Opera Ballet Vlaanderen bringt Ibsen und Grieg zum Leben
In der Konzertmusikwelt sind die Peer Gynt-Suiten von Edvard Grieg (1843-1907) überall beliebt, doch der Kontext, in dem diese Musik ursprünglich erklang – nämlich als Schauspielmusik zu Henrik Ibsens (1828-1906) gleichnamigem Drama – wird selten gehört.Opera Ballet Vlaanderen wagte es, diesen integralen Ansatz wiederzubeleben. Und wie! Unter der Regie von Tom Goossens, mit feinem Ohr für Text und noch schärferem Blick für die menschliche Tragik, wurde das Publikum amMittwoch, dem 18. JuniZeuge eines Theaterabends, der die Seele berührte.Ibsen als Satiriker, Grieg als Psycholog
Henrik Ibsens Peer Gynt ist kein einfaches Schauspiel (1867). Es ist eine haluzinationale Reise durch die Psyche eines Mannes, der sich selbst nicht ins Auge sehen will. Peer lügt, flieht, fantasiert – und bleibt dadurch gefangen in einem Kokon der Selbsttäuschung. Edvard Griegs Musik (1876), oft fälschlicherweise nur als Stimmungsbild interpretiert, ist in diesem Kontext viel mehr als bloße Begleitung. Sie atmet mit dem Text, kommentiert, ironisiert, enthüllt. Dass diese Partitur in ihrer ursprünglichen Funktion erneut gehört wurde, ist nichts Geringeres als eine musikalische und dramaturgische Offenbarung.
Tom Goossens bearbeitete den ursprünglichen Text auf verfeinerte Weise neu. Der neue Sprechtext, mit Sinn für Poesie, Ironie und Zugänglichkeit, trägt Ibsens Botschaft mit Respekt, aber auch mit der nötigen Leichtigkeit. Goossens' Handschrift – bekannt von seinen einfallsreichen Inszenierungen von unter anderem Die Fledermaus bei OBV – erweist sich auch hier als wirksam. Bei der theatralen Gestaltung des Stücks wurde schön mit dem begrenzten Raum der Elisabethzaal gespielt. Ohne Schnörkel, aber mit ehrlicher theatraler Klarheit.
Die Kraft von Tania Van der Sanden
Schauspielerin Tania Van der Sanden nahm das Publikum in der erkennbaren Geschichte von Mutter Ase mit sich. Sie warf sich von der ersten Note an hin und hatte sichtlich Spaß daran. Die verschiedenen Charaktere, denen sie Gestalt verlieh (unter anderem Trollkönig und Kupferlöffelgießer), sorgten für eine leichte Note in der Geschichte und bekamen so ein überzeugtes Gesicht, aber es gab auch Raum für verhaltene Reflexion, wo es nötig war, etwa wenn sie vom Bild des Bogens sprach: gehen wir geradeaus oder in einem Bogen herum? Hier berührte sie einen universellen Nerv, denn selten wird das Publikum so subtil an sich selbst erinnert.
Ihr natürlicher Spielstil, verwoben mit Griegs feinem Klangpalette, verlieh einem ansonsten verstörendem Stück überraschende Wärme. Denn dass Peer Gynt nicht einfach eine abenteuerliche Suche ist, wurde auch an diesem Abend wieder deutlich. Ibsen legt schonungslos die menschliche Schwäche bloß: die Lüge, die Größenwahn, die Selbsttäuschung. Peer lügt – gegen seine Mutter, gegen seine Geliebten, gegen sich selbst. Und das tut weh. Besonders in einer Welt, in der Authentizität mehr denn je ein knappes Gut ist.
Ein Chor und Orchester in Topform, ein Dirigent mit Vision
Griegs Musik, in ihrem ursprünglichen Kontext mit Solisten, Chor und Orchester aufgeführt, offenbarte sich erneut als viel mehr als Stimmungsschöpfung. Hier war sie das Rückgrat, der Atem des Stücks. Melancholisch, spielerisch, dunkel – aber immer mit einer Zielgenauigkeit, die die Geschichte vorantrieb.
Ein dickes Lob für den verfeinerten Orchestersound. Die Solisten aus dem Orchester spielten ihre Partien selbstsicher. Ases Tod erhielt die Stille, die es brauchte, während die Virtuosenstücke mit der nötigen Brillanz gespielt wurden. Es ist keine Leichtigkeit, zusammen mit Bergs äußerst schwieriger Wozzeck-Partitur auch diesen Grieg zu einstudieren, aber das Orchester genoss es sichtlich. Der junge Dirigent und aufstrebendes Talent James Henry dirigierte präzise, feuerte das Orchester manchmal etwas theatralisch an, verstand aber die Partitur meisterlich und beschenkte die Zuhörer mit einem orchestralen Feinschmecker-Menü.
Der Chor sang überzeugend und verstand es, den richtigen Ton zu treffen, von den verhaltenen A-cappella-Momenten bis zu den leuchtenden, dramatischen Ausbrüchen. Die Ensemble-Charaktere aus dem Chor – von den Melkmädchen bis zu den Trollen – fügten eine weitere Dimension hinzu, und Lore Binon, als die heitere Solveig, sang mit einer Reinheit, die das Publikum zum Verstummen brachte. Ihre Interpretation war ehrlich und heiter, und ihre Präsenz als Anker von Peers verlorener Seele war greifbar.
Eine Aufführung, die weiterhallt
Nach knapp zwei Stunden brach beim Publikum überwältigender Applaus aus. Dieses Peer Gynt war kein Folklore, keine musikalische Ansichtskarte aus Norwegen. Es bot uns einen konfrontativen Blick auf die menschliche Existenz, mit Ibsen als dramaturgischem Skalpell und Grieg als emotionalem Leitfaden.
OBV hat nicht nur das Erbe von Grieg und Ibsen respektiert, sondern eine tiefere Schicht hinzugefügt, wodurch Peer Gynt nicht bloß ein theatrales Erlebnis war, sondern eine Reflexion unserer selbst. Peer ist kein Held – er ist ein Mensch wie wir: voller Träume, Mängel und ängstlicher Verleugnung. Was nach dieser Entlarvung übrigbleibt, ist die Frage. Was bleibt uns nach den Schichten der Zwiebel? Vielleicht nichts – oder genau das, was wirklich zählt.
Mit dieser Produktion beweist OBV nicht nur Respekt vor dem Erbe, sondern zeigt auch Mut und Vision. Peer Gynt wurde mehr als eine Aufführung – es wurde ein Spiegel. Und dieser Spiegel, der lügt nicht…