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Eine Bratsche, die Bach nicht erobern, sondern verstehen will

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· 6 Min. Lesezeit
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Eine Bratsche, die Bach nicht erobern, sondern verstehen will

Dass sich die sechs Cellosuiten von Johann Sebastian Bach (1685-1750) auch auf der Bratsche spielen lassen, ist längst keine Kuriosität mehr. Dennoch muss sich jede neue Transkription rechtfertigen. Die Suiten sind so eng mit dem Cello verbunden geworden, dass eine Aufführung auf einem anderen Instrument nicht so leicht als vollwertiges Gegenstück wahrgenommen wird. Marc Sabbah wählt glücklicherweise nicht diese defensive Herangehensweise. Seine neue Aufnahme für Prospero will das Cello nicht ersetzen, sondern der Bratsche einen eigenen Platz in der Aufführungsgeschichte dieser monumentalen Zyklus geben.

Dieser Ehrgeiz wird bereits durch das ausführliche Essay deutlich, das Sabbah für das CD-Booklet schrieb. Darin beschreibt er, wie er als Elfjähriger zufällig von der Violine zur Bratsche wechselte und sich sofort in den dunklen Klang des Instruments verliebte. Diese persönliche Geschichte ist keine beiläufige Anekdote, sondern bildet den roten Faden durch seine Interpretation. Für Sabbah ist die Bratsche kein Ersatz für das Cello, sondern ein Instrument, das Bachs Musik in eigenem Licht erscheinen lässt.

CD 1 enthält die Suiten 1, 3 und 5, CD 2 die Suiten 2, 4 und 6 – Sabbah gruppiert die ungeraden und geraden Suiten, anstatt sie in ihrer üblichen chronologischen Reihenfolge anzubieten. Diese Wahl schafft zwei programmatische Bögen, die weniger von Bachs traditioneller Ordnung ausgehen als vielmehr von Sabbahs eigener interpretativer Logik. Dadurch erhält die Aufnahme den Charakter eines sorgfältig aufgebauten Rezitalprogramms, in dem die gegenseitige Verbindung wichtiger wird als die vertraute Abfolge der sechs Suiten. Eine Dramaturgie, die die Kohärenz dieser Aufnahme stärkt und zugleich das Porträt des Ausführenden als Kurator schärft, eher als bloßer Interpret von sechs einzelnen Werken.

Dies hört man bereits vom ersten Präludium der Suite Nr. 1. Sabbah wählt nicht Bravour oder demonstrative Virtuosität, sondern eine nüchterne, fast kontemplative Herangehensweise. Seine Tempi bleiben generell großzügig, ohne schwerfällig zu wirken. Die Phrasierung atmet natürlich, mit großer Aufmerksamkeit für die zugrunde liegende harmonische Bewegung. Der warme, kernige Bratschen-Klang verleiht der Musik eine gewisse Intimität, die anders wirkt als beim Cello: weniger monumental, aber auffallend nah und tiefmenschlich gegenwärtig.

Bemerkenswert ist auch seine gepflegte Artikulation. Sabbah vermeidet einen Übermaß an Vibrato und lässt die Linien eher durch ihre natürliche Richtung sprechen als durch romantische Expressivität. Dies sorgt dafür, dass die Mehrstimmigkeit, die Bach ständig innerhalb einer einzigen melodischen Linie suggeriert, klar bleibt, ohne analytisch zu klingen. Wer diese Suiten durch die ikonischen, eher extravaganten Interpretationen von etwa Pablo Casals kennt, wird hier einen ganz anderen – bescheideneren – Bach antreffen, einen, der nicht durch Großartigkeit überzeugt, sondern durch Aufmerksamkeit. Auch der zugrunde liegende Tanzcharakter bleibt ständig spürbar. Sabbah hält den rhythmischen Puls lebendig, ohne die Bewegung zu erzwingen, so dass Menuette, Bourrées und Giguen ihre natürliche Federkraft bewahren, ohne jemals deutlich profiliert zu werden. Besonders in den Sarabanden wählt er ein schönes Gleichgewicht zwischen Stille und Spannung. Sie werden nie sentimental, behalten aber ihre zurückhaltende Würde.

Nicht alle Suiten profitieren gleichermaßen von der Transkription. Die Zweite Suite gewinnt an Introspektive. Der dunklere Klang der Bratsche passt besonders gut zum zurückhaltenden Charakter dieser Musik, so dass besonders Präludium und Sarabande eine fast vokale Aussagekraft bekommen. Sabbah vermeidet jede Spur von Schwermut und lässt die Melancholie sprechen, ohne sie zu unterstreichen. Die dritte Suite gewinnt an Wärme, ohne viel von ihrem offenen Charakter zu verlieren, während die vierte – mit ihrer weit ausholenden Sarabande und den stattlichen Bourrées – manchmal etwas von ihrer architektonischen Grandeur verliert.

Die fünfte Suite gehört dagegen zu den Höhepunkten dieser Ausgabe. Die Skordatur – das bewusste Umstimmen der Saiten gegenüber der Standardstimmung – sorgt für eine dunklere, manchmal fast geheimnisvolle Klangwelt, die Sabbah mit großem Sinn für Farbe erforscht. Die karge Sarabande erhält dadurch eine fast zeitlose Intensität. Gerade in dieser Suite, wo Bach selbst bereits mit den Grenzen des Instruments spielte, fühlt sich der Wechsel zur Bratsche am organischsten an: der gedämpfte, etwas heisere Klang, den die Skordatur hervorruft, schließt sich fast zwangsläufig an den von Natur aus dunkleren Klang von Sabbahs Instrument an.

Die größte Herausforderung bleibt freilich die sechste Suite, ursprünglich für ein fünfsaitiges Instrument geschrieben. Sabbah entscheidet sich, die Suite eine Quinte tiefer nach G zu transponieren, eine Entscheidung, die sowohl technisch als auch musikalisch nachvollziehbar ist. Dadurch bleibt die Musik bequem innerhalb des natürlichen Registers der Bratsche und vermeidet das kontinuierlich angespannte hohe Register, in dem andere Lösungen manchmal stranden. Die Kehrseite ist, dass die Suite etwas von ihrer strahlenden Leichtigkeit verliert, aber dafür steht eine bemerkenswerte Klangeinheit dagegen. Bemerkenswert ist auch, wie Sabbah hier die polyphonen Linien transparent hält, so dass die komplexe Stimmführung nirgendwo unter der technischen Anpassung leidet.

Was diese Aufnahme vor allem auszeichnet, ist die Abwesenheit von Effekthascherei. Sabbah sucht nirgendwo nach spektakulären Kontrasten oder großen rhetorischen Gesten – keine plötzliche Beschleunigung in den Giguen, keine deutlichen Pausen, um eine Kadenz zu unterstreichen. Sein Bach wächst organisch aus der melodischen Linie und aus einem tiefen Vertrauen in die Partitur. Dies macht diese Aufführung vielleicht weniger unmittelbar beeindruckend als manche Cellovarianten, aber dafür besonders nachhaltig. Sie lädt zu wiederholtem Hören ein, weil sie ihren Reichtum nicht auf einmal preisgibt. Gerade in dieser Zurückhaltung liegt ihre größte Überzeugungskraft.

Auch die Aufnahme verdient Lob. Die warme Akustik der Arsonic Hall in Bergen gibt der Bratsche genug Raum, ohne die Konturen des Instruments zu verwischen. Die Aufzeichnung bleibt klar und direkt, mit gerade genug Resonanz, um den Klang atmen zu lassen, ohne jemals in einem nebligen Nachhall zu verfallen, der die feineren Details von Sabbahs Spiel verdecken könnte.

Das ausführliche Booklet bildet eine wertvolle Ergänzung zur Aufnahme, obwohl letztendlich nicht so sehr Sabbahs Argumentation überzeugt als vielmehr sein Spiel. Seine Interpretation beweist, dass diese Musik nicht ausschließlich dem Cello gehört. Sie zeigt vor allem, welche Aussagekraft die Bratsche besitzt, wenn ein Musiker ihre Möglichkeiten voll nutzt.

Marc Sabbah liefert mit seiner Aufnahme keine revolutionäre Bach ab, sondern eine redliche, durchdachte und musikalisch besonders überzeugende Lesart. Wer bereit ist, den vertrauten Celliklang für einen Moment loszulassen, entdeckt eine Aufführung, die nicht um Originalität bittet, sondern sie verdient sich selbstverständlich.

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