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Ein vergessener Pulitzer, der endlich wieder erklingt

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· 8 Min. Lesezeit
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Ein vergessener Pulitzer, der endlich wieder erklingt

Es gibt Opern, die man erst kennenlernt, wenn sich jemand die Mühe macht, sie aus dem Staub zu holen, und Giants in the Earth von Douglas Moore (1893-1969) ist dafür ein Schulbeispiel. Mit dem Pulitzer Prize 1951 ausgezeichnet, geriet die Oper danach jahrzehntelang völlig in Vergessenheit: keine kommerzielle Aufnahme erhältlich, kaum Aufführungen und höchstens eine vage Erinnerung bei denen, die sie einmal live erlebten. Dass sie nun, fünfundsiebzig Jahre nach dieser Auszeichnung, endlich ihre erste kommerzielle Aufnahme erhält – und dann noch dank eines Orchesters aus Sioux Falls, South Dakota, genau der Region, in der die Geschichte spielt – wirkt fast wie poetische Gerechtigkeit.

Die stimmungsvolle Präludium setzt sofort den Ton. Noch bevor eine Figur ein Wort gesungen hat, atmet Moore die Weite der Prärie, die Hoffnung der Pioniere und gleichzeitig die unterschwellige Bedrohung einer Existenz, die durch die unerbittliche Natur ständig auf die Probe gestellt wird. Es ist Musik, die unmittelbar eindringt und neugierig auf das Folgende macht.

Die Geschichte ist bekannt für diejenigen, die den Roman von Ole Rølvaag (1876-1931) kennen. Norwegische Kolonisten wagen die Überfahrt in die kahlen Ebenen von Dakota auf der Suche nach einem neuen Leben. Aber während Per Hansa die Weite als Verheißung sieht, erlebt seine Frau Beret dieselbe Landschaft als Quelle von Angst und Entfremdung. Dieser grundlegende Unterschied in der Lebenseinstellung trägt die ganze Oper. Moore schreibt dabei keine Reihe großer Arien, die losgelöst vom Drama stehen, sondern ein nahezu durchkomponiertes Ganzes, in dem kurze lyrische Passagen, deklamatorische Linien und orchesterale Übergänge nahtlos ineinander übergehen. Die Musik folgt der natürlichen Kadenz der Sprache, wodurch die Figuren nie zu posieren scheinen, sondern wirklich sprechen. Dies wird in dieser Aufführung noch verstärkt durch eine vorbildliche Diktion: Der englische Text bleibt fast durchgehend verständlich, wodurch das Libretto kaum nötig ist, um das Drama zu verfolgen.

Bemerkenswert ist, wie zugänglich die musikalische Sprache klingt. Obwohl Moore die Oper später noch überarbeitete, ist hier nichts von der Widerspenstigkeit zu hören, die viele Opern der fünfziger und sechziger Jahre charakterisiert. Moore sucht keine modernistische Provokation, sondern wählt einen lyrischen, unmittelbar ansprechenden Stil, der der amerikanischen Tradition von Barber und Menotti nahesteht. Gerade dadurch stellt sich die Frage auf, warum dieses Werk so lange aus dem Repertoire verschwunden ist. Die Musik liegt angenehm im Ohr, besitzt aber gleichzeitig genug dramatische Spannung, um die Aufmerksamkeit ununterbrochen zu fesseln.

Was besonders beeindruckt, ist, wie Moore verschiedene Emotionen jedes Mal eine eigene musikalische Farbe zu geben weiß. Die Gemeinde erhält Wärme und Verbundenheit, der Humor des alltäglichen Pionierlebens klingt echt und entwaffnend, während die Zweifel Berets immer nachdrücklicher durch die Partitur zu sickern beginnen. Der erste Akt überzeugt sofort durch seinen natürlichen Wechsel zwischen lyrischen Momenten und sorgfältig aufgebauten dramatischen Spannungen. Moore macht sowohl die häusliche Wärme der Kolonistengemeinde als auch Berets unterschwellige Angst greifbar, ohne je in sentimentale Effekthascherei zu verfallen. Die Konfrontationen zwischen Beret und Per gehören sofort zu den emotionalen Höhepunkten der Oper. Ohne große theatralische Gesten schafft es Moore, die wachsende Entfremdung zwischen beiden Figuren spürbar zu machen, getragen von einem Orchester, das ihre inneren Spannungen subtil verstärkt.

Der zweite Akt bringt mehr Stimmungswechsel. Es gibt Raum für leichte Momente, für Kaffee, Geschenke und Geschichten über neue Lieben, aber unter dieser vermeintlichen Leichtigkeit wächst der Konflikt zwischen Per und Beret unvermeidlich weiter. Gerade diese Wechselwirkung zwischen Wärme und Bedrohung macht diesen Akt so stark: Moore gönnt seinen Figuren Momente der Freude und Verbundenheit, lässt aber ständig spüren, dass unter der Oberfläche Unsicherheit und Spannung vorhanden bleiben. Wenn Per immer mehr Land beansprucht und Beret ihm vorwirft, dafür moralische Grenzen zu überschreiten, entsteht eine der stärksten dramatischen Konfrontationen der Oper. Bemerkenswert ist, wie Moore sie musikalisch fast nebeneinander singen lässt, ohne sich wirklich zu erreichen. Gerade dadurch wird ihr Beziehungsbruch so nachvollziehbar und schmerzhaft unmittelbar. Der darauffolgende gewaltsame Streit und Berets bittere Feststellung, dass sie „wie Tiere" leben, bilden einen beeindruckenden Aufstieg zur Tragödie des dritten Aktes.

Dort erreicht die Oper ihre größte dramatische Kraft. Es beginnt fast unschuldig mit der Hochzeit von Henry und Dagmar, woraufhin die Vorbereitungen für die Taufe von Per und Berets Sohn Peder Victorious folgen. Der Chor singt hier mit einer ergreifenden Homogenität, die die enge Gemeinde unterstreicht. Aber genau in diesem Moment kippt das Drama. Beret weigert sich, ihren Sohn taufen zu lassen, und stellt in einer intensiv durchlebten Szene die ergreifende Frage: „How can we be saved?". Ab diesem Augenblick erhält die Geschichte fast den Charakter eines modernen Bibelberichts. Dürre heimsucht das Land, eine verheerende Heuschreckenschwärme vernichtet die Ernte und Krankheit schlägt zu. Beret erlebt diese aufeinanderfolgende Reihe von Katastrophen als Gottes Strafe für die nicht vollzogene Taufe, eine Überzeugung, die Moore musikalisch immer eindringlicher gestaltet. Ihr Gewissenskonflikt gehört zu den stärksten Passagen der Oper: Der Komponist sucht nirgends billige Effekte, sondern lässt die Verzweiflung aus einem tiefen religiösen Bewusstsein wachsen. Der chaotische Kampf gegen die Heuschrecken gehört zur bildlichsten Musik der Partitur und bildet den Wendepunkt, nach dem die Tragödie unabwendbar wird.

Wenn Peder Victorious lebensbedrohlich krank wird, erreicht diese Tragödie ihren menschlichen Höhepunkt. Beret will gegen alle Vernunft selbst einen Priester holen, anstatt einen Arzt. Per versucht, sie davon abzuhalten, und beschwört in einer ergreifenden Liebeserklärung alles, das sie je zusammenbrachte. Schließlich ist er es, der ihrer Verzweiflung nachgibt und selbst den Sturm trotzt, um den Priester zu holen, während Beret geistig völlig zusammenbricht. Ohne je Puccini oder Strauss zu imitieren, besitzt Moore hier dieselbe Gabe, eine unabwendbare Tragödie musikalisch unwiderstehlich aufzubauen. Der ungelöste Schlussakkord hinterlässt keinen Trost, nur die eisige Stille nachdem alles vollzogen ist.

Was diese Weltpremieren-Aufnahme so überzeugend macht, ist, dass nirgends das Gefühl entsteht, eine historische Rekonstruktion zu hören. Delta David Gier dirigiert mit hörbarer Liebe zur Partitur und lässt keinen Moment vermuten, dass dieses Werk so lange von den Bühnen verschwunden ist. Im Gegenteil, das South Dakota Symphony Orchestra spielt mit einer Selbstverständlichkeit, als ob diese Oper seit Generationen zu seinem festen Repertoire gehört. Von der stimmungsvollen Präludium bis zur dramatischen Finale klingt überall weder Zögern noch akademische Distanz, sondern ausschließlich die Überzeugung von Musikern, die vollständig an dieser Partitur glauben. Vielleicht fehlt dem Orchester gelegentlich das allerletzte Bisschen Raffinement, das die größten amerikanischen Top-Orchester besitzen, aber dieser kleine Vorbehalt verblasst völlig angesichts des enormen Einsatzes, der Beteiligung und der musikalischen Überzeugungskraft, mit der hier musiziert wird.

Die Besetzung ist homogen zusammengestellt. Meredith Lustig verleiht Beret genau die Zerbrechlichkeit und innere Zerrissenheit, die die Figur braucht. Ihre Interpretation bleibt stets menschlich und glaubwürdig, ohne in übertriebenes Pathos zu verfallen. Michael J. Hawk stellt ihr einen warm klingenden, idealistischen Per Hansa gegenüber, dessen Optimismus zunehmend tragischer wird. Andrew Gilstrap macht Eindruck als Hans Olsa, während Sarah Nordin und die übrigen Solisten ein außergewöhnlich gleichwertiges Ensemble bilden. Es gibt keinen ausgesprochenen Star oder Diva, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht; gerade dadurch, dass sich jeder völlig in den Dienst des Dramas stellt, gewinnt diese Aufführung an Aussagekraft.

Da es sich um eine Live-Aufnahme handelt, bleibt auch der Applaus zwischen den Akten erhalten. Das stört keineswegs; im Gegenteil, es verstärkt das Gefühl, dass man an einem besonderen Ereignis teilnimmt, und unterstreicht, wie begeistert das Publikum diese Wiederentdeckung aufgenommen hat.

Pentatone verdient abschließend all sein Lob für die Aufnahmequalität. Der warme, räumliche Klang lässt sowohl die Orchesterdetails als auch die Stimmen optimal zur Geltung kommen und bewahrt gleichzeitig die natürliche Atmosphäre der Aufführung. Für eine Live-Registrierung ist die technische Ausführung geradezu vorbildlich.

Giants in the Earth wird die Operngeschichte vielleicht nicht umschreiben. Dafür fehlen die revolutionären Ambitionen eines Wozzeck oder Peter Grimes. Aber Douglas Moore schrieb durchaus eine Oper, die zwei Stunden lang fesselt, in der menschliche Gefühle mit großer Überzeugungskraft gezeichnet werden und in der die Suche von Einwanderern nach einem neuen Leben bemerkenswert zeitlos wirkt. Dass diese Oper 1951 den Pulitzer Prize erhielt, erscheint nach dieser Aufführung alles andere als überraschend. Das South Dakota Symphony Orchestra und Pentatone beweisen mit dieser vorbildlichen Weltpremieren-Aufnahme, dass manche vergessenen Werke nicht nur historisch interessant sind, sondern auch heute noch ein Publikum ergreifen können. Wer ehrliche, menschenzentrierte Oper ohne Schnörkel mag, entdeckt hier nicht nur ein vergessenes Werk, sondern eine überzeugende Oper, die endlich wieder gehört werden kann.

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