Mit seiner Saison 2026-2027 wählt Flagey nicht einfach eine künstlerische Linie, sondern eine ausgesprochene kulturelle Positionierung. Unter dem Dach der Ersten Wiener Schule untersucht das Brüsseler Musikhaus, wie Musik aus der Vergangenheit überraschend aktuell bleibt in einer Welt, die sich erneut zwischen Unsicherheit, geopolitischer Spannung und dem Verlangen nach Halt balanciert.
Dass Flagey gerade die Erste Wiener Schule als Leitgedanke wählt, ist bedeutsam. Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert schrieben ihre Musik an einem historischen Wendepunkt: zwischen Aufklärung und Revolution, zwischen aristokratischer Ordnung und moderner Bürgerschaf. Ihr Werk trägt daher nicht nur formale Eleganz in sich, sondern auch ein tiefes Bewusstsein für gesellschaftliche Veränderung. Die Saison liest sich daher als ein Versuch, durch diese Musik wieder Fragen über die heutige Welt zu stellen.
Im Zentrum steht Ludwig van Beethoven, dessen Tod im Jahr 1827 – nächste Saison genau zweihundert Jahre her – gedacht wird. Aber Flagey programmiert hier kein Beethoven-Museum. Seine Musik erscheint als eine lebendige Kraft: zugleich rebellisch, tröstend, visionär und grundlegend menschlich. Die Frage, die implizit durch die Saison läuft, ist nämlich nicht nur musikalisch, sondern auch politisch: Was bedeutet Humanismus noch in einem Zeitalter der Polarisierung, des Krieges und der kulturellen Zersplitterung? Wenige Komponisten haben die Spannung zwischen individueller Freiheit und kollektiver Utopie so scharf in Musik erfasst wie Beethoven.
Giltburg vollendet, Lewis baut auf
Eine der großen Säulen der Saison wird zweifellos die Vollendung von Boris Giltburgs Gesamtaufführung der Klaviersonaten von Beethoven sein. Der Gewinner des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs 2013 profilierte sich in den letzten Jahren international als einer der durchdachtesten Beethoveninterpreten seiner Generation und vollendet nun ein ehrgeiziges Projekt, das letzte Saison in Flagey begann.
Er tritt als Solist am 25. März und 6. Juni 2027 auf. Besonders interessant ist jedoch vor allem das neue Konzertformat, mit dem Flagey zum ersten Mal in Brüssel aufwartet: Nach einem ersten Teil mit Klaviersonaten folgt ein sinfonischer Teil zusammen mit dem Brüsseler Philharmonischen Orchester (26. und 27. März, 4. und 5. Juni 2027). Das ist mehr als ein Programmiertrick. Indem Flagey die Intimität der Sonaten mit der sinfonischen Dimension von Beethovens Werk und Einfluss kombiniert, versucht das Haus, die Spannungskurve seiner Musik fühlbar zu machen. Bei Beethoven stehen diese beiden Welten nämlich nie völlig voneinander getrennt.
Auch Paul Lewis tritt nächste Saison als Künstler in Residenz auf. Der britische Pianist, international gerühmt für seine Interpretationen von Beethoven und Schubert, beginnt in Flagey ein langfristiges Projekt über die Klaviersonaten von Mozart, die er dort auch aufnehmen wird (27. Januar 2027). Das unterstreicht, wie sich Flagey in den letzten Jahren zu einem international geschätzten Aufnahmeort entwickelt hat, auch dank der außergewöhnlichen Akustik von Studio 4.
Mit dieser Programmation bestätigt Flagey zudem sein immer klareres Profil innerhalb der belgischen Konzertlandschaft. Während BOZAR oft auf internationale Prestigeprojekte setzt und deSingel stärker multidisziplinär arbeitet, positioniert sich Flagey immer deutlicher als ein Haus, in dem Repertoire, Aufnahmekultur, Jazz, Bildung und künstlerische Reflexion ineinander übergehen.
Uchida, Schiff und Zimmermann
Einer der auffälligsten Namen auf dem Spielplan ist zweifellos Mitsuko Uchida. Ihr Debüt in Flagey am 27. November 2026 darf getrost als kulturelles Ereignis bezeichnet werden. Uchida gilt weltweit als eine der wichtigsten Mozartinterpreten der letzten Jahrzehnte, entwickelte gleichzeitig aber eine starke Affinität zu Schönberg und der Zweiten Wiener Schule. Ihr Programm – Haydn, Mozart, Schubert und Schönberg nebeneinander – verspricht daher mehr zu werden als nur ein Solokonzert. Es wird eine musikalische Reflexion über Tradition und Erneuerung, über das, was Komponisten von ihren Vorgängern erben und was sie bewusst hinter sich lassen.
Bemerkenswert ist dabei, wie oft Schubert in der Programmation der nächsten Saison auftaucht. Als Übergangsfigur zwischen klassischer Klarheit und romantischer Introspektive ist er vielleicht die modernste Stimme von allen.
Am 17. März 2027 widmet András Schiff ein ganzes Solokonzert Haydn, vielleicht immer noch der unterschätzeste der großen Wiener Klassiker. Frank Peter Zimmermann gibt sein Flagey-Debüt am 13. April in Begleitung der ukrainischen Pianistin Dmytro Choni für ihr einziges Konzert in Belgien diese Saison. Ihr Programm konfrontiert Schubert mit Repertoire der Zweiten Wiener Schule und stellt so erneut Vergangenheit und Modernität gegenüber.
Alexander Melnikov vervollständigt die Reihe großer Pianisten während der Flagey Piano Days mit Mozarts Klavierkonzert Nr. 20 in d-Moll, KV 466, zusammen mit dem Orchestre Philharmonique Royal de Liège (12. Februar 2027). Darüber hinaus macht auch das Quatuor Ébène sein Debüt in Flagey. Von 20. bis 22. November 2026 eröffnet das renommierte französische Ensemble dort seinen Beethoven String Quartet Cycle – Musik, die immer noch zu dem Visionärsten gehört, das das westliche Repertoire hervorgebracht hat.
Flagey Piano Days und Philip Glass
Die Flagey Piano Days bestätigen unterdessen ihre Position als eines der seltenen belgischen Klavierfestivals, bei denen internationale Top-Pianisten nicht als lose Sterne vorbeikommen, sondern innerhalb eines inhaltlich ausgearbeiteten Parcours platziert werden.
Vom 10. bis 14. Februar 2027 bringt Flagey wieder unterschiedliche pianistische Stimmen zusammen. Roman Borisov und das Quatuor Modigliani eröffnen mit Debussy und Franck (10. Februar, 18:30 Uhr), während Marc-André Hamelin später am selben Abend Weinberg, Debussy und Chopin kombiniert. Jonathan Fournel tritt am 11. Februar mit der Brussels Philharmonic auf. Lucas und Arthur Jussen bringen Bach, Brahms und Gershwin auf einem Programm zusammen, während Katia und Marielle Labèque mit Miniaturen unter anderem vergessener weiblicher Komponisten neben Mendelssohn, Fauré und Ravel abschließen.
Bemerkenswert ist darüber hinaus die Hommage an Philip Glass, der 2027 neunzig wird. Vanessa Wagner, Danae Dörken und Pascal Schumacher setzen seine minimalistische Ästhetik in einen zeitgenössischen Kontext. Auch das ist aussagekräftig: Flagey nutzt das Festival nicht nur, um das kanonische Klavierrepertoire zu feiern, sondern auch, um dessen Grenzen ständig zu hinterfragen.
Jazz ohne Grenzen
Auch Jazz bekommt wieder einen prominenten Platz in der Saison. Das Brussels Jazz Festival (14.–23. Januar 2027) wählt mit der niederländischen Bassistin Louise van den Heuvel eine Künstlerin in Residence, die mühelos zwischen Jazz, Elektronik und Improvisation laviert. Ihre Residenz umfasst drei völlig unterschiedliche Projekte: ein Konzert mit Kit Downes, Otis Sandsjö und Sun-Mi Hong (15. Januar), ein immersives Hörerlebnis mit Brunch zusammen mit Bert Cools (17. Januar) und neue Werke mit ihrem Ensemble Sonic Hug (21. Januar). Dass sich diese Projekte so stark voneinander unterscheiden, ist kein Mangel an Fokus, sondern genau der Punkt. Van den Heuvel zeigt, wie offen und hybrid der Begriff Jazz heute geworden ist.
Internationale Namen fehlen ebenfalls nicht. Der tunesische Oudspiel und Komponist Anouar Brahem setzt am 8. Oktober 2026 seinen subtilen Dialog zwischen arabischen Musiktradionen und europäischem Worldjazz fort. Seine Arbeit auf dem ECM-Label machte ihn in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Schlüsselfigur im zeitgenössischen Worldjazz. Auch L'Antidote bringt ein ausgeprägtes interkulturelles Projekt mit dem iranischen Perkussionisten Bijan Chemirani, dem libanesischen Pianisten Rami Khalifé und dem albanischen Cellisten Redi Hasa (29. Oktober 2026). Für Flagey ist das Konzert einer von nur zwei belgischen Haltestellen der Tournee.
Besonders bedeutsam ist darüber hinaus das fünfzigjährige Jubiläum der Lundis d'Hortense. Die Organisation spielte seit 1976 eine entscheidende Rolle in der Entwicklung und internationalen Ausstrahlung der belgischen Jazzszene – eine Leistung, die in einem Land, das in den vergangenen Jahrzehnten so bemerkenswert viel Jazztalent hervorgebracht hat, kaum zu überschätzen ist. Das Jubiläumskonzert am 1. Oktober 2026 umfasst einen Carte Blanche für Nathalie Loriers und ihr Projekt 1, 2, 3 Piano, gefolgt vom Belgian Jazz Ensemble mit Tutu Puoane.
Die Saison endet mit zwei Konzerten, die weibliche künstlerische Stimmen explizit in den Mittelpunkt stellen. Sowohl Children of Simone (28. Mai 2027) als auch Dee Dee Bridgewater (31. Mai 2027) lesen das Erbe von Nina Simone und Max Roach aus einer zeitgenössischen Perspektive neu.
Bach, Goldberg und die nächste Generation
Auch Liebhaber alter Musik kommen voll auf ihre Kosten. Philippe Herreweghe und Collegium Vocale Gent bringen am 15. Dezember 2026 Bachs Weihnachtsoratorium in der Vorbereitung auf die Feiertage. Flagey schenkt auch Johann Gottlieb Goldberg Aufmerksamkeit, dem Cembalist, nach dem Bachs berühmte Goldbergvariationen benannt wurden und der 2027 dreihundert Jahre alt geworden wäre. Sowohl TrioFenix (16. Oktober 2026) als auch die Gitarristen Thibaut Garcia und Antoine Morinière (20. Oktober 2026) präsentieren neue Perspektiven auf dieses Denkmal des Klavierrepertoires.
Wie in den vorangegangenen Saisons investiert Flagey weiterhin stark in junge Talente. Innerhalb der Reihen Piknik und Jonge Wolven treten wieder verschiedene Preisträger des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs auf, darunter Valère Burnon, Uladzislau Khandohi, Mirabelle Kajenjeri, Sergey Tanin und Arthur Hinnewinkel. Auch international beachtete junge Musiker wie Dmitry Shishkin bekommen einen Platz.
Projekte wie Academix, Piano & Sand und die Zusammenarbeit mit El Sistema und ReMuA möchten Kinder und Jugendliche aktiv mit Musik in Kontakt bringen – auch darin unterscheidet sich Flagey zunehmend von einer klassischen Konzerthalle.
Mehr als ein Konzertsaal
Die Saison 2026-2027 zeigt letztlich vor allem, wie Flagey heute viel mehr als nur ein Konzertsaal ist. Das ikonische Art-Deco-Gebäude an den Vijvers van Elsene – ursprünglich als Radiogebäude entworfen – wächst immer stärker zu einem kulturellen Treffpunkt heran, wo sich klassische Musik, Jazz, Film, Bildung und gesellschaftliche Reflexion kreuzen. Festivals wie Anima, Klarafestival, das Brussels Short Film Festival, der Königin-Elisabeth-Wettbewerb und Festival Musiq3 bestätigen diese zentrale Position in der belgischen Kulturlandschaft.
Flagey präsentiert Beethoven nicht als ein beruhigendes Denkmal aus der Vergangenheit, sondern als einen Komponisten, der zweihundert Jahre später noch immer unbequeme Fragen stellt.