**** Bei Brilliant Classics erschienen die vollständigen Violinsonaten von Heinzich Ignaz Franz Biber von Bibern, kurz Biber (1644-1704), aufgeführt vom Ensemble Violini Capricciosi. Ergreifend schöne Musik, ebenso ergreifend schön vorgetragen vom Ensemble. Denken Sie, dass Sie Barock nicht mögen? Dann haben Sie Biber noch nicht gehört.
Die Sonaten wurden auf 5 CDs verteilt: die ersten beiden umfassen die 15 Mysterien des Rosenkranzes, CDs 3 und 4 die Salzburger Sonaten und Nummer 5 enthält die 4 Sonaten des Minoritenklosters (Franziskanermönche) in Wien, ergänzt durch das frühe Werk Sonata Representativa (1669), möglicherweise eines der ersten Programmmusikwerke der Musikgeschichte.
Biber war ein österreichischer Komponist und Geiger böhmischer Herkunft. Er wurde in der heutigen tschechischen Stadt Straz Pod Ralskem (damaliges Wartenberg) geboren, wurde aber Kapellmeister bei der berühmten Kapelle des Fürstbischofs von Olomouc (Olmütz) in Mähren, später Komponist, Geiger und Verwalter des Salzburger Erzbischofs Maximilian Gandolph von Khuenburg. Von Kaiser Leopold I. Habsburg wurde er in den Adelsstand erhoben, daher "von Bibern".
Als Geiger galt er als einer der besten seiner Zeit, aber auch als Komponist hat er Maßstäbe gesetzt: Er wurde Meister der Scordatura, einer Technik, bei der die Saiten der Geige, normalerweise in Quinten gestimmt (g-d-a-e), anders gestimmt werden (zum Beispiel c-e-a-e oder a-e-a'-e'). Diese Technik ermöglicht es dem Komponisten, mit verschiedenen Klangfarben und polyphonen Effekten zu experimentieren. Dies macht es für die Ausführenden jedoch nicht leichter.
Dennoch weiß das Ensemble Violini Capricciosi damit umzugehen. Die Aufführung klingt trotz der Virtuosität der Stücke flüssig, ausgewogen und beweglich. Die 15 Rosenkranz-Mysteriensonaten erhalten durch die Scordatura eine eigene Farbe und einen eigenen Charakter. Sie sind daher nicht programmatisch, sondern fassen die Mysterien in Klangbilder und Atmosphären. Echte Fantasie! Darüber hinaus perfekt aufgeführt. Und man bekommt obendrein eine zehnte Sonate hinzu: "die Kreuzigung", ebenfalls gefasst in Atmosphären und Bildern, obwohl wer gut zuhört, doch die Nägel im Kreuz hämmern hört. "Die Kreuzigung" ist musikalisch übrigens identisch mit - aber einen Ton tiefer komponiert als - Bibers "Mars der Türken", in dem die Belagerung Wiens (1683) durch die Osmanen dargestellt wird.
CDs 3, 4 und 5 sind etwas verspielter, aber deshalb nicht weniger hochwertig. Die Musiker zeigen eine großartige Leistung und spüren die Musik deutlich. In der abschließenden Sonata Representativa in A aus 1669 (im Booklet fälschlicherweise auf 1689 datiert) wird, wie gesagt, der programmatische Weg eingeschlagen. Nachtigall, Kuckuck, Frosch, Huhn, Hahn, Wachtel und Katze springen lustig herum. Ein schöner Abschluss einer hörenswerten CD-Box. Wer Biber noch nicht kannte, weiß jetzt Bescheid. Wer ihn schon kannte … auch!
- WER: Ensemble Violini Capricciosi | Igor Ruhadze, Violinsolo
- WAS: Vollständige Violinsonaten von Biber
- AUSGABE: Brilliant Classics, Nr. 95291