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Flow Midsummer Night Polyphony Festival lässt Polyphonie in Oostende spritzen

J
· 5 Min. Lesezeit
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Flow Midsummer Night Polyphony Festival lässt Polyphonie in Oostende spritzen
© Marius Burgelman

Mit der dritten Ausgabe des Flow Midsummer Night Polyphony Festival brachte Dionysos Now! in Zusammenarbeit mit De Grote Post erneut eine Hommage an die Polyphonie in all ihren Facetten. Konzerte, Begegnungen und Reflexion wechselten sich an verschiedenen Orten in Oostende ab. Das Festival bot keinen nostalgischen Rückblick auf eine musikalische Vergangenheit, sondern eine lebendige Demonstration davon, wie relevant, vielseitig und inspirierend diese jahrhundertealte Musik heute noch sein kann.

Das Festival eröffnete Freitagnacht in der Petrus- und Pauluskirche mit The Legacy of Adriaen Willaert von Dionysos Now!. Kaum waren die ersten Noten von Willaerts Che fai alma, che pensi erklungen, als sich mehrere kraftvolle Donnerschläge über Oostende bemerkbar machten. Es war, als würden sich die Himmelstore an schweren Angeln öffnen, um dieser Musik ihren rechtmäßigen Platz im Himmel zu gönnen. Der Zufall sorgte für eine nahezu theatralische Eröffnung eines Konzerts, das vollständig im Zeichen der verfeinerten Schönheit der Renaissancepolyphonie stand. Dionysos Now! bestätigte erneut, warum das Ensemble international zur absoluten Spitze in diesem Repertoire gehört. Transparenz, Textausdruck und eine beeindruckende Klangeinheitlichkeit gingen Hand in Hand mit selbstverständlicher musikalischer Aussagekraft.

Samstagmorgens brachte das Delle Donne Consort in der Kapuzinerkirche ein überraschendes Programm unter dem Titel Reframed. Das Blockflötenensemble zeigte, wie Musik aus einer fernen Vergangenheit noch immer frisch und lebendig klingen kann. Mit technischer Beherrschung, farbenfrohen Klangkombinationen und ansteckender Begeisterung bauten die Musiker eine Brücke zwischen historischer Musik und einem zeitgenössischen Publikum. Dabei machten sie optimale Nutzung der besonderen Akustik der Kapuzinerkirche. Ihre Klänge erfüllten den Raum mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit, wodurch Musik und Architektur zusammen ein einheitliches Ganzes zu bilden schienen.

Später am selben Tag folgte in De Grote Post Hoort mi aen, ein besonderes Projekt des syrischen Komponisten und Musikers Shalan Alhamwy, in dem Wort und Musik fortlaufend miteinander in Dialog traten. Ausgehend von Gedichten aus dem Gruuthusehandschrift begab sich Alhamwy zu einer Mittelschule, wo Schüler eingeladen wurden, eigene Texte als Antwort auf die jahrhundertealten Verse zu schreiben. Während des Konzerts wurde das Publikum in die Suche eines dieser Schüler mitgenommen, Lars, der als Führer durch das Programm fungierte. Eigene Kompositionen von Alhamwy, Musik von Bach und Wannes Van de Velde sowie meisterlich vorgetragene Poesie wechselten sich in einer Aufführung ab, die Vergangenheit und Gegenwart auf natürliche Weise miteinander verband. Als Lars schließlich selbst, in mittelalterlicher Kleidung, sein eigenes Gedicht vortrug, schloss sich der Kreis schön. Es unterstrich, wie eine Begegnung mit jahrhundertealten Texten auch heute noch neue Kreativität freisetzen kann.

Samstagabend wurde das Publikum erneut zusammengebracht für Oorlog en vrede, eine Zusammenarbeit zwischen Dionysos Now! und Jef Neve. Die polyphonen Linien der Renaissance und die Improvisationen von Neve trafen sich in einem Dialog, der sich sowohl selbstverständlich als auch überraschend anfühlte. Das Programm machte deutlich, dass Musik aus verschiedenen Jahrhunderten sich nicht ausschließen muss, sondern sich gegenseitig verstärken kann. Die Begegnung zwischen historischen Kompositionen und zeitgenössischer Improvisation erzeugte Momente großer Intensität und Besinnung. Gleichzeitig verkörperte das Konzert perfekt die Ambition des Festivals, Polyphonie nicht nur zu bewahren, sondern auch neue Richtungen zu erkunden.

Sonntagmorgens brachte Romina Lischka in der Kapuzinerkirche mit Captain Hume's Viol das letzte Konzert des Festivals. Im Mittelpunkt stand die Musik des Kapitäns Tobias Hume, eines englischen Militärs, der in der frühen Neuzeit Geschichte schrieb als einer der ersten Komponisten, die Solowerke für die Viola da Gamba veröffentlichten. Lischka brachte diese außergewöhnliche Musik mit großer Verfeinertheit und Überzeugungskraft. Ihr Gespür für Nuance, ihre reiches Klangpalett und ihre Fähigkeit, mit einem Instrument eine vollständige musikalische Welt hervorzurufen, hielten das Publikum mühelos in ihrem Bann.

Der Abschluss des Festivals folgte während des Apéro Poëzie mit Kurt Van Eeghem als zentraler Gast. Was mit einem Gespräch über die Rolle der Poesie und Literatur in seinem Leben begann, entwickelte sich zu einer fesselnden Erkundung von Kunst, Kultur und musikalischer Fantasie. Dabei kam auch eine überraschende Begegnung zwischen Polyphonie und elektronischer Musik zur Sprache. Synthesizer-Klänge von Tsar B, dem Projekt von Justine Bourgeus, wurden mit der jahrhundertealten Polyphonie, die zuvor während des Festivals geklungen hatte, konfrontiert und verwoben. Überraschenderweise stellte sich heraus, dass es keinen Gegensatz zwischen beiden Welten gab. Im Gegenteil, sie verstärkten sich gegenseitig. Alte Stimmen und moderne Technologie flossen zusammen zu einem faszinierenden Beispiel dafür, wie Musik ständig neue Formen annehmen kann, ohne ihre Essenz zu verlieren.

Was das Flow Midsummer Night Polyphony Festival besonders machte, war genau dieser offene Blick. Polyphonie wurde nicht als ein abgeschlossenes Kapitel der Musikgeschichte dargestellt, sondern als eine lebende Kunstform, die ständig neue Verbindungen eingeht. Indem das Festival Konzerte mit Gesprächen und Begegnungen kombinierte, gelang es ihm, sowohl Kenner als auch neugierige Zuhörer anzusprechen.

Dionysos Now! und De Grote Post haben mit dieser Ausgabe ein Festival geschaffen, das nicht nur den Reichtum der Polyphonie sichtbar machte, sondern auch sein zukunftsorientiertes Potenzial. Wer anwesend war, konnte erleben, wie Musik aus der Vergangenheit heute noch neue Gespräche eröffnen, neue Emotionen wecken und neue Hörerlebniswelten schaffen kann.
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