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Horrormusical Der Sandmann

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Horrormusical Der Sandmann

E.T.A. Hoffmann schrieb 1816 das Märchen 'Der Sandmann'. Alles dreht sich um den kleinen Nathanael, der glaubt, dass der Tod seines Vaters mit dem Sandmann zu tun hat, über den seine Mutter oft erzählt. Dieser soll Sand in die Augen von Kindern streuen, die nicht schlafen wollen, bis diese blutend aus ihren Höhlen rollen. Trotz der tropischen Temperaturen und des Beginns der großen Ferien war deSingel ausverkauft für die Aufführung von Der Sandmann.

Hoffmann befindet sich mit seinen Geschichten in einer Entwicklung des Zeitgeists, bei der die dämonische Bedrohung durch Gespenster und andere Gruseligkeiten sich von der übernatürlichen Dämmerungswelt nach innen in die menschliche Psyche verlagert. Diese Geschichte und die menschliche Psyche bieten ein breites Spektrum an interpretativen Zugängen. Ein gefundenes Fressen für inspirierte Theatermacher.

Regie

Robert Wilson, der avantgardistische Theatermacher, regelmäßig zu Gast in deSingel, bedarf keiner Einführung. Sein Alter rückt stetig auf die 80 zu, aber geistig beweglich bleibt er mit seinen Formexperimenten erstaunlich. Ein vielseitig begabter Mann. Er studierte Betriebswirtschaft, anschließend Innenarchitektur, danach gründete er seine eigene experimentelle Theatergruppe. Ein Selfmade-Man im Theaterfach, der wie kein anderer einen Raum mit extremer Phantasie auszufüllen versteht und verschiedene Elemente – Bühnenbild, Kostüme, Make-up, Musik – zu einem starken Kompositum verschmilzt. Hoffmanns Oeuvre mit seinen Halluzinationen, dem Humor, dem Übernatürlichen und Dämonischen ist ganz nach seinem Geschmack, mit Elementen, mit denen er jongliert.

Musik

Wilson wurde von der italienisch-britischen Rockkünstlerin Anna Calvi unterstützt, eine besonders vielseitige Dame. Sie studierte Violine, macht aber jetzt Furore mit ihrem Gitarrenspiel. Für ihr Debütalbum 2011 erhielt sie sofort den European Border Breakers Award und viele weitere Preise. Darüber hinaus verfügt sie über eine kraftvolle, vielseitige Operastimme. Sie komponierte neue Musik für dieses düstere Musical. Das Ergebnis ist eine eigenwillige Soundscape: manchmal ohrenbetäubend laut und dann wieder sanft wie ein Wiegenlied. Die Energie und Kreativität beider Künstler sorgen für ein halluzinierendes Konzept.

Bühnenbild

Der erste Teil vor der Pause ist fesselnd und hält die Aufmerksamkeit fest. Wilson zerrt den Zuschauer sofort beim Betreten des Saales in die Geschichte. Auf der nahezu leeren Bühne steht links eine Art eigenwilliger Baum, darunter ein Bett mit einem alten Mann darauf. Er scheint die letzten Minuten seines Lebens wegzuzählen und stößt von Zeit zu Zeit einen grauenerregenden Schrei aus, neben ihm steht ein Zwerg. Rechts eine Schauspielerin. Yi-An Cheng spielt die lebensechte aufziehbare Puppe Olimpia, Schlüssel im Rücken, sie dreht sich lautlos um ihre eigene Achse. Alle Schauspieler sind weiß geschminkt. Nur die Augen sind stark geschminkt, auch der Mund hat Farbe. Der Kleidungsstil verweist auf das 19. Jahrhundert.

Die Bewegungssprache der Schauspieler ist stilisiert, stark mimisch und hat etwas von Puppentheater mit kantigen Bewegungen. Licht und Dunkelheit werden stark ausgespielt. Durch eine durchdachte Beleuchtung wirken die Figuren wie ausgeschnittene dunkle Silhouetten, wenn sie über die Bühne gleiten (im 18. und 19. Jahrhundert, bevor die Fotografie Einzug hielt, waren Silhouettenporträts besonders beliebt). Wilson kreiert Bild für Bild und lässt die Stücke in seiner Phantasie ineinander fließen, so dass er sie zusammenpassen kann und Licht, Farbe, Klang und Struktur ein kohärentes Ganzes bilden. Er zeigt, was unter der Oberfläche lauert, den Hauch von Farbe im tiefsten Kern. Es wirkt manchmal wie molekulare Diffusion. Hier dies, dort das. Er versteht es, jeden Moment in Bewegung zu erfassen und Zeit und Raum auf der Bühne zu ergänzen. Aus dem Ganzen spritzt eine außergewöhnliche künstlerische Raffinesse.

Die Aufführung steckt voller visueller Reize. Der Zuschauer wird in ein Delirium von Farbe getaucht: Giftgrün, Smaragdgrün, Blutrot, Nachtblau mit schwarzen Strichen je nach Emotion. All diese Effekte erfordern Präzisionsarbeit der Schauspieler. Eine Szene verfliesst mühelos in die nächste. Christian Friedel, der Nathanael spielt, verkörpert mit Glanz den eigensinnigen Jungen, der nicht ins Bett will und sich noch allerlei Ausreden ausdenkt, um das Schlafengehen noch ein wenig zu verzögern. Dann kommt 'Der Sandmann' ins Spiel. Das Bühnentuch wird zu einer Sammlung von Kinderaugen. Wenn Der Sandmann unverrichteter Dinge abzieht, erklingt das entlehnte Lied 'Twee ogen zo blauw'. Mutter und Sohn tanzen ein Walzchen. Sie haben wunderbare Stimmen mit einem schönen Timbre, das sowohl zart als auch wild gefärbt sein kann.

Zweiter Teil

Nach der Pause geht es jedoch weniger flüssig voran. Nathanael ist erwachsen geworden und ist verlobt. Der Humor schaut hin und wieder um die Ecke, wenn er einen Brief an seine Geliebte mit einer riesigen Feder schreibt, die beim Schreiben sehr an den wedelnden Schwanz eines Hundes erinnert. Er erhält ein Fernrohr von Der Sandmann, bezahlt ihn aber nicht ausreichend, und entdeckt Olimpia: eine schöne Frau, aber starr und seelenlos. Dann schleppt sich die Handlung manchmal dahin. Der erste Umbau der Bühne für den Spiegelsaal für den Ball wird auf spielerische Weise von den Orchestermusikern aufgefangen.

Der Ball wurde von Olimpias Vater organisiert, um sein Meisterwerk, ein technisches Wunderwerk, vorzustellen. Die rotierenden Spiegel sorgen für einen üppigen Effekt. Sie darf ein Lied singen, verstummt aber in der Mitte. Sie wird wieder aufgedreht und macht weiter. Nathanael erklärt seine Liebe. Der Sandmann kommt vorbei und rächt sich an der mechanischen Puppe. Er reißt ihr die Augen aus zur Bestürzung Nathanaels. Dann muss der Spiegelsaal wieder abgebaut werden und der Magier muss einen Stepptanz einbauen. Dies ist mit den Haaren herbeigezogen worden, wodurch der Rhythmus der Vorstellung einen zweiten kräftigen Schlag erhält. Die Inszenierung rutscht ein bisschen zu sehr ins Raffinement ab, wodurch Wilson die Kontrolle verliert. Ein ratloser Nathanael will seine Verlobte ermorden, kann aber gerade noch rechtzeitig aufgehalten werden. Er endet in einem Bett in einer Irrenanstalt? Hier dürfte die Vorstellung für mich enden. Aber dann wird noch ein Gesangsensemble der ganzen Besetzung hinzugefügt: „Open a window in your room".

Alles in allem ist „Der Sandmann" szenografisch vor allem ein Kraftakt der dunklen Energie. Was die Schauspieler leisten, ist faszinierend und verdient aller Respekt. Jeder bringt Authentizität in seine Rolle. Die Schauspieler des Düsseldorfer Schauspielhaus ehren die edle Kunst des Schauspiels und des Gesangs alle Ehre. Die Musik ist okay, aber nicht überwältigend. Ihr fehlt Reife und beschwörerische Intensität. Das Orchester spielt mit der erforderlichen rhythmischen Brillanz.

Trotz dieser kritischen Anmerkungen konnte Der Sandmann mit viel Beifall rechnen.


  • WAS: E.T.A. Hoffmann 'Der Sandmann'
  • WER: Düsseldorfer Schauspielhaus
  • REGIE: Robert Wilson
  • MUSIK: Anna Calvi
  • WO & WANN: deSingel Antwerpen, 30 juin 2018
  • FOTOS: deSingel
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