Von Gust Cambré
Im April 2015 realisierte Ensemble Pygmalion unter der Leitung des jungen Raphaël Pichon die erste DVD-Aufnahme von Jean-Philippe Rameau's Dardanus in der Opéra Nationale ihrer Heimatstadt Bordeaux. Michel Fau, der für die Inszenierung verantwortlich war, beschrieb die Oper in einem Promotionsvideo des Plattenlabels Harmonia Mundi als „extravagant, radikal und voller Kitsch, aber ein edler Kitsch, der eigentlich ein Stil an sich ist". Eine Beschreibung, mit der er möglicherweise nicht nur auf die Oper selbst anspielen wollte, sondern auch auf seine eigene Interpretation derselben. Obwohl Rameau und sein Librettist Charles-Antoine Leclerc de la Bruère nach der Uraufführung von Dardanus im November 1739 viel Kritik einstecken mussten, war es musikalisch gesehen mit dem Original nicht viel falsch. Die Kritik bei der Uraufführung der Oper richtete sich hauptsächlich gegen das inhaltlich schwache Libretto. Abgesehen vom Inhalt gelang es Pichon und Fau, eine glänzende musikalische und visuelle Aufführung von Rameaus Dardanus auf DVD zu verewigen. Diese Version von Dardanus war für mich das dritte vollständige Werk, das ich von Ensemble Pygmalion aufgeführt hörte, nach Michaël Haydns Requiem und Bachs Matthäuspassion. Auch diese Interpretation von Dardanus erfüllt alle (hohen) Erwartungen und enttäuscht nicht. Ensemble Pygmalion ist wie sein Dirigent jung und dynamisch und durch seine Vielseitigkeit eines der heißesten Ensembles Frankreichs. Dirigent und Ensemble gelang es gemeinsam, eine leichte, dynamische Aufführung und wunderbare Verzierungen zu schaffen. Besonders das herrlich farben- und schmuckreich klingende Cembalo kommt wunderbar durch und passt perfekt zum extravaganten Charakter der Oper. Selbst Effekte wie Donner und Blitz während des Sturms in der vierten Szene des vierten Aktes sind hervorragend umgesetzt und machen das Erleben der Geschichte umso interessanter. Nicht nur die musikalische Aufführung, sondern auch die Kostüme und Inszenierung machen das Gesamtpaket besonders angenehm und zugänglich. Was besonders auffällt, ist die Wahl von extravaganten und kitschigen, aber historisch inspirierten Kostümen in Kombination mit unnatürlich aussehenden Perücken statt realistischen. Damit scheint sich die Geschichte eher in einer Märchenwelt abzuspielen als in der Realität, etwas, das möglicherweise nicht die Absicht des Komponisten war, aber für ein zeitgenössisches Publikum vielleicht etwas zugänglicher ist als eine historisch korrekte Aufführung. Sicherlich passt eine Oper mit nicht allzu schwerem Thema, wie auch Dardanus, unter den richtigen Umständen in ein modernes Gewand. Besonders die zweite Szene des vierten Aktes mit dem Trio der drei „Träume" und Chor (auf der DVD um 2h11min) wurde auffallend schön gebracht, sowohl visuell als auch vokal und musikalisch. Die Schauspieler passen jeder für sich wunderbar in ihre Rolle, aber Karina Gauvin (Venus) gefällt mir weniger als der Rest des Ensembles. Als üppigere Frau passt sie hervorragend in die Rolle der Liebesgöttin Venus, zumal wenn man das Schönheitsideal des 18. Jahrhunderts anstrebt. Ihr Vibrato ist jedoch so übertrieben, dass es von der Musik ablenkt und es außergewöhnlich ermüdend macht, zuzuhören. Sicherlich ist ein solches Vibrato in Barock(opern) meiner Meinung nach weniger angebracht als beispielsweise in Opern des 19. Jahrhunderts. Auch Gaëlle Arquez ist als hübsche, junge Frau eine ausgezeichnete Wahl für die Rolle der Iphise. Wie Karina Gauvin verwendet auch sie ein starkes Vibrato, aber es ist weniger störend, weil die Tonhöhenschwankung geringer ist als bei Gauvin. Iphise kommt sicherlich als stärkste weibliche Figur hervor, möglicherweise auch mitbestimmt durch ihre wichtige Rolle. Katherine Watson (l'Amour) hat meiner Meinung nach jedoch die angenehmste Stimme und ist vokal am stärksten. Auch die Stimmen der drei männlichen Schauspieler, nämlich die des Tenors Reinoud Van Mechelen als Dardanus, des Baritons Florian Sempey als Antenor und des Basses Nahuel Di Pierro als Teucer (und Ismenor), passen besonders gut zu ihren Figuren. Sie erfüllen alle drei sublime ihre Rolle(n), weshalb es kaum etwas an ihren Leistungen auszusetzen gibt. Mit wenigen Ausnahmen gibt es also an dieser ersten DVD-Aufnahme von Rameaus Dardanus wenig zu beanstanden. Ensemble Pygmalion unter der Leitung von Raphaël Pichon sorgt für wunderbare Musik, während Michel Fau mit einer ausgezeichneten Kostümierung für den visuellen Genuss sorgt. Die Schauspieler passen, wie gesagt, wunderbar in ihre Rolle und singen, zumindest die meisten unter ihnen, mit größter Finesse. Die Kombination zwischen einem vielseitigen Ensemble und einem dynamischen Dirigenten einerseits und stahlharten Schauspielern andererseits macht diese Version von Dardanus zu einem Must-Watch für jeden Liebhaber von Rameaus Werk, Barockoper im Allgemeinen, und ja, auch die „eingefleischten" Lullysten unter uns sollten dieser Aufführung eine Chance geben.- WAS: Dardanus von Jean-Philippe Rameau
- WER: Aufführung: Ensemble Pygmalion u.L.v. Raphael Pichon
- STIMMEN: Reinoud Van Mechelen (Dardanus), Gaëlle Arquez (Iphise), Florian Sempey (Antenor), Nahuel De Pierro (Teucer und Ismenor), Karina Gauvin (Venus)
- AUSGABE: Harmonia Mundi – HMD 9859051.52[embed]https://www.youtube.com/watch?v=M1j394jbdDM[/embed] [embed]https://www.youtube.com/watch?v=Rtxv6lLWenk[/embed]