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Die Flucht der Nachtigall über den eingesperrten Musiker

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· 5 Min. Lesezeit
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Die Flucht der Nachtigall über den eingesperrten Musiker

Sie kennen sicher das Märchen von Hans Christian Andersen über das eingesperrte Nachtigallchen des chinesischen Kaisers. Es muss einem mechanischen Vogel Platz machen, der auf Abruf genauso schön singt, allerdings immer das gleiche Liedchen. Made in Japan. Doch bald geht er kaputt. Woraufhin die Nachtigall zum Hof zurückkehrt und den Kaiser unter der Bedingung, in Freiheit leben zu dürfen, vom Tode errettet.

Mit diesem Märchen symbolisiert die Musikphilosophin Marlies de Munck die Position des heutigen Klassik-Musikers. Muss dieser Musiker nicht genau wie jener mechanische Vogel eine getreue Version einer Komposition liefern? Immer wieder aufs Neue, immer das Gleiche?

Welche Freiheit hat ein Musiker eigentlich noch, um eine Komposition nach seinem Willen zu gestalten oder um seinen eigenen künstlerischen Weg zu gehen?

In diesem bescheidenen, aber darum nicht weniger wichtigen Büchlein behandelt De Munck die prekäre Situation, in der sich der ausführende Musiker momentan befindet: die Spannung zwischen dem Streben nach Freiheit und dem immer enger werdenden Korsett der heutigen Aufführungspraxis.

Eine Bühnenaufführung muss nämlich heutzutage genauso perfekt klingen wie eine CD-Aufnahme. Wie berechtigt ist diese Anforderung, wenn man sich vor Augen führt, dass eine Studioaufnahme vollständig manipuliert wird und nichts anderes ist als eine Aneinanderreihung von Musikstücken? Eine Aufnahme auf LP oder CD ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein Stück elektronische Musik, das weit entfernt ist von einer Live-Aufführung.

Fehler machen ist heutzutage nicht getan, genauso wie eine Komposition auf eigene Weise zu interpretieren. Wer von der Norm abweicht, kann mit heftiger Kritik rechnen und läuft Gefahr, ausgeschlossen zu werden.

Es ist daher verständlich, dass Musiker ihre Zuflucht in sogenannten Betablockern suchen, um dem Leistungsdruck zu entgehen, bei einem Psychologen landen oder frühzeitig ihr Instrument an den Nagel hängen.

Der Musiker als japanischer mechanischer Vogel, der sein Nummernchen abspielt. Es ist ein trauriger Vergleich, aber deshalb nicht weniger treffend.

De Munck führt den Leser durch die Geschichte der Musikphilosophie. Sie zeigt dem Leser, wie sich im Laufe der Jahrhunderte das Denken über Musik verändert hat und wie es dazu gekommen ist, dass die klassische Musik zu einem Museum geworden ist, in dem der Musiker der Konservator ist.

Die Musik steht in einer Vitrine mit einem Schild davor: 'Nicht anfassen'.

Sie macht den Leser mit Begriffen wie Werkkonzept und Werktreue vertraut. Dabei verweist das Werkkonzept auf eine Entwicklung, die etwa am Ende des achtzehnten Jahrhunderts stattfand: Musik war nicht mehr eine Aktivität, an der man selbst teilnahm, sondern wurde zu einem Objekt, das selbst Gegenstand einer Aktivität war. Von diesem Moment an sprach man beispielsweise von der „Neunten".

Man entdeckte das Konzert als Ausgeh-Form. Es kam zu einem Ende die Zeit, in der Komponisten auf einen Mäzen oder einen wohlhabenden (Kirchen-)Fürsten angewiesen waren. Der Komponist stand auf eigenen Beinen. Er konnte komponieren, was er wollte, und Geld mit den Ausgaben und Aufführungen seines Werkes verdienen. Die Musikindustrie war geboren.

Werktreue ist die Treue zum Werk, das man aufführt. „Alle Bilder und Visionen zum Leben erwecken, die der Komponist beabsichtigt hat", wie der Dichter E.T.A. Hoffmann es ausdrückte. Dieses Konzept schlug ein, degradierte aber den Musiker zu einem Durchlauferhitzer der Ideen des Komponisten, selbst unsichtbar ohne Persönlichkeit.

Durch das Aufkommen der historischen Aufführungspraxis in der Alten Musik in den siebziger Jahren wurde die Idee der Werktreue noch verstärkt unter dem Einfluss von Pionieren wie Nikolaus Harnoncourt, Gustav Leonhardt und vielen anderen. Die Aufführungen wurden immer akademischer, wissenschaftlicher. Die Musik kam in die Universität. Dort wurde fortan entschieden, was vertretbar war und was nicht.

Das Korsett schnürte sich noch etwas enger zu.

Fertige Lösungen für diese unerwünschte Situation gibt De Munck nicht, aber das erwartet man auch nicht gleich bei einem solch umfassenden Problem.

Sie bleibt bei dem Rat, vernünftiger mit der Tradition umzugehen und dem Musiker seine Stimme zurückzugeben. Sie weist darauf hin, dass der Musiker zu allen Zeiten die Freiheit hat, sich dafür zu entscheiden, Werke auf ganz eigene Weise zu spielen, zu improvisieren oder sie möglichst treu wiederzugeben.

Das ist natürlich wahr, aber hier geht De Munck vorbei an der Tatsache, dass diese Freiheit doch nur einer sehr begrenzten Anzahl von Musikern vorbehalten ist, vielleicht einigen Solisten und alternativen Ensembles. Die meisten Musiker haben nur wenig zu wählen. Die sitzen in dem goldenen Käfig eines (subventionierten) Orchesters, Ensembles oder eines Chors eingesperrt. Daraus zu entkommen hat große Auswirkungen auf sozialer und finanzieller Ebene. Das ist nicht für jeden möglich. Schließlich muss der Tisch auch gedeckt sein!

Trotzdem scheint die Zeit reif zu sein, Abstand von Begriffen wie Werkkonzept und Werktreue zu nehmen und zu der graindelavoix, der Eigenheit des Ausführenden, zurückzukehren. Dass dies bereits in kleinem Maßstab geschieht, ist zweifellos ermutigend. Dieses Büchlein gibt diesen Pionieren Mut zu!

De Munck nimmt die Aufgabe des Whistleblowers auf sich. Sie hält ein überzeugtes Plädoyer für die Befreiung des ausführenden Musikers und geht dabei mutig gegen den aktuellen Trend an. Gleichzeitig gibt sie einen lehrreichen Überblick über die Entwicklung, die das Denken über Musik in den letzten zwei Jahrhunderten durchgemacht hat, und die tiefgreifenden Folgen davon.

Ihre Botschaft ist klar: Es ist kurzfristig eine tiefgreifende Diskussion notwendig unter dem Motto „Womit befassen wir uns eigentlich in der Musik!"

Nicht länger herumdrucksen oder Flucht kann nicht mehr und das Vögelchen liegt endgültig mit seinen Pfötchen nach oben.


  • WAS: De Vlucht van de Nachtegaal - Ein philosophisches Plädoyer für den Musiker
  • WER: Marlies de Munck
  • VERÖFFENTLICHUNG: Letterwerk EPO, Questa Reeks
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