An einem trostlosen Samstagnachmittag im Dezember begibt sich die Familie Langeveld nach Brüssel. Wir wollen die Eröffnung der Ausstellung In den Fußspuren von Bruegel und des Jahresmaßstabs von Bert De Keyser besuchen. Organist und Komponist Jan van Landeghem wird das Fest mit Musik von Brügels Zeitgenossen und einer neuen Komposition von sich selbst bereichern.
Ein Galgen mit einer Elster darauf, die neben der Kirche neben dem Frittenladen auf dem Kapellekerkplein aufgestellt ist, der schneidende Wind und der eiskalt Regen verleihen dem Kapellekerkplein eine wahre Bruegelsche Atmosphäre. Wir sind sofort in der richtigen Stimmung. Als wären wir in einem der Gemälde des alten Meisters gelandet. Einmal drinnen in der Dämmerung der Kirche wird unsere Stimmung durch sanfte Orgelmusik, das in dunkle Regenbekleidung gehüllte tropfende Publikum und Bert De Keyser, der in seinem langen Mantel und Hut auch sehr sechzehntes Jahrhundert aussieht, noch verstärkt.
Wir werden etwas verwirrt durch die Tatsache, dass hier mehrere Ausstellungen laufen. Bruegel Die große Flucht läuft hier bereits seit letztem Jahr. Es geht darum, Figuren zu finden, die aus Brügels Gemälden entkommen sind und sich in der Kirche versteckt haben. Riesig lustig für die Kinder!
Kurator und Künstler Bert de Keyser hat jedoch auch eine Reihe von Werken alter und zeitgenössischer koreanischer Künstler im Rahmen eines Projekts East meets West zusammengetragen, um ihre Verwandtschaft mit Bruegel zu zeigen.
Schließlich hat er einen Grabstein für den in der Kirche ruhenden Meister entworfen und draußen diesen Galgen aufgestellt, eine originalgetreue Kopie des Galgens, der auf Brügels Gemälde Der Galgen und die Elster (1568) abgebildet ist. Komplett mit Elster und seltsam verdrehten Pfosten. Das bietet ein Eindruck- und Abschreckungsbild.
Für das Original musst du nach Darmstadt. Wir sind Bert dankbar, dass er uns hier an der Botschaft dieses Werkes teilhaben lässt: Das charakteristische Flügelschlagen der Elster ist Symbol für das Klatschen von Zungen, das sind die schwatzenden Zungen von Gerüchtemachern und Verleumdern, die Menschen an den Galgen bringen. Der Bezug zu unserer von Klatschmedien beherrschten Zeit ist unvermeidlich. Und so schreit dieser Galgen nach fünfhundert Jahren ungemindert seine erbauliche Botschaft heraus. 'Ihr werdet nie wieder klatschen!' Aber bis dahin müsst ihr zunächst euer Twitter- und/oder Facebook-Konto kündigen oder müsst ihr lieber gleich ganz Abstand von eurem so geliebten Smartphone nehmen!
Der neu ernannte Minister des Brüsseler Gebiets Sven Gatz ist gekommen, um kurz das Wort zu ergreifen und ein Band am Galgen durchzuschneiden. Wir betrachten Brügels neuen Grabstein und dann ist es Zeit, dem Organisten Jan van Landeghem zuzuhören, der einige Höhepunkte der flämischen Polyphonie von Lassus, Sweelinck und Heredia zu Gehör bringt. Wunderbare ergreifende Musik, die sogar von meinem ältesten Sohn – persönliches Motto: Ich hasse klassische Musik – leise mitgesummt wird. Zwischen dieser polyphonen Gewalt fehlt Van Landeghems neue Komposition La gazza sulla Forca (die Elster auf dem Galgen) nicht. Ein originelles und faszinierendes Werk, in dem auf naturgetreue Weise das Flattern und Kratzen einer Elster nachgeahmt wird. Nie gewusst, dass so etwas auf einer Orgel möglich ist.
Nach der Veranstaltung wird der Durst mit einem Glas Geuze-Bier gelöscht. Die hungrigen Söhne dürfen im angrenzenden Frittenladen eine Portion Pommes frites holen. Ein sympathisches Angebot und ein ausschlaggebendes Argument, um sie auf diesen Ausflug mitzunehmen.
Gewärmt durch Speise und Trank begeben wir uns nach Hause.
Wir können auf eine gelungene Veranstaltung zurückblicken, die in ihrer ganzen Schlichtheit und Bescheidenheit eine notwendige und einprägsame Botschaft vermittelt.
- WAS: In den Fußspuren von Bruegel und des Jahresmaßstabs
- WER:
- WANN: 14. Dezember 2019
- WO: Kapellekerk, Brüssel
- FOTOS: mt