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Exposé Teil 2: „Mein Name ist Brodeck…"

J
· 4 Min. Lesezeit
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Exposé Teil 2: „Mein Name ist Brodeck…"

Nach der psychologischen Analyse von Brodeck ist es Zeit, sich dem Wesentlichen zuzuwenden: der Musik. Eine Uraufführung deutet an, dass eine Geschichte ihre eigene einzigartige Klangwelt erhält. Hier stellt sich die Frage, ob Opera Ballet Vlaanderen (OBV) und Daan Janssens es erfolgreich geschafft haben, Philippe Claudels Welt zum Leben zu erwecken.

Kinematografisches Leitmotiv


Daan Janssens gab bereits an, dass er während der Komposition spürte, dass diese von Wagnerischem Einfluss geprägt sein würde.* Die Verwendung von Leitmotiven ist daher prominent vorhanden. Wenn man ihnen zuhört, hört man auch, wie die Geschichte voranschreitet, diese musikalischen Signale immer prominenter werden. Emelias ätherische gebrochene Klänge, Brodecks springende Melodie, das absteigende Glissando in der Celesta als Motiv für den Anderer/das Fremde – diese werden eingeführt und vermischt miteinander. Das Hören des Ungesagten ist reine Wagner.

Um bei Janssens' Brodeck zu bleiben: Leitmotive spielen hier die Hauptrolle. Darunter liegt im Orchester ein ununterbrochenes Spannungsfeld. Es war bemerkenswert, wie die Komposition kaum Ruhepunkte kannte. Es gibt nur zwei Zäsuren, die mir prominent in Erinnerung geblieben sind, beide gegen Ende. Eine davon folgt nach der Hinrichtung eines Frëmder, mit gesprochenen Worten durch Offizier Buller: "Je vous souhaite le bonsoir." Diese banalen Worte, kombiniert mit Tod und Stille, klangen geradezu makaber. Die andere? Der Anderer, der „Mörder" zu den Dorfbewohnern schreit.

Es ist nicht nur Stille und Leitmotive, deren sich Janssens bedient. Die Kraft der Komposition schien auch in der sparsamen, aber korrekten Verwendung von Persiflage und musikalischen Erwartungsmustern zu liegen. Es klingt wie ein Thriller(film), bei dem man immer wieder die gleichen wiederholten Spannungswellen hört – der schneidende Piepton, die anhaltenden Streicher, die überirdische Celesta und Harfe (zwei Instrumente, die im Übernatürlichen und im Horrorgenre beliebt sind). Die Angst vor dem Fremden und dem Tod – die ununterbrochene Spannung – die die Geschichte beherrscht, kommt in der musikalischen Komposition zum Ausdruck.

Der Rahmen erfüllt jedenfalls alle Erwartungen, aber wie steht es mit den Details?

Weniger ist mehr

Wenn man eine Oper hört, in der die erwarteten Stilfiguren sparsam verwendet werden, wird man sich als Zuschauer bewusst, wie dies intensiver wirkt. Ein Beispiel dafür ist der Hysterie-Sprung von Emélia nach dem Verrat an Brodeck. Ein hoher Sprung einer Sopranistin als Ausdruck einer Leidenschaft oder Angst ist eine Opera-Stilfigur. Wenn dieser dann nur einmal vorkommt – in einer ansonsten tiefen, fließenden Vokalkomposition –, dann wirkt dieser umso stärker.

Auch die Verwendung eines bekannten Walzermotivs, gebrochen und persifliert, gab denselben Effekt. Die Verzerrung des Klangs verband sich mit dem Motiv von Emélia – warum sie wie ein gebrochener Vogel durch die Geschichte schwebte –, und wie die entfremdete Tonalität auch etwas über das Dorf aussagte. Ein Walzer ist bereits eine Art Momentaufnahme, und mit der nötigen Chromatik und Vergrößerung kann dieser geradezu bedrohlich klingen.

Die Kombination aus Sparsamkeit, ununterbrochener musikalischer Spannung und Leitmotiven führt zu einem (erfolgreichen) Mangel an Ruhe.

Gesungenes Kino


Die Absicht, kinematografische Spannung zu erzeugen, wurde erfolgreich komponiert und aufgeführt. Die Entscheidung, die einzige "Bedrohung" – den Anderer – zur gesprochenen Rolle zu machen, hat den beabsichtigten Kontrast geliefert. Die Aufführung ist ein Ensemble, daher waren es diese Momente, die am stärksten sprachen. Die Ghost Choirs – schwebende Chorpassagen, mit oder ohne kirchliches Motiv – gaben die notwendigen Klangbilder. Es war angenehm, dass für einmal – anstatt die Sänger einzeln zu betrachten – alles als Ganzes wirkte. Wenn das die Absicht war, dann sicherlich bravo, Janssens.

Ein besonderes Wort noch für Brodeck. Damien Pass hatte nicht die leichteste Aufgabe – in einer starken Ensemblekomposition hervorzustechen. Dies ist ihm und seiner klaren Stimme sicherlich gelungen. Auch Elisa Soster, sparsam genug eingesetzt, um die verzerrte Spannung aufrechtzuerhalten, war die richtige Wahl für eine fragmentierte, überirdische (Kriegs-)Seele wie Emélia. Das Ensemble war sicherlich stark, besonders zusammen.

Mit dieser Darlegung konnte ich nur die Hälfte erfassen von dem, was Brodeck letztendlich ist (als Komposition). Das ist ein Kompliment an die Kraft von Daan Janssens und die Produktion von OBV. Wenn mir die Worte fehlen, dann ist das sicherlich ein Zeichen von Erfolg. Hiermit: bravo!
* Paraphrasiert von Daan Janssens, Persmoment Brodeck - OBV, 09/02/2024.
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WAS: Brodeck von Daan Janssens (2023).

WER: Daan Janssens (Komponist und Librettist) Marit Strindlund (Dirigentin), Fabrice Murgia (Regisseur und Librettist), Philippe Claudel (Autor), Susan De Ceuster/Gay Huygen (Kinderdarsteller), Jose De Pauw (Schauspieler), Jean-Pierre Baudson (Sprecher), Damien Pass, Elisa Soster, Helena Rasker, Thomas Blondelle, Kris Belligh, Werner van Mechelen, Tijl Faveyts, Sinfonieorchester Opera Ballet Vlaanderen, Chor Opera Ballet Vlaanderen, Kinderchor Opera Ballet Vlaanderen.

WO: Opera Ballet Vlaanderen, Antwerpen.

WANN: 9. Februar 2024 bis 20. Februar 2024 (OBV Antwerpen) und 29. Februar 2024 bis 3. März 2024 (OBV Gent); besucht am 9. Februar 2024.

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