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Cydonia Barocca 2026 – die Oboe als Kompass

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Cydonia Barocca 2026 – die Oboe als Kompass
© voxtemporisvzw, Igor Sirotinsky

Wer das Genter Pfingstwochenende noch immer mit Folklore und Trubel verbindet, entdeckt mit Cydonia Barocca eine der eigenwilligsten Barockinitiativen in Flandern. Cydonia Barocca verfolgt seit Jahren einen Kurs, der quer zur klassischen Konzertpraxis steht: kein Repertoirekarussell bekannter Meisterwerke, sondern eine besonnene, fast hartnäckige Erkundung des selten gehörten Repertoires. Auch 2026 bleibt dieses Ausgangsprinzip bestehen, mit der Oboe als Leitfaden.

Das Prinzip ist ebenso einfach wie radikal. Drei Komponisten – Johann Sebastian Bach (1685-1750), Georg Philipp Telemann (1681-1767) und Christoph Graupner (1683-1760) – bilden auch dieses Jahr, vom Samstag 23. bis Montag 25. Mai, den festen Referenzrahmen, werden aber jeweils durch ein Instrument beleuchtet. Das zwingt zu Entscheidungen und vor allem zum Ablegen von Routine. Bekannte Werke machen Platz für selten gehörte Kompositionen, und Ausführende werden in temporäre Konstellationen zusammengebracht, die eher Neugier als Routine wecken.

Im Zentrum von allem steht Florian Heyerick, die treibende Kraft hinter dem Festival. Seine Rolle lässt sich schwer in einem Wort zusammenfassen: Er ist gleichzeitig Kurator, Dirigent, Erzähler und – nicht zuletzt – Anstifter musikalischer Neugier. Heyericks langjähriges Engagement für das Oeuvre von Graupner klingt auch hier an, aber ohne je doktrinär zu werden. Im Gegenteil, er baut Programme, die Fragen stellen statt Antworten zu geben.

Die Ausgabe 2026 rückt die Oboe als dramaturgisches Instrument in den Vordergrund. Das erweist sich als keine beliebige Wahl. Im Barockrepertoire nimmt die Oboe einen besonderen Platz ein: als Solistin, als Farbe im Orchester und als rhetorisches Instrument, das die Affektenlehre fast greifbar macht. Ihr Klang – zugleich eindringlich und verletzlich – fungiert hier als Leitfaden durch das Programm.

Das Programm entfaltet sich als eine sorgfältig aufgebaute Gedankenbewegung. Das Eröffnungskonzert „De profundis aut de caelis?" setzt sogleich den Ton mit einer Erkundung der expressiven Extreme der Oboe bei Bach, Telemann und Graupner. Anschließend vertiefen Vorträge wie „Bach und die Oboe?", „Telemann und die Oboe?" und „Graupner und die Oboe?" den historischen und stilistischen Kontext, ohne in akademische Trockenheit zu verfallen.

Kammermusik nimmt einen prominenten Platz in Konzerten wie „Petite musique de chambre?" und „All of Telemann?" ein, wo sich die Oboe als Partnerin im Dialog erweist statt als solistisches Aushängeschild. Das Abschlusskonzert „Also hat Gott die Welt geliebt?" bringt das Instrument in seiner rhetoriksten Gestalt, eingebettet in Kantaten, in denen sich vokale und instrumentale Linien verflechten.

Bemerkenswert ist auch die Öffnung außerhalb des strikten Barockkontextes. Im Familienkonzert „Double Trouble?" wird die Welt des Doppelrohrblattes zu anderen Stilen hin geöffnet, mit einem Augenzwinkern sowohl zur Renaissance als auch zum Jazz. Dabei verschiebt sich der Fokus von rein historisch informierter Aufführung hin zu einer breiteren musikalischen Praxis, in der auch Improvisation und zeitgenössische Spielweisen ihren Platz finden. Das ist charakteristisch für ein Festival, das nicht angst hat, Grenzen zu erkunden, solange die musikalische Integrität gewahrt bleibt.

Wie immer ist Cydonia Barocca mehr als eine Reihe von Konzerten. Präsentationen, eine offene Bühne für (Barock-)Oboisten und informelle Treffen sind integraler Bestandteil der Erfahrung. Das Publikum wird nicht bedient, sondern herausgefordert – und genau darin liegt die Stärke des Konzepts.

Cydonia Barocca 2026 bestätigt, was das Festival schon seit Jahren nahelegt: Die Barockzeit ist keine abgeschlossene Vergangenheit, sondern eine lebendige Werkstatt. In dieser Werkstatt wird die Oboe diesmal zum Kompass – weniger Solistin als richtungweisendes Element des Hörens selbst.

Und dann ist da noch die Quitte, nach der sich das Festival benannt: ein stiller Leitfaden, der dich von einer zur anderen erfrischenden und manchmal unerwarteten kulinarischen Entdeckung führt. In ihrer Rundheit, Fülle und sanften Intensität spiegelt sie etwas von der greifbaren Schönheit des deutschen Barock – eine Ästhetik, die nicht nur gehört, sondern auch gekostet und erfahren werden will. Klassisk Centraal freut sich schon auf diese Entdeckungstour und wird in den kommenden Konzerten noch berichten.

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