Am Sonntagmittag, dem 21. September, entfaltete sich im Concertgebouw Brugge ein subtiler Dialog mit der Romantik – weit entfernt von Bombast und Überfluss. Das London Philharmonic Orchestra unter der engagierten Leitung der ukrainischen Dirigentin Natalia Ponomarchuk brachte ein sorgfältig zusammengestelltes Programm, in dem vergessene weibliche Komponistinnen und ihre männlichen Zeitgenossen in neuem Licht erschienen.
Der russische Pianist Alexander Melnikov trat als Miterzähler auf, voll Empathie und verhaltener Kraft, in einem Konzert von reiner Lyrik und verfeinerter Emotion, in dem sich zwei vollblütige Musiker über Nationalitäten hinweg in subtiler Harmonie fanden.
Klarheit mit einem Hauch von Feuer
Die „Ouverture in C" von Fanny Mendelssohn-Hensel (1805-1847), die (viel) zu lange unsichtbar geblieben war, erhielt einen zentralen Platz. Dieses frühe Werk – ihre einzige großangelegte Orchesterkomposition – wurde in einer Zeit geschrieben, in der ihre Musik selten öffentlich aufgeführt wurde. Es offenbarte eine meisterhafte Beherrschung klassischer Formen, vermischt mit spielerischen Modulationen und romantischen Spannungsbögen. Das Orchester näherte sich dem Werk mit klarer Klanggebung und klassischer Präzision, wobei sich die thematische Entwicklung sorgfältig entfaltete. Ponomarchuks Leitung gab Raum für eine verhaltene Intensität, wodurch die Orchestrierung funkelte, ohne in Überfluss zu verfallen. So klang ein romantisches Werk, das zugleich neu und vertraut wirkte, als würde eine Stimme aus der Vergangenheit leise, aber bestimmt widerhallen.
Eine eigene Stimme zwischen Leidenschaft und Finesse
Alexander Melnikov betrat daraufhin die Bühne mit dem selten gespielten Klavierkonzert in a-Moll, opus 7 von Clara Schumann (1819-1896) – ein Werk, das ihre außergewöhnliche jugendliche Genialität und innere Sensibilität widerspiegelt. Clara, die lange im Schatten ihres berühmten Ehemannes Robert stand, schaffte es mit diesem Konzert, eine eigene musikalische Sprache zu sprechen: voller Finesse, Leidenschaft und melancholischer Tiefe, die ihrer Zeit voraus war.
Melnikovs Spiel war eine poetische Synthese aus technischer Beherrschung und emotionaler Transparenz. Sein Ton war hell und warm, jede Phrase atmete und erhielt sorgfältige Färbung. Das Orchester begleitete mit sanfter Wachsamkeit, wodurch ein intimer Austausch zwischen Solist und Ensemble entstand. In der Romanze, dem Mittelteil, strahlte die Musik – atemraubend gebracht von der Solocellistin – eine fragile Lyrik aus, als würde eine stille Stimme ihre innere Welt entfalten. Der Schlussteil kombinierte Verspieltheit und Virtuosität ohne in Effekthascherei zu verfallen und machte Claras frühe Genialität in sprudelndem, eigenem Licht spürbar.
Ein Dialog voller geschichteter Emotionen
Daraufhin erklang das Klavierkonzert in a-Moll, opus 54, von Robert Schumann (1810-1856) – eine der größten Perlen des romantischen Repertoires. Es war besonders, beide Werke hintereinander zu hören. In diesem Konzert verwebt Schumann persönliche Emotionen, psychische Kämpfe und Hoffnung zu einem beeindruckenden Ganzen, durchdrungen von autobiografischen Elementen.
Melnikovs gedämpfter Einsatz setzte sofort den Ton: reiches, differenziertes Spiel, in dem das Drama nicht übertrieben wurde, sondern organisch wuchs. Sein Rubato und seine Phrasierungen ließen Raum für Schumanns ständigen Wechsel zwischen Melancholie und Leidenschaft. Der erste Satz entfaltete sich wie ein angespanntes, aber intimes Gespräch, in dem Solist und Orchester sich mit intensiver Beteiligung fanden. Ponomarchuk leitete mit Transparenz und Scharfsinn.
Das Intermezzo, heiter und introspektiv, wurde eine Pilgerfahrt zur inneren Stille. Melnikov berührte jede Note mit bedächtiger Zärtlichkeit. Das Finale, beherrscht, aber feuriger, atmete keinen Spektakel, sondern beseeltes Feuer. Dank Ponomarchuks strikter Dynamik klang das Orchester wie ein lebender Organismus, ein atmendes Herz, das Melnikovs Ausdruck mit vollständiger Hingabe unterstützte.
Mystik und Melancholie
Zum Abschluss brachte das Orchester die Dritte Sinfonie in a-Moll, opus 56, von Felix Mendelssohn (1809-1847), die berühmte „Schottische" – eine der evokativsten Sinfonien der Romantik. Inspiriert von seinen Reisen durch die raue schottische Berglandschaft malt Mendelssohn eine musikalische Landschaft voller Nebel, Ruinen, Feste und vor allem einer tief empfundenen Nostalgie.
Unter Ponomarchuks poetischer, aber beherrschter Leitung fand das London Philharmonic Orchestra das fragile Gleichgewicht zwischen Lyrik und Größe. Die Eröffnungspassagen trugen einen tragischen Unterton, mit dunkel gefärbten Bläsern und nüchternen Streichern, die die Einsamkeit der Landschaft verklankten. Das Scherzo war ein lebhafter Tanz, rhythmisch scharf und beweglich – eine Ode an den schottischen Volkscharakter. Nach einer störenden Handy-Klingel konnte sich der langsame Satz wie eine breit gemalte Leinwand aus Wehmut und Reflexion entfalten. Das Finale brachte keinen theatralischen Ausbruch, sondern einen verhaltenen Triumph: einen Jubel, der sich langsam aus der Stille aufbaute, bis zu einer ergreifenden Form des Sieges.
Musikalität ohne Maske
In den letzten zwei Tagen habe ich Dirigentin Natalia Ponomarchuk bei der Arbeit erlebt. Bedachtsam betrat sie das Podium mit einer bescheidenen Präsenz, den Beifall empfing sie mit einer gewissen Scheu. Aber sobald sie sich dem Orchester zuwandte, vollzog sich eine Verwandlung: ihr ganzer Körper wurde Musik. Mit ausdrucksstarken, aber niemals theatralischen Gesten formte sie die Phrasierungen, atmete mit den Solisten, und gab dem Orchester Richtung mit einer selten gesehenen Intensität. Sie feuerte nicht mit großartigen Armschwüngen, sondern mit einer tiefen inneren Überzeugung. Ihre Musikalität war kein Schauspiel, sondern rein durchlebt und geteilt. Selten erlebst du als Zuhörer so ehrliches, aufrichtiges Musizieren – ein Erlebnis, das nachwirkt. Ponomarchuk ist ein Name zum Schätzen: Überall, wo sie dirigiert, laden ihre Konzerte dazu ein, bekannte und vergessene Werke als neu zu erleben – und vor allem, mit offenem Herzen zu hören, in dem jede Note leise durchklingt wie ein Flüstern der Seele.
Subtilität als Signatur
Was dieses Konzert außergewöhnlich machte, war die kohärente und gedämpfte Interpretation: eine Liebe zum Detail, eine Abneigung gegen Effekthascherei und einen intensiven musikalischen Dialog. Das London Philharmonic Orchestra, oft für seine sinfonische Kraft gelobt, zeigte sich hier vor allem als ein Orchester der Feinfühligkeit und Klangplastik. Natalia Ponomarchuk stellte sich ganz in den Dienst der Musik und ihrer Musiker, ohne sich selbst nach vorne zu drängen. Alexander Melnikov wählte nicht Bravour, sondern Poesie in ihrer reinsten Form.
Zusammen brachten sie eine Hommage an die Romantik als Suche nach emotionaler Wahrheit und authentischem Ausdruck.
Wer diesen Nachmittag verpasste, ließ einen seltenen Moment vorübergehen: eine zarte, stille Begegnung mit der Kraft der Musik – nicht um zu überreden, sondern um bis ins Herz zu berühren.