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Giovanni Sgambati: die stille Kraft hinter der italienischen Klaviermusik

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· 6 Min. Lesezeit
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Giovanni Sgambati: die stille Kraft hinter der italienischen Klaviermusik

Es gibt Komponisten, die die Geschichte hauptsächlich wegen ihrer Werke in Erinnerung behält, und es gibt andere, die hauptsächlich durch das weiterleben, was sie ermöglicht haben. Giovanni Sgambati (1841-1914) gehört unbestreitbar in diese zweite Kategorie, doch diese Beschreibung wird ihm letztlich nicht gerecht. Diese neue Aufnahme von Michele Tozzetti zeigt überzeugend, dass hinter dem Pädagogen und Organisator ein Komponist steckte, der mehr zu sagen hatte, als die bescheidene Position, die die Musikgeschichte ihm lange Zeit zugestanden hat.

In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts war Rom eine Stadt, in der die Oper das Sagen hatte und Instrumentalmusik kaum einen eigenen Platz besaß. Zusammen mit Violinist Ettore Pinelli gründete Sgambati die Società Musicale Romana und legte damit den Grundstein für das, was später das Conservatorio di Santa Cecilia werden sollte. Unter dem Schutz von Liszt und dank Wagners Vermittlung beim Verlag Schott entwickelte er sich zu einem der ersten italienischen Komponisten seiner Generation, die der Instrumentalmusik in Italien wieder internationale Ausstrahlung gab.

Diese Geschichte hört man auch in seiner Klaviermusik. Italienische melodische Selbstverständlichkeit geht Hand in Hand mit einem fast deutschen Sinn für Form und Struktur. Sgambati sucht selten nach großer Wirkung; auch wenn die Klavierpartie reich und voll klingt, bleibt die Melodie der Ausgangspunkt. Seine Musik lebt von Eleganz, Ausgewogenheit und einer selbstverständlichen Lyrik. Sie gibt ihre Geheimnisse nicht sofort preis, sondern gewinnt an Überzeugungskraft, je länger man zuhört.

Michele Tozzetti, ausgebildet am Santa Cecilia in Rom und inzwischen ein erfahrener Kammermusiker mit besonderer Affinität für weniger bekanntes italienisches Repertoire, versteht diesen Ansatz vollständig. Er versucht nicht, diese Musik irgendwo größer oder dramatischer zu machen, als sie ist. Gerade diese Bescheidenheit erweist sich als Qualität: Er vertraut auf die Kraft der Partitur und gibt Sgambati allen Raum, um für sich selbst zu sprechen. Sein Spiel besitzt dabei eine seltene Kombination aus Klarheit und Wärme: nie kühl analytisch, aber auch nicht nachgebend gegenüber romantischer Übertreibung.

Die sechs Pièces lyriques op. 23 eröffnen mit einer versammelten Romance, und was sofort auffällt, ist, wie Tozzetti nirgendwo erzwingt: Die Lyrik erhält allen Atemraum, ohne in Salonhaftigkeit zu verfallen. Das ist keine kleine Leistung, denn dieses Repertoire balanciert ständig an der Grenze zwischen Raffinement und Oberflächlichkeit. Tozzetti bewahrt dieses Gleichgewicht mit einem selbstverständlichen Sinn für Proportionen und entfaltet die sechs Miniaturen als einen sorgfältig aufgebauten Zyklus, in dem jedes Charakterstück seine eigene Farbe behält und gleichzeitig zum Ganzen beiträgt. Das hört man in der natürlichen Spannungssteigerung des fast choralartigen Vox populi, in dem Sgambatis Interesse für Kirchenmusik subtil anklingt. Ebenso überzeugend ist die selbstverständliche Eleganz, mit der das versammelte Wiegenlied Do-do in die verspielte Leichtigkeit des abschließenden Ländler und der Gigue übergeht. Tozzetti hält die Textur dabei bemerkenswert transparent, sodass die verschiedenen Stimmen frei atmen können und die Musik ihre natürliche Leichtigkeit behält.

Die Mélodie de Gluck, Sgambatis Bearbeitung des Tanzes der seligen Geister aus Orfeo ed Euridice, ist eine jener Transkriptionen des neunzehnten Jahrhunderts, die leicht zu bloßer dekorativer Klaviermusik werden können. Tozzetti wählt jedoch eine bemerkenswert durchlebte Lesart. Er lässt die Melodie frei atmen, während die begleitenden Figuren sich wie ein transparanter Klangschleier um sie schmiegen. Dadurch bleibt nicht nur die Einfachheit von Glucks Musik erhalten, sondern erhält sie auch eine verstillte Intensität, die tief berührt.

Das Herz der CD bilden jedoch die drei Nocturnes op. 20. Chopin ist als Referenzpunkt nie weit entfernt, doch Sgambati wählt einen anderen Weg. Seine Nocturnes sind weniger als persönliches Bekenntnis angelegt; sie besitzen eine Solidität, die manchmal eher an Brahms als an Chopin erinnert. Die Melodien erhalten allen Raum zum Singen, während die Musik ihren festen Kurs nie verliert. Gerade darin steckt Sgambatis eigene Stimme: Er sucht nicht nach auffälliger Wirkung, sondern lässt Schönheit aus Ausgewogenheit, Geduld und einem fehlerlosen Sinn für Aufbau entstehen.

Tozzetti fühlt diesen Ansatz fehlerfrei an. Gleich im Eröffnungsteil, Animato, führt er den Hörer in eine wunderliche Klangwelt. Mit seinem reichen Farbpalette und natürlicher Phrasierung lässt er die Musik wie von selbst fließen, ohne die poetische Atmosphäre je zu stören. Dieselbe Selbstverständlichkeit setzt sich im Allegretto con moto fort, wo Eleganz und Beweglichkeit sich ständig im Gleichgewicht halten. Das emotionale Herz des Zyklus liegt jedoch im Andante espressivo. Dort erreicht Tozzetti die größte Aussagekraft. Ohne große Gesten oder übertriebenes Pathos lässt er die Musik langsam aufblühen, sodass sich jede Klimax als selbstverständliche Folge dessen anfühlt, was davor kam. Seine Interpretation atmet eine selbstverständliche Ruhe und Reife, wodurch die Musik aus eigener Kraft überzeugen kann.

Die Mélodies poétiques op. 36 schließen die CD ab wie ein musikalisches Tagebuch in zwölf kurzen Kapiteln. Gerade in diesen Miniaturen zeigt Sgambati vielleicht noch überzeugender als in seinen größeren Werken sein kompositorisches Handwerk. Er weiß nicht nur, wie man eine musikalische Idee entwickelt, sondern vor allem auch, wann man sie loslassen muss. Dieser Sinn für Proportionen verleiht dem Zyklus eine selbstverständliche Eleganz, die durch Tozzettis durchlebtes und fein dosiertes Spiel optimal zur Geltung kommt. Mit subtilen Tempowechseln und verfeinerten Farbakzenten schmiedet er die zwölf Miniaturen zu einem organischen Ganzen zusammen, ohne dass ihr individueller Charakter verloren geht.

Nicht jeder Teil besitzt die gleiche Erfindungsgabe, doch dank Tozzettis feinsinnigem und farbigem Spiel bleiben viele Seiten mühelos nachklingend. Besonders das verspielte Canzonetta d'aprile, die idyllische Rivelazione, das verstillte Dolci Confidenze, das mitreißende Anima appassionata und das Schlussstück Cantico di speranza zeigen einen Komponisten, der mit relativ einfachen Mitteln eine überraschend reiche Gefühlswelt hervorzurufen weiß. Gerade in den intimeren, mehr poetischen Momenten kommt Sgambati meiner Meinung nach am stärksten zur Geltung, wobei die bewegteren Stücke unverzichtbar sind, um dem Zyklus sein natürliches Gleichgewicht zu geben. Tozzetti gibt dieser Musik genau den Raum, den sie braucht: warm, durchlebt und treffend lässt er die Miniaturen sich langsam, aber unwiderstehlich ins Gedächtnis einschleichen.

Schreibt diese Musik die Geschichte der Klavierliteratur neu? Nein, und das muss auch nicht sein. Sgambati war kein Revolutionär, sondern ein Komponist, der innerhalb seiner eigenen musikalischen Welt ein beachtlich hohes Niveau erreichte. Seine besten Seiten gehören zweifellos zu den überzeugendsten italienischen Klavierminiaturen aus dem späten neunzehnten Jahrhundert.

Michele Tozzetti erweist sich dabei als idealer Führer. Er vertraut auf die Aussagekraft der Musik selbst und gibt ihr genau den Raum, den sie braucht, um zu überzeugen. So wie Giuseppe Martucci der italienischen Symphonie innerhalb des europäischen Musiklebens wieder einen Platz gab, so verlieh Sgambati der italienischen Klaviermusik wieder künstlerisches Gewicht. Diese Aufnahme ist daher viel mehr als eine historische Kuriosität: Sie ist ein überzeugender Plädoyer für einen Komponisten, der vielleicht nie zu den großen Meistern gehören wird, aber dessen Musik viel mehr Aufmerksamkeit verdient, als sie lange Zeit erhalten hat.

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