Die Gentse Feesten, Ausgabe 2022, sind vorbei. Nach zwei Corona-Jahren gab es keine Bremse für die Festfeierer, die vor allem abends massenhaft in die Stadt strömten. Die Gentse Feesten sind ein großes Volksfest und gleichzeitig ein zehntägiges Kulturfestival, bei dem nahezu alle Musik- und Theatergenres vertreten sind. Einzigartig in Europa, denn viele Auftritte oft bekannter Künstler auf den großen Plätzen sind völlig kostenlos.
Im Windschatten des Festgetümmels finden auch viele klassische Konzerte statt. Chöre, kleine Ensembles, Klavierrezitale, Kammermusik, Liederabende usw. Hier ist eine Auswahl aus den Dutzenden klassischen Konzerten und Rezitalen. Kleine Impressionen von sieben Konzerten. Zwei Konzerte in der protestantischen Rabotkerk, zwei Konzerte an besonderen Orten, zwei Klavierrezitale in der Miry-Konzerthalle und als Außenseiter ein Auftritt bulgarischer A-Capella-Musik in der Sint-Jacobskerk.
KAMMEROPER IN HUSET
Huset ist ein großes Bürgerhaus in der Gentser Hoogstraat, wo sie an Abenden wie diesem die Stühle und Tischchen beiseite räumen für ein Konzert. Während der Gentse Feesten gibt es drei verschiedene Aufführungen der Close Opera. Close, weil man es nah erlebt, man kann die Sänger fast berühren. Es gibt keine Bühne, keine Distanz zwischen Sängern und Publikum. Das Publikum ist selbst Kulisse in der Oper. Kammermusik in der authentischen Bedeutung, im privaten Raum eines großen Wohnzimmers.
Vier Sängerinnen (Annelies Van Hijfte, Jolien De Gendt, Clarissa Worsdale und Ineke De Vylder) singen abwechselnd ein Lied in einem vielfältigen Programm mit Liszt, Grieg, Rachmaninov, Debussy, Berlioz, Ravel, Enescu, Britten, Vaughan-Williams und Kurt Weill. Vier Frauen, in beliebiger Reihenfolge von dünn bis mollig. Vier Timbres und Stimmtypen, vom Koloratursoprann bis zur nüchternen Mezzo, von voller runder Stimme bis zu einer etwas schrillen. Pianist Frederik Martens leitet alles in guten Bahnen. Ein verrückter Haufen, vermutete Jolien De Gendt (vom Schumann-Liederabend) die Konzerte in Huset. Dieser Liederabend ist noch gezähmt, aber das ganze Jahr über gibt es Close-Opera-Abende voller Spaß.
Duo Estrella in Tinnenpot
Während der Gentse Feesten gibt es klassische Konzerte in Kirchen, in einer Konzerthalle, im Wohnzimmer von Huset. Am 24. Juli, dem letzten Tag der Feesten, gehe ich zu einem Konzert in vielleicht der intimsten Theaterzaal der Stadt. Die "Bonbonnière" des Theater Tinnenpot, eine Schachtel für Bonbons. Ein Minitheater für nicht mehr als sechzig Zuschauer, komplett mit Bühne, rotem Plüsch und Balkon.
Duo Estrella, das sind die niederländische Violinistin Femke Sonnen und die Bulgarin Elisaveta Vasileva, beide seit Jahrzehnten in Gent ansässig. Hauptteil des Rezitals ist die letzte Sonate von Mozart für Violine und Klavier (KV 454). Die Bonbonnière hat eine hervorragende Akustik, wie ein richtiges Konzerthäuschen. Das bedeutet, dass man alles hört und eine zarte und delicate Mozartsonate immer schwierig ist, auch wenn es keine wirklich schwierige Partitur ist. Mozart ist in dieser Besetzung immer auf Eierschalen unterwegs. Man kann sich nie hinter den Noten verstecken, wie in viel romantischen Repertoire. Dabei ist Femke Sonnen sehr gelungen. Ebenso die Pianistin, die hier mit einem minderwertigen Flügel auskommen musste.
Sonnen eröffnet das Rezital mit einer eigenen Komposition, Fantasie für Solovioline. Nach dem Vorbild der Solosonaten von Bach modelliert, wobei sie dennoch ihren eigenen Weg geht, inspiriert durch eine monatelange Segelfahrt. Manchmal windstill, dann wieder mit Wind in den Segeln. Violinisten, die eigene Werke spielen, lassen mich sich nach der Zeit sehnen, als Komponieren und Musizieren noch nicht so getrennt waren wie im letzten Jahrhundert. Außerdem spielen sie noch zwei kleine spätromantische Werke, ihr Lieblingsstück Estrella des Belgiers Georges Lonque und Capriccio von Cécile Chaminade. Farbenfrohe Miniaturen in dieser Nascherei, die zeigen, dass Sonnen in diesem Repertoire vielleicht am besten zur Geltung kommt. Herrliche Romantik ohne Grenzen. Der dicke blonde Wagnerianische Zopf auf ihrer Schulter lügt nicht.
A-capella-Trio "PLETENITSA" in der Sint-Jacobskerk
Pletenitsa ist ein Vokal-A-cappella-Trio. Drei Sängerinnen singen Volksmusik aus dem Balkan, besonders aus Bulgarien. Aus verschiedenen historischen Gründen ist Volksmusik und -tanz in Ländern wie Bulgarien seit Jahrhunderten bewahrt worden und bilden auch heute noch die Lebensader der Volkskultur, im Gegensatz zur quasi verschwundenen Volkskultur in Westeuropa.
Bulgarische Volksmusik zeichnet sich durch groteske Rhythmen und Dissonanzen aus. Dank Komponisten wie Bartok hat die Volksmusik des Balkans auch ihren Weg in die klassische Musik gefunden. Pletenitsa bedeutet im Bulgarischen Flechtwerk. Die Stimmen sind ineinander verflochten, nicht immer auf harmonische oder melodische Weise, sondern ausgehend von Unisono gehen sie ihren eigenen Weg, mit rauen Dissonanzen und komplexen Rhythmen. Das ergibt sehr reine und authentische Musik. Außerdem verweist das Wort "Pletenitsa" auf die Tracht, zu der getanzt wird. Sie singen ein Dutzend Lieder, die mit Volksmärchen verbunden sind. Jedes Lied erhält auch eine Erklärung durch eine der drei Sängerinnen. Besonderheit dieses Trios ist, dass zwei der Sängerinnen nur Flämisch (Jolien Gebuers) und Niederländisch (Sophia Keck) sind, neben der bulgarischen Gründerin (Gergana Velikova).
Sie singen ohne Mikrofone, weshalb sie hinten in der Kirche vielleicht nicht deutlich zu hören waren. Niemand hätte gedacht, dass das Publikum so zahlreich zu diesem Konzert käme. Außerdem blieb die Kirchentür offen, so dass regelmäßig Straßengeräusche hereindrangen. Ein Lied bekam sogar ein Basso continuo von der Ivagoruimwagen. Es sind schließlich Gentse Feesten.
Vier Sängerinnen
- WER: Annelies Van Hijfte [Sopran], Jolien De Gendt [Sopran], Clarissa Worsdale [Sopran], Ineke De Vylder [Mezzosopran], Frederik Martens [Klavier]
- WAS: Gentse Feesten
- WO: Huset (Hoogstraat 49, 9000 Gent)
Duo Estrella
- WER: Duo Estrella (Femke Sonnen [Violine] und Elisaveta Vasileva [Klavier])
- WAS: Gentse Feesten: Duo Estrella
- WO: Theater Tinnenpot
- WANN: Sonntag 24. Juli 2022 um 11:00
Trio Pletenitsa
- WER: Trio Pletenitsa (Jolien Gebuers, Sophia Keck und Gergana Velikova)
- WAS: Gentse Feesten: Konzert Trio Pletenitsa
- WO: Sint-Jacobskerk
- WANN: Samstag 23. Juli 2022 um 11:00
Klassik auf den Gentse Feesten 2022: Gentse Vleugels
29. Juli 2022
Klassik auf den Gentse Feesten 2022: Protestantse Rabotkerk
29. Juli 2022