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Hatte Mozart ADHS und war Wagner bipolar? Komponisten und ihre Krankheiten erzählen mehr

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· 5 Min. Lesezeit
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Fakten und Meinungen zum Thema Krankheiten und deren Auswirkungen auf die Komposition von Musik entwirren. Das ist die Aufgabe, die sich die Autoren stellen: Mythen widerlegen und nach Wahrheiten suchen. Das Buch ist voll von Musikanalysen des Musikwissenschaftlers Yves Knockaert und medizinischen Berichten. Letztere stammen von Frieda Matthys, em. Prof. Dr. Psychiatrie und Psychologie VUB. Nehmen wir nun Beethoven. Was geschieht, wenn sein Vermögen abnimmt, das zu hören, was er schreibt?

Darum geht es im ersten Kapitel. Es ist gleich ein Volltreffer: Wie ging Beethoven mit seiner Taubheit um? Die Autoren sammeln die ihnen bekannten Fakten und Meinungen über Komponisten, die in ihrer Karriere mit Krankheiten fertig werden mussten, die ihren Beruf mehr als nur erschweren. Sollte sich der Hörer Sorgen um die psychische und physische Gesundheit machen? Kann man in Beethovens Werk und auch in seinem Verhalten etwas sehen oder hören, wie er mit seiner zunehmenden Taubheit umgeht? Gibt es Widerstand gegen dieses Schicksal, will er der Held sein, der dagegen kämpft? Später kommt bei ihm die Annahme, er hört auf als Solist und komponiert weniger für Klavier. „Aber wie schafft es jemand, komplexe Kompositionen zu schreiben, ohne sie auditiv überprüfen zu können?" Es bleibt eine unbeantwortete Frage. Seine letzten Werke? Reine Gedankenarbeit sagen manche, viel zu zerebral. Beethoven selbst: „Bin ich nicht immer ein kranker Mensch gewesen?" Wir erfahren, dass noch eine Reihe anderer bekannter (Gabriel Fauré, Ralph Vaughan Williams) und weniger bekannter Komponisten mit Taubheit zu kämpfen hatten.

Aber es gibt natürlich noch andere Leiden, die den Lebensweg von Komponisten kreuzen können. Und man liest dieses Buch natürlich gerne, um mehr über jene Größen zu erfahren, die damit zu tun hatten, ohne dass man es bereits wusste. Nehmen wir das abnehmende Sehvermögen von Bach und Händel: Starr oder Katarakt. Beide wurden am Ende ihres Lebens von demselben reisenden zwielichtigen „Augenchirurgen" John Taylor operiert und starben dennoch beide blind. Ein weiterer großer Name nimmt einen großen Teil des Kapitels über Syphilis ein: Franz Schubert. Er steckt sich 1823 mit dieser Krankheit an, bleibt aber „unmenschlich fleißig", denn, wie er selbst schreibt, „Schmerz schärft den Verstand und stärkt den Geist". Und in diesem Schmerz entstanden noch eine Reihe düsterer Meisterwerke: sein Der Tod und das Mädchen, seine Winterreise, seine neunte Sinfonie, seine letzten Klaviersonaten. Dennoch stellt sich heraus, dass seine plötzliche Todesursache Bauchtyphus war, aufgrund eines Salmonellenbakteriums. Andere Syphiliskranke waren u.a. Niccolò Paganini, möglicherweise vergiftet durch die damalige Quecksilberbehandlung der Syphilis, Gaetano Donizetti, der trotz dieser Krankheit dennoch 65 Opern schreiben konnte, auch die Wahnsinnsszene von Lucia di Lammermoor…

Jedes kleine Kapitel beginnt übrigens mit einer klaren Erklärung all dieser Krankheiten, an denen Komponisten litten. So auch über Tuberkulose, die bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa für 25% der Todesfälle verantwortlich war. Man denkt natürlich an Chopin. Atemwegsbeschwerden hatte er von Kindesbeinen an, aber die Wissenschaft wagt es bis heute nicht, seinen Tod der Tuberkulose zuzuschreiben. Eine anhaltend schwache Gesundheit, das allerdings. Oft niedergeschlagen, fast immer erkältet und hustend, aber er blieb produktiv. George Sand über seine Kompositionen: „es war die schmerzhafteste Arbeit, der ich jemals beiwohnte". Purcell, Pergolesi, Boccherini, Carl Maria von Weber und Szymanowski starben dann wirklich an Tuberkulose.

Es ist doch irgendwie traurig, diese Aufzählung von Leiden zu lesen. Aber andererseits lässt es uns begreifen, dass das Künstlerleben nicht immer eitel Sonnenschein ist und zwingt uns auch, Respekt vor ihrer Ausdauer zu haben. Mahler hatte, mit seiner Herzkrankheit, immer einen Schrittzähler (!) in der Tasche! Knockaert analysiert scharf, wie Mahler mit dem Wort „Herz" umging, wenn er darauf stieß, z.B. bei der Toneinstellung von Das Lied von der Erde. Bellini schrieb seine Casta Diva in höllischen Schmerzen seiner unaufhörlichen Darmerkrankung. Lili Boulanger, auch darmkrank, schrieb 1916 das Lied Dans l'immense tristesse. Zwei Jahre später stirbt sie.

Es gibt auch solche, die einfach alt werden und dement, Papa Haydn z.B. Auch Ravel hatte neurologische Probleme, unterzog sich einer Hirnoperation, aber das endete tödlich. War es bei Schostakovitch zu viel Wodka und Zigaretten? Lungenkrebs in jedem Fall, aber vielleicht am Ende auch ALS? Alkohol und andere Rauschmittel sehen wir bei dem „Cafépianisten" Satie und auch Sibelius „Kann ich das Saufen aufgeben? Es bleibt ein frommer Wunsch". Dennoch wurde er 91. Knockaert: „Die Reihe der Komponisten, die (zu) viel Alkohol tranken, ist endlos". Die Autoren sprechen auch über Stimmungsstörungen. Wer hat sie nicht? Zumindest Schumann sicherlich. War Wagner bipolar und hatte Mozart ADHS?

Aber trotz der vielen unsicheren medizinischen Berichte von damals verhindern all diese Leiden nicht notwendigerweise die Pracht und Produktivität ihrer Kompositionen. Das Buch enthält also nicht nur Traurigkeit, es ist im Gegenteil ein Vergnügen, diese vielen anekdotischen Daten über Komponisten und ihre Zeit zu lesen. Und auch wegen der vielen manchmal ausführlichen Analysen, die Knockaert schreibt, wie und was sie während ihrer Krankheit komponieren. Und das alles gewürzt mit damaligen und heutigen medizinischen Erkenntnissen, die uns Coautor Frieda Matthys vermittelt. Das ganze Buch ist eigentlich eine Ode an die Arbeits- und Widerstandsfähigkeit jener vielen Komponisten, die möglicherweise ein anderes Leben geführt hätten, wenn sie mit dem Wissen der heutigen medizinischen Wissenschaft behandelt worden wären. Krank und niedergeschlagen, Komponisten: sie bleiben eine zähes Geschlecht.

ISBN 978 94 6371 595 9

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