Passionsonntag, 6. April 2025. Während wir in Belgien von angenehmem Frühlingswetter verwöhnt werden, spaziere ich dick eingepackt durch die verlassenen Straßen von Leipzig. Eigentlich hätte ich erwartet, dass alle Glocken der Musikmetropole läuten würden, denn heute Morgen stand etwas Besonderes bevor: Herbert Blomstedt dirigiert sein Gewandhausorchester in der Siebenten Symphonie von Anton Bruckner.
Als ich auf dem Augustusplatz ankomme, strömen die Menschen herbei. Im bis zur Decke gefüllten Gewandhaus herrscht eine bestimmte Atmosphäre; jeder blickt gespannt auf das Konzert. Die Orchestermusiker betreten pünktlich um 11.00 Uhr die Bühne. Konzertmeister Sebastian Breuninger lässt das Orchester stimmen und verschwindet dann. Daraufhin kommt er mit Herbert Blomstedt am Arm auf die Bühne. Der ganze Saal erhebt sich und es ertönt warmer Applaus. Als Blomstedt das Dirigentenpult erreicht und sich setzt, gibt er deutlich das Signal, dass auch das Publikum sich setzen soll. Er will Musik machen…
Von hinter dem Orchester sieht man den alten Mann eine Metamorphose durchmachen. Ein Lächeln erscheint auf seinem Gesicht, seine Augen leuchten auf, er nickt dem Orchester zu. Man spürt, dass etwas passieren wird. Die Musik beginnt. Als Hörer und Zuschauer wirst du in eine Geschichte hineingezogen, wobei Blomstedt immer wieder die richtige Dosierung in den Gefühlen findet, die Bruckner in seiner Musik zum Ausdruck bringt. Blomstedt selbst sagt dazu: „Mahler dokumentiert seine Krisen in seiner Musik, Bruckner überwindet sie."
Für den erfahrenen Brucknerianer gibt es jedoch noch eine Überraschung. Blomstedt hat sich intensiver mit den verschiedenen Editionen dieser Symphonie auseinandergesetzt. Er lässt die von Haas, Nowak und Gutmann beiseite und wählt bewusst die neue Edition von Hawkshaw aus 2024. Im Alter von 97 Jahren hat er sich eine Partitur zu eigen gemacht mit verschiedenen anderen Tempowechseln und dem berüchtigten Beckenschlag. In den vergangenen Jahrzehnten hat er sich immer geweigert, diesen zu spielen, aber jetzt tut er es doch, weil Hawkshaw überzeugende Beweise für Bruckners Genehmigung dafür geliefert hat.
Wenn eine Regierung jedem Orchester auferlegen würde, nur noch ein Stück spielen zu dürfen, würde sich das Gewandhausorchester sicherlich für Bruckners Siebente Symphonie entscheiden. Nachdem das Orchester die Uraufführung dieses Werkes 1885 durchgeführt hatte, ist es sein Lieblingsstück geblieben. Man merkt, wie jeder Musiker mit einem sichtbar verjüngten Blomstedt zusammenatmet, denkt und fühlt. Hier ist an diesem Morgen wirklich eine Symbiose entstanden. Nichts klingt erzwungen, gemacht, nein, alles klingt klar, liebevoll, lyrisch und wenn nötig auch rau und hart, aber immer wohlüberlegt dosiert.
Eine Symphonie von Bruckner zu spielen hat für einen Musiker etwas von einem Marathon. An diesem Morgen sah man keine Ermüdung auf den Gesichtern der Musiker, sondern während 75 Minuten ein Lächeln. Nachdem der letzte Ton verklungen war, folgte mehr als eine Minute Stille, bevor ohrenbetäubender Applaus losbrach. „Am Ende einer Bruckner-Symphonie erleben wir ein Gefühl der Vollkommenheit, ein Gefühl, alles durchlebt zu haben," sagte Sergiu Celibidache. Das Konzerterlebnis dieses Morgens für Musiker und Hörer lässt sich nicht besser beschreiben…