Ein Debütalbum als Autobiografie: So präsentiert Violinist Miclen LaiPang seine erste Soloaufnahme für Delos. Deep River ist keine unverbindliche Leistungsschau technischer Möglichkeiten, sondern ein sorgfältig aufgebautes musikalisches Selbstporträt. Als Leitbild fungiert ein Fluss – zugleich spirituelles Symbol und Lebensmetapher – der sich aus der amerikanischen Spiritual-Tradition seinen Weg bahnt entlang Russlands, Deutschlands, Wiens und Paris, um schließlich erneut in einem ausgesprochenen amerikanischen Klang zu münden. Dieses Konzept ist ambitioniert und potenziell gefährlich: Solche narrativen Programme drohen schnell in Sentimentalität oder programmatische Überladenheit zu verfallen. LaiPang und Pianist Nigel Yandell vermeiden diese Fallstricke nicht so sehr durch eine explizite Demonstration von Kontrolle, sondern dadurch, dass das ganze Programm wie von selbst aus ein und demselben musikalischen Vertrauen zu fließen scheint, in dem Raffiniertheit und stilistische Einsicht mühelos ineinander übergehen.
LaiPang gehört inzwischen zu der Generation junger Violisten, die sich mühelos zwischen Kontinenten und Traditionen bewegen. Er trat in der Carnegie Hall, der Wiener Musikverein und der Berliner Philharmonie auf, während sein Arrangement von Beethovens Kreutzer-Sonate für Violine und Streicher international große Resonanz fand. Auf Deep River zeigt er sich jedoch vor allem als der Musiker hinter dem Virtuosen: ein Spieler, der Repertoire nicht als Demonstrationsmaterial nutzt, sondern als Träger von Erinnerung und Identität.
Ein Fluss der Erinnerungen
Die Eröffnung mit dem Arrangement von Deep River von Jascha Heifetz (1901-1987) setzt sofort den Ton. LaiPang entscheidet sich nicht für große romantische Gesten, sondern für eine breit atmende Einfachheit, die umso stärker wirkt. Die Stradivarius „Charles Castleman" von 1707 – großzügig zur Verfügung gestellt von der Muziekkapel Koningin Elisabeth – klingt reich und kernig, besonders in der Mittellage, ohne je schwer zu werden. Die Phrasierung hat etwas Kontemplatives: als würde die Musik nicht gespielt, sondern erinnert.
In Adoration von Felix Borowski (1872-1956) und Nobody Knows the Trouble I've Seen von Clarence Cameron White (1880-1960) herrscht die gleiche verhalten konzentrierte Haltung vor. Besonders White – immer noch zu wenig auf Rezitalprogrammen vertreten – erhält hier eine Lesart, die jede Neigung zu sentimentalem Exotismus vermeidet. LaiPang spielt diese Musik mit respektvoller Direktheit, während Nigel Yandell den harmonischen Raum mit einer fast vokalen Geschmeidigkeit offenhält.
Bruchlinien und Umschweifungen
Mit Lenskis Arie aus Jewgeni Onegin von Peter Tschaikowski (1840-1893) ändert sich die Temperatur des Rezitals. In der Geigenbearbeitung von Leopold Auer (1845-1930) bekommt die Musik leicht etwas übertrieben Melancholisches, aber LaiPang hält die Linie straff und vermeidet Effekthascherei. Gerade dadurch wirkt das Spiel umso stärker: Unter der Lyrik schlummert ständig ein Gefühl von Unruhe und Unabwendbarkeit. Yandell bewährt sich hier unmissverständlich als mehr als ein Begleiter; sein Spiel gibt der Musik Atem und psychologische Tiefe.
Die darauffolgenden europäischen Stationen zeigen, wie flexibel beide Musiker stilistisch schalten. Widmung von Robert Schumann (1810-1856) in einer Bearbeitung von LaiPang und Yandell selbst behält den intimen Kern des ursprünglichen Liedes, ohne in übertriebene romantische Rhetorik zu verfallen. Die Violinlinie singt frei auf, bleibt aber immer in Schumanns harmonischen Spannungsfeldern eingebettet.
Liebesleid von Fritz Kreisler (1875-1962) wirkt auf dem Papier der konventionellste Teil des Programms, aber LaiPang behandelt es nicht als nostalgisches Salonpiece. Sein Rubato klingt organisch und ungezwungen, alles ist schön und elegant dosiert, aber hinter all dem Wiener Charme bleibt immer ein Hauch von Melancholie spürbar. Es ist genau diese Balance zwischen Leichtheit und Ernst, die diese Aufführung über das Routinäre erhebt.
Ein absoluter Höhepunkt ist die Bearbeitung von Vása Příhoda (1900-1960) der Der Rosenkavalier-Walzer von Richard Strauss (1864-1949). Strauss' Orchesterüppigkeit auf Violine und Klavier zu reduzieren erfordert nicht nur technische Beherrschung, sondern auch ein feines Gespür für harmonische Farbe und die Ambiguität, die dieses Werk so charakteristisch macht. LaiPang und Yandell gelingt das bemerkenswert gut. Die hohen Passagen bleiben klar ohne Schärfe, die Doppelgriffe behalten ihre vokale Qualität, und Yandell lässt die Harmonien glänzen, ohne die Textur dicht zu spielen. Hinter der Wiener Eleganz spielt ständig etwas Bitteres und Vergängliches mit – und das ist genau das, was Strauss meinte.
Paris als Schwerpunkt
Die Romance, Op. 23 von Amy Beach (1867-1944) – ein in dem Konzertsaal zu selten gehörtes Werk – verdient mehr als die Funktion eines Übergangs. Beachs Vermögen, ein unverkennbar amerikanisches Idiom mit der harmonischen Sprache der späten europäischen Romantik zu verbinden, klingt hier wie eine subtile Spiegelung von LaiPangs eigener künstlerischer Hybridität: verwurzelt in einer Tradition, aber nicht von ihr gefangen. Yandell gibt der Klavierstimme dabei genau den Raum, den sie braucht. Gerade hier erreicht das Rezital einen seiner eindrucksvollsten Momente, und offenbart sich vielleicht die wahre Offenbarung des Albums.
In der Violinsonate Nr. 2 von Maurice Ravel (1874-1937) erreichen LaiPang und Yandell ihren interpretativen Höhepunkt. Diese Sonate duldet keine Überladenheit: jede Phrase muss leicht bleiben, wie komplex auch die zugrunde liegende Struktur ist. Das verstehen beide Musiker ausgezeichnet. Der erste Satz atmet eine selbstverständliche Eleganz, der Blues-Teil hat genau genug Lässigkeit, ohne karikaturhaft zu werden, und der Schlusssatz entfaltet sich mit einer beeindruckenden Kombination aus Präzision und scheinbarer Spontanität. Besonders die rhythmische Wachsamkeit des Duos macht Eindruck: die Musik bewegt sich ständig vorwärts, ohne dass etwas erzwungen klingt.
Virtuosität ohne Hohlfertigkeit
Das Recital endet mit der Concert Fantasy on Themes from George Gershwin's Porgy and Bess von Igor Frolov (1937-2013), einem Werk, das leicht in reines virtuoses Feuerwerk ausarten kann. LaiPang vermeidet diese Falle, indem er den theatralischen Glanz stets musikalisch lenkt. Natürlich fehlt das Spektakel nicht – die rasend schnellen Passagen und akrobatischen Doppelgriffe werden mit verblüffender Kontrolle gespielt – doch wichtiger ist, dass die Musik ihre tänzerische Vitalität behält.
Coda
Deep River ist ein sorgfältig aufgebautes Debüt, überzeugend in Intention und Ausführung. Das Projekt sucht Bedeutung statt Effekt, und das ergibt ein kohärentes künstlerisches Profil. Gelegentlich wird das autobiografische Konzept etwas deutlicher unterstrichen, doch die musikalische Qualität und die aufrichtige Beteiligung beider Ausführenden tragen das Ganze mühelos.
Miclen LaiPang präsentiert sich hier nicht nur als ein außergewöhnlich begabter Violinist, sondern als ein Musiker mit einer klaren künstlerischen Vision. Nigel Yandell erweist sich dabei als idealer Partner: aufmerksam, stilsicher und wesentlich für die dramatische Kohärenz des Programms.
Dass dieses Label – Delos, verwurzelt in der amerikanischen Tradition der engagierten Soloeingabe – diesem Projekt ein Zuhause gibt, wirkt nicht zufällig, sondern eher als selbstverständliche Affinität zwischen Konzept und Aufführungspraxis.
Deep River ist ein faszinierendes Debüt geworden, das nicht nach Effekt sucht, sondern nach Bedeutung.