundert Weltpremieren auf ihrem Namen, oft von scheinbar "unsingbaren" zeitgenössischen Kompositionen, hat sie sich ihren Platz als unerschütterlicher Pionier verdient. Dennoch überrascht ihr neuestes Projekt Electric Fields — nicht durch das Unbekannte, sondern gerade durch die Verankerung im sehr Alten. Zusammen mit dem französischen Pianoduo Katia und Marielle Labèque und dem Komponisten und Elektronik-Virtuosen David Chalmin taucht sie in die visionäre Welt der 12. Jahrhundert deutschen Äbtissin und Komponistin Hildegard von Bingen (1098–1179) ein. Die daraus entstehende Reise ist sowohl ätherisch als auch halluzinogen — als würde man in einer Zeitmaschine einschlafen.
Die Musik auf Electric Fields ist ein Kaleidoskop von Jahrhunderten und Stilen, in dem mittelalterliche Mystik, barocke Expression und experimentelle Klangforschungen aufeinanderprallen und zusammenfließen. Im Mittelpunkt steht das Oeuvre und der Geist von Hildegard von Bingen. Ihre Hymnen, mehr als 900 Jahre alt, werden hier nicht einfach rekonstruiert, sondern durch eine Linse des 21. Jahrhunderts neu erfunden: Hannigans Stimme — durchdrungen von Hall, Echos und Verzerrung — schwebt über elektronischen Drohnen, minimalistischen Klavierpassagen und bearbeiteten Feldaufnahmen. Gleich im Eröffnungsstück O virga mediatrix (12. Jahrhundert) wird klar, dass dies keine historische Interpretation ist, sondern ein poetisches Klanglabor.
Das Projekt, das ein ganzes Jahrzehnt in der Entwicklung war, ist durchdrungen von textuellen und musikalischen Bezügen zu weiblichen Komponistinnen aus vergangenen Zeiten. So finden wir neben Hildegard von Bingen (1098–1179) auch Werke (und Überarbeitungen) von Barbara Strozzi (1619–1677) und Francesca Caccini (1587–ca.1645), zwei Schlüsselfiguren des frühen Barock. Ihre Musik wird nicht nur zitiert, sondern transformiert — wie Echos durch einen elektronischen Traum. In Che t'ho fatt'io?, nach Caccini, werden melodische Bruchstücke mit Atemzügen, mehrstimmigen Samples und pulsierenden Club-Beats vermischt. Das Ergebnis ist eine brodelnde Mischung aus Barock und Glitch-Pop, die in weniger als fünf Minuten ein fast cinematografisches Parcours vom Chaos zur stille Lyrik durchläuft.
Auch Bryce Dessner, bekannt von The National, aber auch als zeitgenössischer Komponist tätig, trägt zwei neue Werke bei: O orzchis Ecclesia und O nobilissima viriditas. Er basiert sich auf Hildegards eigene "geheime" Sprache, die sie für ihre Klosterschwestern entwickelt hat — ein einzigartiges Detail, das die Verbindung zwischen religiöser Hingabe und künstlerischer Vorstellung unterstreicht. Musikalisch schaffen die Schwestern Labèque in diesen Stücken eine bezaubernde Textur minimalistischer Arpeggios, über die Hannigans Stimme wie eine flüsternde Priesterin schwebt.
Bemerkenswert ist die Variation in der Stimmnutzung: Hannigan wechselt mühelos zwischen Gregorianischem Gesang ohne Vibrato, intimen Flüstern, bearbeiteten Echos und Overdubs. In den beiden Versionen von Che si può fare (Strozzi) bekommen wir sowohl eine relativ traditionelle Lesart — die allmählich in einen Sturm von Synths und drängenden Klavieren ausartet — als auch eine radikale Improvisation, in der das ursprüngliche Werk fast völlig in einer Klangnebelwolke elektronischer Effekte verschwindet. Besonders diese letzte Version, mit ihren verdoppelten Stimmen und durchdringenden Klaviertönen, ist sowohl beängstigend als auch faszinierend.
Das Schlussstück des Albums, O vis aeternitatis (Hildegard von Bingen (1098–1179), ist mit seinen fast 14 Minuten der kontemplativste Moment. Chalmins Bearbeitung hält sich bemerkenswert zurück, mit einer nüchternen Klavierbegleitung, sparsamen elektronischen Färbungen und einer fast archaischen Gesangslinie. Dennoch ist die Einfachheit trügerisch — das Stück strahlt eine sakrale Intensität aus, die tief unter die Haut kriecht. Das Finale, ein 19 Sekunden langes, kristallklares hohes C von Hannigan, ist buchstäblich und im übertragenen Sinne ein Höhepunkt, der das Album an der Grenze zwischen irdischen und himmlischen Sphären endet.
Die technische Realisierung verdient ebenfalls eine Erwähnung. Electric Fields wurde 2022–2023 in La Fabrique des Ondes (Saint-Pée-sur-Nivelle) aufgenommen, und obwohl nur in Stereo verfügbar, ist die Klangpalette besonders reich — besonders bei der Wiedergabe über Kopfhörer. Schallschichten gleiten übereinander wie dünne Glasuren, subtiles Rauschen verwandelt sich in rhythmisches Gewebe, und Atem wird Musik.
Was diese Platte so besonders macht, ist nicht nur die musikalische Vorstellungskraft, sondern die kohärente Ästhetik, die Hannigan und ihre Partner zu evozieren vermögen. Trotz der großen stilistischen und zeitlichen Bandbreite — von 12. Jahrhundert Mystik bis zur 21. Jahrhundert Elektronik — fühlt sich Electric Fields wie eine lange Trance an, eine sonore Vision, in der Geschichte und Gegenwart verschmelzen.
Für diejenigen, die Hannigan bereits als unermüdliche Erkunderin neuer Musik kennen, ist dieses Projekt ein logischer, wenn auch überraschend spiritueller nächster Schritt. Für Hörer mit einem offenen Ohr für das Ungewöhnliche, das Sinnliche und das Erhabene ist Electric Fields nichts weniger als eine Offenbarung.
Empfohlen für diejenigen, die sich Musik sehnen, die Grenzen verwischt, Zeit aufhebt und die Stimme erhebt.