Carl Philipp Emanuel Bach - From Berlin to Hamburg
(C.Ph.E.) Bach: Sinfonie in C, Wq. 174 - in D, Wq 176 - in e, Wq 177 - in G, Wq 182 nr. 1 - in C, Wq 182 nr. 3 - in A, Wq 182 nr. 4 - in b, Wq 182 nr. 5
Akademie für Alte Musik Berlin u.L.v. Mayumi Hirasaki & Georg Kallweit (Konzertmeister)
Harmonia Mundi HMM 902317 • 72' •
Aufnahme: Jan. 2023, b-sharp, Berlin
Diejenigen, die mit Barockmusik ausreichend vertraut sind, verstehen den Untertitel sofort: From Berlin to Hamburg. Für diejenigen, die weniger informiert sind, kann diese Erläuterung dienen.
Wie stand es musikalisch um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts? Johann Sebastian Bach war 1750 gestorben. Sein 1714 geborener zweiter Sohn, Carl Philipp Emanuel Bach, war nicht in seine Fußstapfen getreten, sondern hatte sich einem ganz neuen Stil zugewandt. In seiner 1773 erschienenen Autobiografie blickt er auf die Jahre um 1740 zurück, als die Berliner und Dresdner ‚Hofkapellen' zu großen Höhen aufgestiegen waren und die in ihrer Umgebung tätigen Komponisten darauf erfindungsreich zu reagieren wussten: ‚Wer kennt den Zeitpunkt nicht, in welchem mit der Musik sowohl überhaupt als besonders mit der accuratesten und feinsten Aufführung derselben, eine neue Periode sich gleichsam anfieng, wodurch die Tonkunst zu einer solchen Höhe stieg.'
Für diese ‚Tonkunst' wurde ein neuer Name geprägt: ‚empfindsamer Stil', ‚empfindsam', in den Worten des Bach-Kenners Peter Wollny:
‚Die Formulierung von individuellen und unverwechselbaren Themen, die treffende Deklamation eines vorgegebenen Textes, das Umsetzen eines bestimmten Affekts, die Erweiterung der Palette musikalischer Ausdrucksmöglichkeiten – dies sind nur einige der Bereiche, mit denen ein Komponist des empfindsamen Zeitalters sich auseinandersetzen musste.'
Der Berliner Kapellmeister und Musikpublizist Johann Friedrich Reichardt benannte es 1776 so:
‚Man erkennt [C.Ph.E.] Bachs Original-Geist an allen seinen Werken, auch an den kleinsten Stücken; alle tragen den Stempel der Originalität; und alle sind unter hundert anderen Stücken kenntlich, wiewohl in jedem Erfindung und Neuheit ist.'
Das Neue und ‚Empfindsame' kam insbesondere in den Instrumentalwerken von C.Ph.E. überzeugend zum Ausdruck. Denn da war es: die farbenfrohe Pracht, der Esprit, das Außergewöhnliche, der eigenständige Charakter, die diese Musik ausstrahlte, Eigenschaften, von denen selbst Haydn und Mozart beeindruckt waren. Es war eine Musiksprache, die mit den bedrückenden Traditionen und Konventionen abrechnete und stattdessen eine völlig eigene Identität hervorbrachte.
C.Ph.E. hat nie unter den Tisch gekehrt, dass er seinem ehrwürdigen Vater viel Dank schuldete (der Thomaskantor war sein erster und einziger Lehrer), aber dass die so vertraute, in einer langen Kette von Traditionen verwurzelte Musik nach seiner Überzeugung inzwischen etwas ganz anderes erforderte, etwas Sprechenderes, mit mehr Gefühl und Drama, erfüllt von überraschenden melodischen und harmonischen Wendungen. Der ‚empfindsamer Stil' war geboren.
Es sind C.Ph.E.s Sinfonien (auf diesem Album sind fünf zusammengefasst), die diesen Stil vielleicht noch am besten zum Ausdruck bringen. Sicherlich mussten die Kompaktheit und Intensität damals mindestens als überraschend empfunden werden, obgleich trotz des unruhigen Charakters dieser Musik das klassische Formmodell beibehalten wurde: das bewährte schnell-langsam-schnell blieb dabei meist intakt.
Die damals progressivsten im Genre gelten die sechs von dem wohlbekannten Baron Van Swieten, damals österreichischer Gesandter am Preußischen Hof, bestellten sogenannten Hamburger Sinfonien aus 1773 (auf diesem Album hören Sie vier davon: die Sinfonien Wq 182 Nr. 1, 3–5). Van Swieten gab dem Komponisten konzeptionell freie Hand, mit dem Ergebnis eines wahrlich ‚ohrenverblendenden' Musikpanoramas nur für Streichorchester. Es gibt die phänomenalen Einfälle, die ungeahnte Erfindungsreichtum, die vielen überrumpelnden Tonartenwechsel, die großen dynamischen Kontraste und die mit viel Raffinement und einem stark entwickelten Gespür für Spannung und Entspannung angebrachten Zäsuren. Aufregend und frisch, so frisch klingen sie noch heute; freilich in guten Händen. Wobei man fast vergessen würde, dass C.Ph.E. einer der wichtigsten Klavierkomponisten seiner Zeit war. Kurz gesagt, er gilt als Hauptfigur im Übergang vom Barock zur Wiener Klassik.
Die hier aufgeführten Berliner Sinfonien Wq 174 bis 177 waren bereits um 1755 entstanden, also nur etwa fünf Jahre nach dem Tod des Vaters Bach. Der damals etwa vierzigjährige C.Ph.E. stand damals auf dem Höhepunkt seines Ruhmes. Auch in diesen Werken, obwohl achtzehn Jahre früher komponiert als die Hamburger Sinfonien, wird der Hörer wiederholt auf die falsche Fährte geführt, wimmelt es von Gemütswechseln, harmonischen Neuheiten, ist da der starke rhythmische Puls und die ebenso überraschenden Zäsuren. Was die Sinfonien insgesamt miteinander teilen, ist trotz ihrer klassischen Formgebung ihre Unvorhersehbarkeit. Es ist dieser Bach, der auch in strategisch aufgebauten Kontrasten auszeichnete, nicht nur in Bezug auf die Dynamik, sondern auch durch die vielen geschickt ausgearbeiteten Modulationen innerhalb nur eines Satzes. Erst am Ende wird die Spannung durch die Rückkehr in den ‚Heimathafen', die Tonika, genommen.
In seinen Erläuterungen weist Wollny innerhalb dieses Rahmens auf den besonderen Charakter der Sinfonie Wq 177 hin:
'Das virtuose Werk mit seiner einzigartigen düster dräuenden Stimmung hinterließ bei den Zeitgenossen großen Eindruck; noch 1772 empfahl der zu der Zeit bereits in Wien lebende Johann Adolph Hasse dem englischen Musikreisenden Charles Burney, sich diese Sinfonie nach Möglichkeit zu besorgen, da er sie „für die Beste hielte, die er in seinem Leben gehört hätte".'
Im abgedruckten Gespräch bemerkt einer der beiden Konzertmeister, Georg Kallweit, dass die Charakteristiken und Entwicklung der Akademie für Alte Musik Berlin (Akamus) sehr eng mit den Sinfonien von C.Ph.E. verbunden sind. Dass in den frühen achtziger Jahren von Musikern aus Berlin und Leipzig dafür der Grundstein gelegt wurde, basierend auf der historisierenden Aufführungspraxis und gleichfalls historischen Instrumenten. Johann Sebastian Bach stand zwar an der Wiege des Ensembles, bald darauf gefolgt von der Musik von C.Ph.E.
Es war der damalige Konzertmeister Stephan Mai, der die ersten wichtigen Schritte zur heutigen Form des Ensembles unternahm. Dabei spielte der „drastische" und „provozierende" Charakter von C.Ph.E.'s Kompositionen eine wichtige Rolle. Es fühlte sich an, als wären sie ihm und damit dem Ensemble sozusagen auf den Leib geschrieben. Auch damals schon lag die Messlatte sehr hoch, war es Mais Klangvorstellung, die höchste Anforderungen stellte. Mit fortschreitender Zeit und neuen Konzertmeistern änderten sich Klang und Artikulation. Allein deshalb ist es interessant, ältere Aufnahmen von Akamus zu hören. Darin stecken dreißig Jahre Entwicklung und fortschreitendes Verständnis. Das geschieht nicht in großen Sprüngen, aber wer kritisch hört, erkennt, dass es durchaus wichtige Schritte waren.