Kunstenplek De Graaf ist in einem neoklassizistischen Herrenhaus aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts bei Gent-Süd untergebracht. Seit einigen Jahren sind die Stapelconcerten freitagnachmittags dort zu Gast. In einem großen Salon gibt es Platz für sechzig Zuhörer.
Violinistin Femke Sonnen und Pianistin Elisaveta Vasileva bilden zusammen das Duo Estrella. Mozarts Sonate KV 304 in e-Moll wird häufig gespielt, auch von Amateuren. Einfache Partitur, aber wie immer bei Mozart macht die Einfachheit die Musik zerbrechlich und zart. Eine Note, die eine Bruchteile von Sekunde zu früh oder zu spät erklingt, fällt sofort auf. Die Violine von Sonnen klingt etwas matt und dumpf, wie ein Sänger mit heiserer Stimme. Das liegt an dem vollgestopften Zimmer, in dem das Publikum Schulter an Schulter nebeneinander sitzt. Mozart in Moll, das ist oft das Beste, das er geschrieben hat. Auch in dieser Sonate erklingt erhabene Wehmut, im selben Jahr starb Mozarts Mutter. Nüchtern und zurückhaltend, ohne Schnörkel, ganz im Stil spielen Duo Estrella die zwei Teile dieser melancholischen Sonate.
Ich frage mich, ob Femke Sonnen eine bessere Komponistin als Violinistin ist, wenn sie ihre Komposition „Passing Clouds" aus 2021 spielt, ein wunderschönes zweisteiliges Sinnen, inspiriert von den Wolken, die sie während der Coronazeit an ihrem Dachfenster vorbeiziehen sah. Das Stück Estrella des Genter Komponisten Georges Lonque (1900-1967), Lieblingsstück des Duos, ist ein Musiksalonstück, das nirgendwo besser passt als in der Intimität dieses stattlichen Herrenhauses.
Hauptwerk dieses Recitals ist die Violinsonate von Claude Debussy. Diese Sonate ist ein Außenseiter unter den anderen Sonaten des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Keine klare Melodie oder Struktur, sondern Impressionen, Klangfarben und Sphären in bester impressionistischer Tradition. Es ist Debussys letztes Werk, bevor er 1917 im Alter von 55 Jahren starb. Kein Schwanengesang, aber ein geniales Werk, das die Tür zu einer neuen Welt öffnet. Mit einigen wenigen Ungenauigkeiten in der Intonation zeigte Duo Estrella die ganze Farbpalette von düster zu tragisch oder ausgelassen. Salons wie diese Kunstenplek De Graaf sind in unseren Städten nahezu verschwunden. Es sind prunkvolle Säle, in denen diese Musik bei den wohlhabenden Bürgern oft geklungen hat. Nicht nur die Musik, sondern auch das üppige Interieur von De Graaf macht es zu einem besonderen Erlebnis. Mit ihren roten und schwarzen Kleidern passten Violinistin und Pianistin perfekt in diesen wunderschönen Saal. Le Rouge et le Noir im Salon von Stendhal.
WER: Duo Estrella
WO: kunstenplek De Graaf (Gent)
WANN: Nachmittagskonzert 28. April 2023