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Haydns Schöpfung in idealen Händen

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· 5 Min. Lesezeit
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Haydns Schöpfung in idealen Händen

Manche Aufführungen bestätigen den Status eines Meisterwerks. Andere tun mehr: Sie lassen hören, warum diese Musik einst als eine Offenbarung geklungen haben muss. Die Aufführung von Die Schöpfung von Franz Joseph Haydn (1732-1809) am Freitag, 22. Mai in der Koningin Elisabethzaal, im Rahmen der Cofena-Reihe in Zusammenarbeit mit dem Antwerp Symphony Orchestra, gehörte ohne Zweifel zu dieser letzteren Kategorie. Was Václav Luks mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment, dem Choir of the Age of Enlightenment und einem ausgezeichneten Solistenteam realisierte, war eine Aufführung, die gleichzeitig flink, durchlebt und aufrichtig begeisternd klang – eine Lesart, in der musikalische Raffinesse und pure Ausführungsfreude sich ständig verstärkten.

Von den ersten Takten der Darstellung des Chaos wurde deutlich, dass Luks nicht auf monumentale Schwerfälligkeit abzielte, sondern auf Bewegung, Spannung und dramatische Schärfe. Die Finsternis, mit der Haydn seine Schöpfungsgeschichte eröffnet, bekam hier etwas Greifbares: unruhige Harmonien, abrupte Stille, Linien, die sich suchen, ohne sich ganz zu finden. Das Orchestra of the Age of Enlightenment spielte diese Eröffnung mit einer Intensität, die unter die Haut kroch. Als dann das berühmte „Und es ward Licht" losbrach, ging hörbar ein Schauer durch den Saal. Nicht, weil der Effekt breit ausgespielt wurde, sondern gerade weil Luks den Moment organisch vorbereitet hatte. Das Licht brach hier nicht spektakulär ein – es war unvermeidlich.

Diese Getriebenheit blieb den ganzen Abend spürbar. Luks dirigierte mit einem fast ansteckenden Enthusiasmus: ständig wachsam, energisch vorantreibend, sichtbar genießend von Haydns Erfindungsreichtum. Er spornte Orchester, Chor und Solisten zu einer Aufführung an, die keinen Moment nachließ. Gleichzeitig verlor er nie die Kontrolle über die Architektur des Werkes. Die großen Spannungsbögen blieben intakt, während Details ständig aufleichteten.

Das zeigte sich unter anderem in der meisterhaften Klanggebung der Naturszenen. Der Aufgang der Sonne war einer der absoluten Höhepunkte des Abends: Aus einem kaum merklichen Aufbau ließ Luks das Orchester zu einem blendenden Orchesterglanz anwachsen. Die anschließende Schöpfung von Mond und Sternen bekam dann wieder eine verstillte Eleganz, mit fein gezeichneten Holzbläsern und einer fast schwerelosen Transparenz in den Streichern. Auch die berühmten musikalischen Evokationen der Tiere wurden mit hörbarem Vergnügen gespielt. Haydns Humor und Vorstellungskraft bekamen allen Raum: brüllende Löwen, anmutige Hirsche, sich windende Würmer – das Orchester malte sie mit einer Virtuosität, die nie karikaturhaft wurde.

Die Basspartie fand in Krešimir Stražanac einen idealen Darsteller des Raphael und später Adam. Seine Stimme kombinierte Wärme mit Autorität, aber vor allem seine Textbehandlung machte Eindruck. In den beschreibenden Passagen gab er Haydns bildlicher Musik genau den richtigen rhetorischen Impuls, ohne jemals zu übertreiben. Seine Evokation der Tierwelt war vorbildlich: lebendig, farbig und musikalisch intelligent aufgebaut. Daneben bildete er als Adam ein wunderbar natürliches Duo mit Sopran Robin Johannsen, die in letzter Minute für Samantha Clarke einsprang.

Johannsen erwies sich als Offenbarung als Gabriël und Eva. Ihr frisches, jugendliches Timbre gab beiden Rollen eine entwaffnende Leichtigkeit, während ihre Phrasierung stets elegant und treffend blieb. Besonders in den lyrischen Passagen fiel auf, wie natürlich ihre Stimme mit der von Stražanac verschmolz. Ihr gemeinsamer Gesang klang bemerkenswert natürlich; Haydns Ideal der harmonischen Verbundenheit bekam hier eine fast greifbare Form.

Tenor Nick Pritchard vollendete das Solistenteam als Uriel mit einer klaren, geschmeidigen und besonders musikalischen Interpretation. Seine Stimme kombinierte narrative Kraft mit Wärme und einem überraschenden dramatischen Vermögen: Jede Rezitativlinie schien sorgfältig gemeißelt, mit Phrasierungen, die der Geschichte Atem gaben. In den Eröffnungspassagen, in denen Uriel die Schöpfung ankündigt, brachte er eine funkelnde Energie, die Orchester und Chor mitnahm, während er in den Arien mühelos zwischen lyrischer Zärtlichkeit und jubelnder Klarheit wechselte. Seine Interaktionen mit Robin Johannsen und Krešimir Stražanac resultierten in subtilen Dialogen, die die menschliche Dimension von Haydns Meisterwerk zusätzlich hervorhoben.

Auch der Chor lieferte eine Leistung von außergewöhnlichem Niveau. Von den ersten großen Chorinterventionen an fiel besonders die verblüffende Reinheit der Intonation auf. Die verschiedenen Stimmen blieben transparent hörbar im Ganzen, während der dynamische Aufbau jedes Mal organisch ablief. Zudem war die deutsche Diktion von Chor und Solisten so klar und gepflegt, dass die Übertitel fast überflüssig waren – obwohl sie selbstverständlich willkommen waren für denjenigen, der weniger mit der Sprache vertraut ist.

In den großen Lobreden des abschließenden Teils wuchs der Chor zu einer fast symphonischen Kraft: jubelnd ohne Schwerfälligkeit, kraftvoll ohne Schärfe. Ein besonders schönes Detail war, wie sich die Solisten unter die Chormitglieder stellten und sich dort immer mehr in das Chorgewebe integrierten. Gegen Ende schien der Unterschied zwischen Individuum und Kollektiv fast zu verschwinden – als ob sich Haydns Idee einer vollkommenen Schöpfung auch musikalisch verwirklichte.

Was diesen Abend letztendlich so besonders machte, war die Selbstverständlichkeit, mit der alles zusammenkam. Historische Aufführungspraxis war hier kein ästhetisches Selbstzweck, sondern ein Mittel, um der Partitur ihre ursprüngliche Frische zurückzugeben. Luks und seine Musiker spielten Die Schöpfung nicht als ein unanfechtbares Monument, sondern als lebendige Musik voller Verwunderung, Humor, Drama und Menschlichkeit.

Es ist selten klug, eine Aufführung sofort als Referenz zu bezeichnen, aber wer diese Schöpfung hörte, ertappte sich dennoch bei diesem Gedanken. Mehr noch: Dies war so ein Abend, der zukünftige Aufführungen des Werkes unweigerlich mitbestimmen wird. Ein Dreamteam, in der Tat – und eine Aufführung, die stand wie eine Kathedrale.

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