„MACHT" war das Thema des Festival van Vlaanderen Gent in diesem Jahr und diese Macht wollte man uns entdecken und analysieren lassen über die Musik. Dass Religion und Politik eine wichtige Inspirationsquelle sein können, sowohl positiv als auch negativ, liegt nahezu auf der Hand und so bot das Programm eine Reihe von Kompositionen an, die dies deutlich illustrierten.
Darüber hinaus konnte sich jeder Hörer auf seine oder ihre eigene Weise in das Musikoangebot vertiefen und sich verleiten oder dominieren lassen.
Traditionell eingeleitet durch ein sonniges, farbreiches Odegand eröffnete das Festival mit einer Aufführung in der Sint-Baafskathedraal von Bachs Hohe Messe durch das Amsterdam Baroque Orchestra & Choir unter der Leitung von Ton Koopman. Eine volle Kathedrale hörte mit großem Engagement Koopmans engagierte Aufführung, vor allem getragen von Orchester und Chor, aber mit etwas weniger überzeugenden Solisten, deren Klang manchmal etwas unter den hohen Gewölben der Kathedrale verloren ging. Das war nicht der Fall beim Philharmonia Orchestra London, das unter der Leitung von Esa-Pekka Salonen eine Woche später eine beeindruckende und ergreifende Aufführung von Anton Bruckners Siebenter Sinfonie bot, gut strukturiert, spannungsvoll und warm im Klang. Bruckner war vorausgegangen durch eine subtile Aufführung von Schönbergs Verklärte Nacht.
Die sechzig jungen Musiker des Landesjugendorchester Nordrhein-Westfalen bildeten am nächsten Tag die stärkste Trumpfkarte der Aufführung von Verdis Oper Don Carlos, die den Untertitel The corridors of power erhielt. Im Programmheft stand zu lesen Verdis Oper revisited, aber was Regisseur Bernd Schmitt präsentierte, wirkte eher wie eine Parodie. Es wurde nicht nur behördlich viel in die Partitur geschnitten, unter anderem weil es keinen Chor gab, sondern auch die Reihenfolge der Szenen wurde verändert und statt des Autodafé gab es ein Art-Happening. Die Idee, die Figur des Großinquisitors, der mächtigsten Person der Oper, durch sechs singende und sechs agierende Figuren zu ersetzen, erbrachte auch nicht viel.
Don Carlos wurde als Clown vorgestellt, der am Ende der Oper auf einem Kinderfahrrad fuhr, Philipp II. durfte seinen entblößten Oberkörper zeigen und Elisabeth ging als ein Flittchen herum. Die französische Aussprache war erbärmlich auf eine Ausnahme hin: Simon Stricker (Philipp II.), der auch ungefähr der beste Sänger war. Aber das Orchester spielte tüchtig und ließ Verdis Partitur unter der musikalischen Leitung von Sebastian Tewinkel gut klingen. Alles zusammen jedoch eine Produktion, unwürdig für das Festival.
Eine musikalische Erfahrung ganz anderer Art bot ein paar Tage später das Konzert des Huelgas Ensemble unter der Leitung von Paul Van Nevel mit dem Titel Het landschap van de polyfonisten. Da Paul Van Nevel davon überzeugt ist, dass die Musik der Franco-Vlämischen Komponisten stark durch die Melancholie, die Schönheit und Vielfalt von Natur und Kathedralen beeinflusst ist, wurde das Konzert von projizierten Stimmungsbildern begleitet, fotografiert von Luk Van Eeckhout. So konnten wir möglicherweise mit anderen Ohren auf die verschiedenen Kompositionen hören, die von den, in Dunkelheit gehüllten, zwölf Mitgliedern des Huelgas Ensemble vorgebracht wurden vor einem Hintergrund von melancholischen, verschwommenen, sanften Landschaften.
Das Collegium Vocale Gent war der Hauptinterpretin von De Blinden, eine von Josse De Pauw und LOD Musiktheater ausgearbeitete Musiktheaterversion von Les Aveugles von Maurice Maeterlinck mit Musik von Jan Kuijken. Maeterlincks aveugles sind eine Gruppe von Blinden, die in einem dunklen Wald vergeblich auf einen Führer warten. Bei LOD bilden sie eine Gruppe angespülter Seelen, zwar mit einem Anführer, der anwesend ist, sich aber jedoch in Schweigen hüllt. Also fühlen sie sich hilflos und verlassen und tasten im Dunkeln wie Blinde oder wie viele Flüchtlinge heute, die nicht weiterkommen, angespült in einer fremden Welt. Vielleicht deshalb bevorzugte Josse De Pauw, eine englische Übersetzung von Maeterlincks französischem Text zu verwenden. Seinen Schlusmonolog als der anwesende / abwesende Anführer, in dem er den Machtmissbrauch darstellt, sprach er auf Niederländisch.
Jan Kuijkens Musik verlangt keine Instrumente und ist vollständig a cappella und wurde von den Sängern des Collegium in der Gruppe oder solistisch aufgeführt. Sie evolvierten tastend in einem spärlichen Bühnenbild (eine Plankenschräge), zusammen mit zwei Schauspielern, von oben beobachtet durch Josse De Pauw. Zusammen wussten sie eine gewisse Atmosphäre zu schaffen, konnten aber die Aufmerksamkeit während der anderthalb Stunden, die die Aufführung andauerte, nicht halten.
Eine ganz andere Form von Musiktheater bot Mi Carmen Flamenca, eine vom Antonio Andrade Flamenco Ballet getanzte Version von Bizets Oper Carmen. So wurde die Aufführung zumindest angekündigt. In Wirklichkeit blieb nicht viel von Bizets Carmen übrig, außer einem Skelett der Geschichte mit gelegentlich einigen (aufgenommenen) orchestralen Fragmenten. Live-Musik wurde vor allem von Musikern auf der Bühne gebracht (Gesang, Gitarre, Cajon, Saxophon und Flöte) in einem eher dürftigen Mini-Bühnenbild. Für Farbe und Temperament sorgten die Tänzer des Ensembles unter Leitung von Ursula Moreno (Carmen), José Galvan (Don José) und José Luis Vidal (Escamillo). Und das Publikum schien das Spektakel zu schätzen.
Mein letzter Festival-Abend führte mich erneut in die Sint-Baafskathedraal zu einem Konzert mit dem Titel Over lijden en verlossing, gebracht vom Mahler Chamber Orchestra mit den Solisten dem Bass Peter Harvey und dem Countertenor Alex Potter. Dieser ersetzte den ursprünglich angekündigten Iesteyn Davies in Vivaldis Stabat Mater während Peter Harvey in Bachs Kantate Ich habe genug zu hören war. Peter Harvey überzeugte durch eine beherrschte, gefühlvolle Interpretation mit seinem homogenen Bass. Alex Potter tat sein Bestes, um uns das Leid Marias in einer manchmal etwas krampfhaften Vokaldarbietung spüren zu lassen. Beide Sänger wurden prima vom Mahler Chamber Orchestra begleitet, unter der Leitung von Konzertmeister Matthew Truscott.
Zu voller Entfaltung kam es in der Chamber Symphony Op. 110 a von Sjostakovitsj, eine äußerst fesselnde Komposition, die aus seinem achten Streichquartett hervorgegangen ist. Das Mahler Chamber Orchestra verstand es ausgezeichnet, die verschiedenen Stimmungen mit vollem Orchestersound und feinen Farbschattierungen wiederzugeben und einen fesselnden Spannungsbogen über die Aufführung zu spannen. Auch hier wieder ein nahezu vollständig gefüllter Dom und ein aufmerksames und dankbares Publikum.
- WAS: Odegand – Gent Festival van Vlaanderen
- WO: mehrere Orte in Gent vom 15.9 bis 6.10.2018
- FOTOS: © Gent Festival van Vlaanderen und © Wouter Rawoens
- WEBSITE: www.gentfestival.be