Regelmäßig ist das Ballet de L'Opéra de Lyon zu Gast in deSingel. Diesmal war das Ensemble an drei aufeinanderfolgenden Tagen mit hochwertigem Repertoire von William Forsythe und einer Kreation des griechischen Choreografen Ioannis Mandafounis programmiert. Es passt zusammen. Er tanzte selbst einmal in der Kompanie von Forsythe. Eine ausgewogene Triple Bill des zeitgenössischen Balletts.
'BIS N. S.' (AS USUAL) Choreografie Ioannis Mandafounis
Woher holen sich Künstler ihre Inspiration? Manchmal sind die bizarrsten Dinge der Auslöser, um die Fantasie in Gang zu setzen. Auf Basis einer Zugabe (Bis) von Nina Simone nach ihrem Konzert beim Montreal Jazz Festival 1979 setzte er seine Choreografie um. Auf der riesigen Bühne stehen nur ein Mikrofon und zentral in der Mitte ein Flügelpiano. Ioannis Mandafounis zieht das Publikum sofort in die Vorstellung. Eine bunt gekleidete Gruppe ausgelassener junger Menschen stürmt johlend und klatschend nach dem beeindruckenden Auftritt von Nina Simone auf die Bühne. Ihr Hunger ist noch nicht gestillt. Sie wollen MEHR. Der Moderator dankt Nina Simone und ja…. Eine Zugabe drängt sich auf. Die Jugendlichen hängen vernarrt an und um das Piano. Bevor sie auf den Wunsch des Publikums eingeht, zieht Bühnenlöwe Nina Simone die Bande zu ihren Fans noch etwas enger und geht in Dialog. Sie erzählt ein paar Anekdoten, ist sogar ein wenig frech und fragt, ob David Bowie wirklich ein Mann ist?! Singt danach auf ihre unvergleichliche Art 'Stars' von Ian Janis und 'Feelings' von Albert Morris. Unterdessen erhält der Zuschauer einen Blick hinter die Kulissen. Die Tänzer bereiten sich auf ihren Auftritt vor: Sie dehnen die Muskeln, wärmen sich auf, eine Tänzerin wird bei einem Sprung schlecht aufgefangen und verletzt sich. Alle eilen herbei. Es wird ein wenig gespottet… Der Zuschauer kann zwei parallele Welten verfolgen. Teils auditiv: Nina Simone; teils visuell: das Tänzerkollektiv. „Die Nutzung des Raumes und das daraus resultierende Spiel der Perspektiven ist eine Widerspiegelung der mehrdeutigen Zweiteilung zwischen der inneren und äußeren Persönlichkeit des Künstlers", heißt es im Programmheft. Der Ansatz ist interessant. Das daraus Wesentliche auf der Bühne zu destillieren ist doch etwas dürftig. Das Ganze entbehrt dafür Körper und Glanz.
'N.N.N.N'. Choreografie William Forsythe
In diesem Werk (Weltpremiere 21. Nov. 2002) untersuchte William Forsythe explizit die geometrischen Möglichkeiten des Körpers mit Fokus auf die oberen Gliedmaßen. Eine Choreografie, die seit 2021 auch zum Repertoire des Ballet L'Opera de Lyon gehört. Vier Männer erkunden auf leerer Bühne Linien, Punkte, Kurven, Diagonalen im Raum. Sie wirken wie Roboter, die die Impulse, die zu ihren Armen gesendet werden, nicht beherrschen. Sie bewegen sich manchmal einzeln, zu zweit, oder kleben mit vieren zusammen. Sie greifen ineinander wie Büroklammern. Verstrickung, aus der sie sich in Windungen befreien. Aber nach einer Weile kleben sie dann doch wieder zusammen. Es gibt auch raffiniertes Bodenwerk zu sehen. Das Ganze hat viele Facetten: Dann wirkt es mechanisch, lustig, naiv oder gerade durchdacht. Ein Quartett, das viel Beifall vom Publikum erhielt.
'Quintett" Choreografie William Forsythe
'Quintett" (1993), in das William Forsythe Herz und Seele legte, ist eines seiner gehütesten Tanzwerke und wird allgemein als eines seiner größten und aufrichtigen Meisterwerke angesehen. Der Verlust eines geliebten Menschen war schon immer eine wichtige Inspirationsquelle für Künstler. Mit diesem lyrischen Walzer für fünf Tänzer schrieb Forsythe eine Hommage, eine letzte Liebeserklärung an seine sterbende Ehefrau, die Tänzerin Tracy-Kai Maier. Es ist eine Beschwörung des Todes. Die Uraufführung erlebte sie leider nicht. Sie wurde kaum 32 Jahre alt!
Die französische Psychologin und Autorin Jeanne Siaud-Facchin formulierte es einmal treffend so: „Kreativität ist die konkrete, magische Verbindung von Intelligenz, Klarheit und emotionaler Empfänglichkeit."
'Quintett' ist die zerebrale Synthese von Liebe in Bewegung umgewandelt. Eine visuelle und mentale Reise, die den Zuschauer in eine Welt aus Klang und Form, Freude und Schmerz, Gelassenheit und Widerstand, Introspektive und Ausdruckskraft eintaucht… Der Schmerz des Abschieds wird physisch spürbar. Forsythe kombiniert traditionelle Ballettechniken mit einer kraftvollen und wilden Form der Bewegung. Technisch brillant, verfeinert und atemberaubend.
'Quintett' zeigt fünf Tänzer, drei Männer und zwei Frauen in einem leeren Raum mit einer altmodischen Leuchtkiste und einem Spiegel, der vor einer Öffnung im Tanzboden aufgestellt ist. In jeder Beziehung gibt es Momente der Harmonie und Zärtlichkeit, aber auch Momente der Kollision. Diese Sphären: sanft und zart, aber auch anziehend und abstoßend, Körper, die aneinander prallen und sich gegenseitig abstoßen, werden in dieser Choreografie herzerwärmend verarbeitet. Forsythe lässt sich von der mitreißenden Musik des britischen Komponisten Gavin Bryars 'Jesus Blood Never Failed Me' leiten. Ein ikonisches Musikstück, das die Themen: Verlust, Hoffnung, Angst und Vertrauen in sich trägt. Er hörte diesen Refrain eines religiösen Liedes zufällig bei Waterloo Staton von einem alten Landstreicher singen und entdeckte, dass dieser Satz zu einer seiner Kompositionen passte. Die dreizehn Takte bildeten eine perfekte Kombination. Als Loop zusammengefügt, hat es eine fast hypnotische Wirkung. Die körnige Männerstimme wiederholt den Text immer wieder, während die Musik aufbaut: zunächst sehr leise, aber in der Lautstärke zunehmend, wie ein Perpetuum Mobile. Die Choreografie zeigt die Tänzer in einem nahtlosen Strom von Soli, Duetten und Trios in Bewegung im Kontrapunkt zu Gavin Bryars Musik. Tänzer fallen, fliegen im Nu in die Arme ihres Partners, darauf vertrauend, dass die Arme da sind, um sie aufzufangen und zu halten. Regelmäßig verschwinden Protagonisten in der Tiefe, kommen zurück, nehmen wieder teil am Geschehen. Gegen Ende blinkt die Leuchtkiste auf und zeichnet sich ein Lichtfleck mit Schatten im Hintergrund ab wie eine Übergangswelt. In einer letzten Sequenz lässt sich eine der Tänzerinnen mehrfach vertrauensvoll rückwärts in die Öffnung fallen. Sich dem Unvermeidlichen hingebend. Jedes Mal wird sie von starken Männerarmen aufgefangen, die sie zurückdrücken und am Leben erhalten wollen.
'Quintett' hält einen Spiegel vor: Als Menschen suchen wir nach Gleichgewicht, verfügen über eine erstaunliche Widerstandskraft, aber im Wesentlichen sind wir so verletzlich.
'Quintett' in wenigen Worten beschrieben: virtuos, extrem physisch und gefühlvoll. Die Choreografie ist heftig, aber niemals dunkel und schwer. Die Musik hat einen beruhigenden Faktor. Wenn der Vorhang fällt, bleibst du ein bisschen verwaist und mit Traurigkeit zurück.
Was: Ballet de L'Opera de Lyon
Wo: deSingel
Wann: 25. März 2022
Produktion: Ballet de L'Opera de Lyon
Choreografie: William Forsythe / Ioannis Mandafounis