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Chantal De Waele und die Nostalgie nach dem Neuen

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· 5 Min. Lesezeit
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Chantal De Waele und die Nostalgie nach dem Neuen

In einer Präsentation unter dem Titel 'Das Radio als virtuelle Konzertsaal' hält die ehemalige Radiomacherin und Mitarbeiterin dieser Website, Chantal De Waele, ein leidenschaftliches Plädoyer für MEHR, VIEL MEHR neue Musik auf dem öffentlichen Rundfunk.

Was ist neue Musik eigentlich, fragt sich Chantal. Sie zeigt ein Videofragment mit der Komponistin Hanne Deneire, die viel mit Kindern arbeitet. Für ein fünfjähriges Kind ist alle Musik neu, es geht ganz in Klängen auf, die vielen Menschen in Chantals Gehör etwas problematisch zu sein scheinen.

VOR der Präsentation –offiziell 'Vortrag'– sagt der Vorsitzende der organisierenden Orde van den Prince, dass er sich SEHR freut über den Besuch: etwa hundert Mitglieder, schätze ich, sind gekommen, besser als er gefürchtet hatte, denn das Thema ist –sagt er– doch etwas 'schwierig'.

Chantals Präsentation entstand auf Anfrage des mit der KU Leuven verbundenen Zentrums für Neue Musik, Matrix. Für wissenschaftliche Forschung war kein Geld vorhanden, daher gab sie einen historischen Rückblick aus ihrer langen Erfahrung bei der öffentlichen Rundfunkanstalt. 1989 begann sie bei der Rundfunkanstalt, in Flagey, dem wunderschönen Art-Deco-Gebäude in Elsene, das in den 1960er Jahren noch eine 'Soundfactory' war, wo eine Vielzahl von Komponisten, die oft auch Toningenieure waren, ein Pflanzhaus für neue Klänge geschaffen hatten. Ein großer Name war Louis De Meester, 'Musiker-Modulator', auch Direktor des Instituts für Psychoakustik und Elektronische Musik (IPEM) in Gent, Komponist einer Radio-Oper, 'Die große Versuchung des heiligen Antonius'.

Ich bemerke bei Chantal De Waele eine Nostalgie nach dieser Zeit, in der der Konzertsaal, mit viel –gemessen am Zeitsegment– neuer Musik, prominent ins Wohnzimmer gebracht wurde. Sie zitiert gerne John Reith, Manager der BBC 1922 –damals ein Privatunternehmen– der postulierte, dass man den Hörer nicht fragen sollte, was er gerne hört. So schaffst du eine 'fiktive Nachfrage nach niedrigen Standards'. Nein, Radiomacher sollten das Publikum erziehen: Horresco referens, jetzt, dieses aus der Aufklärung stammende Bildungsideal.

Das Scharnierj Jahr war 1973, argumentiert Chantal: das Jahr des Berichts des Club of Rome und die Ölkrise beendete die trente glorieuses, die kleine dreißig Jahre nach WOII, in denen Glaube an Fortschritt und Machbarkeit herrschte (ein Amerikaner auf dem Mond!). Seitdem blicken wir auf die Welt als ein Theater von Krisen, und der Markt hat es vom misstrauten Staat übernommen. Also auch von der öffentlichen Rundfunkanstalt. Nichts von Bildung. Wohl das geheiligte Paar Nachfrage & Angebot.

Während der –gesamte-- NIR bei der Gründung 1930 von der Regierung ersucht wurde, ein 'qualitativer und prestigeträchtiger Kulturfunk von hohem Niveau' zu sein, bekommt Klara jetzt die Aufgabe, eine 'Fluchtburg' im hektischen Leben des Hörers zu sein. Ein Streichquartett von Luigi Nono wird ein Radiomacher nicht gerne programmieren, mit dieser Aufgabe im Hinterkopf. Es gibt da 'keine Nachfrage nach' und ein Hörer kann da nicht gedankenlos hineinflüchten. Obwohl Chantal in ihrem Programm 'Meisterwerk' (2008-2012) Nono doch programmieren konnte, mit einer kommunikativen Musikologin als Führerin.

Während die öffentliche Rundfunkanstalt bis in die 1970er Jahre direkte und gewagt e Konzerte ausstrahlte, und Komponisten-Produzenten wie Karel Goeyvaerts und André Laporte Leiter waren, gibt es jetzt kein eigenes Orchester mehr (seit 1997) und werden Aufnahmen aus Geldmangel dem Markt überlassen. Kontrolle über die VRT hat seit 1995 nicht mehr der Minister für Kultur, sondern der für Medien. Aufgabe der VRT jetzt ist: Drehscheibe eines Mediamarktes zu sein.

Innerhalb dieses überreißenden ökonomischen Modells gibt es sehr wenig Platz für neue Musik. Obwohl die Aufmerksamkeit nicht ganz verschwunden ist. 2019 beispielsweise kürte Klara Annelies Van Parys zur Musikpersönlichkeit des Jahres. 'Eier oder Jung', sagt Chantal: wie oft ist ihre Musik auf dem Klassischen Radio KlaRa zu hören?

Viel mehr Zeit und Mittel gehen in Publikumswerbung. Die stark vermarktete Top 100, zum Beispiel. Ich nehme selbst noch einmal die Probe aufs Exempel: auf der Website https://klara.be/stem/klaratop100 kannst du den Namen des Komponisten deiner Wahl eingeben, und dann bekommst du eine Liste mit Werken, die du bevorzugen kannst. Händel: 59 Suchergebnisse. Schubert: 34. Brewaeys (selbst bis zu seinem zu frühen Tod 2015 Mitarbeiter von Klara): 1. Ligeti: 0. Nono: 0. Goeyvaerts: 'Sorry, wir haben keine Nummer oder keinen Künstler gefunden. Vielleicht einen anderen Suchbegriff?' Du könntest auf Pärt abstimmen: letztes Jahr stand er auf eins (und weiter in der Liste prangt er noch ein paar Mal), Gorecki auf 22, Richter auf 30. Die Neue Einfachheit –in den Ohren mancher Edelkitsch-- liegt gut im Markt. Und ist also auch tagsüber auf Klara zu hören.

Ganz verschwunden ist die neue Musik nicht, stellt Chantal auch fest. Sie möchte das Publikum für die Late Night Programme von Klara begeistern: Valckenaers & Vanhoudt (Gerrit Valckenaers ist der einzige Komponist, der noch für Klara arbeitet, und er war es, der Chantal im Namen von Matrix bat, diese Präsentation zu halten), und besonders: Late Night Lab. Es sind keine Prime-Time-Ausstrahlungen, aber über die Klara-App kannst du natürlich auch tagsüber hören.

Chantal schickt uns zum Schluss mit einigen Fragen in die Nacht: Warum schlägt Siegfried Bracke vor, Klara zu einem digitalen Sender zu machen? Warum gibt es keine Skandalkonzerte mehr (Urbeispiel: die Sacre in Paris, 1913)? Ist es, weil wir gleichgültig geworden sind? Und: Warum gibt es keinen Jan Hoet der neuen Musik?

Werner Trio wohnte dem Vortrag 'Das Radio als virtuelle Konzertsaal' in der Uraufführung bei, im GC Den Bussel in Keerbergen, am Freitag, 4. November 2022.

Die Präsentation ist als Gastlektion in Akademien, Kunsthumanoras, Kulturvereinen und Clubs für den neugierigen Musikliebhaber verfügbar, …

Sie wurde im Auftrag von Matrix, Centrum voor Nieuwe Muziek, entwickelt.

Minderbroederstraat 48 – 3000 LEUVEN
00 32 (0)16 33 20 43 – info@matrix-new-music.be

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