Mitten im geschäftigen Zentrum Berlins, einen Steinwurf von der Alexanderplatz entfernt, liegt ein Ort, an dem die Zeit sich anders verhält: die St. Marienkirche. Wer sie betreten möchte, lässt das Getümmel der Stadt hinter sich und gelangt in einen Raum, in dem Geschichte nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar wird.
Im Mittelpunkt steht die Orgel – ein Instrument, das wie so oft bei historischen Orgeln mehr ist als eine Sammlung von Pfeifen und Tasten. Es ist ein Klangarchiv aus drei Jahrhunderten.
Ein Barockinstrument mit wiederhergestellten Narben
Die Orgel der Marienkirche wurde in den frühen Jahren des 18. Jahrhunderts von Joachim Wagner (1690-1749) gebaut, einem Schüler aus der Tradition des großen Norddeutschen Orgelbaus. Was er lieferte, war ein typisches Barockinstrument: hell, geschichtet und bestimmt, sowohl den Gemeindegesang zu tragen als auch virtuose Musik zum Leben zu erwecken.
Aber wie so oft bei historischen Orgeln blieb es nicht von Eingriffen verschont. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die Orgel dem Geschmack der Zeit angepasst. Register verschwanden, andere kamen an ihre Stelle, und mit jedem Eingriff verschob sich das Klangbild weiter weg von seinem ursprünglichen Gleichgewicht. Die barocke Klarheit wich teilweise einer romantischen Fülle. Was einst ein sorgfältig ausbalanciertes Klangbild war, wurde Stück für Stück umgeschrieben.
Und doch – vielleicht gerade deshalb – erzählt die Orgel heute eine reichere Geschichte. Sie trägt die Spuren von Veränderung, manchmal auch von Missverständnissen, aber auch von Neubewertung.
Diese Neubewertung kam 2002 definitiv, als die Orgel umfassend restauriert wurde mit einem Ziel: zur Geist des Orgelbauers Wagner zurückkehren. Keine musealte Rekonstruktion, sondern ein lebendiges Instrument, das wieder seine barocke Stimme hören lassen durfte.
Orgelführung: verstehen, was man hört
Wer die Orgel wirklich kennenlernen möchte, tut gut daran, eine Orgelführung zu besuchen. Es ist eine Formel, die überraschend gut funktioniert: kein distanziertes Konzert, sondern eine Kombination aus Erklärung und Demonstration.
Jeden Donnerstag um 12.00 Uhr können Besucher sich für einen solchen Rundgang anmelden. Zusammen mit Marienorganist Xaver Schult geht das Publikum zur Orgelempore, von wo aus man nicht nur einen schönen Blick auf das Kirchenschiff hat, sondern auch die Orgel aus der Nähe – und sogar von innen – entdecken kann. Von der Orgelempore aus stehen Sie plötzlich den Pfeifenreihen gegenüber und hören aus nächster Nähe, wie die Mechanik sanft in Bewegung kommt.
Seit 2020 ist Schult mit der Kirche verbunden, und er erweist sich als ein Führer, der genau weiß, wie er sein Publikum mitnehmen muss. Seine Erklärung ist ruhig und verständlich, aber gleichzeitig begeisternd, hin und wieder mit einem Hauch von Humor.
Am Donnerstag, den 9. April, erklärte er, was passiert, wenn man eine Taste drückt, wie Klang entsteht und warum ein Flöttenregister anders klingt als ein Trompettenregister. Dabei knüpfte er oft an den musikalischen Hintergrund seines Publikums an: eine Oboe, eine Vox Humana – plötzlich werden erkannte Stimmen innerhalb des Ganzen.
Schritt für Schritt wurde die Orgel analysiert – nicht technisch trocken, sondern hörbar gemacht. Eine einzelne Stimme klang, dann eine Kombination, und plötzlich entstand Musik. Was zunächst wie ein massiver Klang wirkte, zerfiel in Farben und Schichten.
Mit ihren mehr als 3000 Pfeifen und 45 Registern erweist sich die Orgel als eine Klangwelt mit einer beeindruckenden Palette. Die dunklen Pfeifen, die noch aus dem ursprünglichen Instrument stammen, tragen eine Geschichte, die nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar ist.
Besonders war der Moment, als die Besucher auch einen Blick ins Innenleben werfen durften. Dort wurde deutlich, wie komplex – und gleichzeitig genial – das Instrument ist. Registrieren, Luftströme, Pfeifen, die zum Leben erwachten: die Orgel zeigte sich hier in all ihrer zarten Mechanik.
Was diese Orgelführung für mich so besonders machte, war die Tatsache, dass sie sich nie wie eine Pflichtübung anfühlte. Sie lud zu einer anderen Art des Schauens und Zuhörens ein – zu einer Wiederentdeckung dessen, was nicht umsonst die "Königin der Instrumente" genannt wird.
Wer die Orgel so aus der Nähe kennenlernt, hört danach anders zu. Das wurde deutlich während einem der kurzen Mittagskonzerte.
Mit Aufmerksamkeit zuhören
Während "20 Minuten Orgelmusik" – eine Tradition von kostenlosen Orgelkonzerten, die auf 1895 zurückgeht und seit 2020 regelmäßig montags um 14.30 Uhr stattfindet – machte ich am Montag, den 13. April, die Probe aufs Exempel. Gunter Kennel (°1961), Organist und Komponist zeitgenössischer Kirchenmusik, brachte dort ein Programm, das zur Osterzeit passte, mit Werken von Johann Sebastian Bach (1685–1750) und von sich selbst.
Wie es sich bei einem solchen Konzert gehört, wurde mit dem alten Bach eröffnet. Das festliche Praeludium in D (BWV 532.1) setzte sofort den Ton: hell, strahlend und voller Überzeugung. Der Kirchenraum füllte sich mit Klang, der wie selbstverständlich aus dem Instrument zu kommen schien – Musik, die nicht nur für die Orgel geschrieben ist, sondern gewissermaßen aus ihr geboren wird.
Darauf folgte Kennels Bearbeitung von Mit Freuden zart, eine verhaltene, getragene Reflexion in einem barocken Idiom, verwurzelt im vertrauten evangelischen Kirchenlied. Mit Bachs Christ lag in Todesbanden (BWV 625) verschob sich die Atmosphäre erneut: feierlicher, verhaltener, mit einer fast meditativen Tiefe.
Ein besonderer Moment war Kennels Toccata Paschalis, in dem er verschiedene Osterymnen – darunter Christus ist auferstanden, bekannt aus der katholischen Osterliturgie – auf kraftvolle und erfinderische Weise zusammenbrachte. Hier klang der Komponist nicht nur als Handwerker, sondern auch als Erzähler, jemand, der Tradition und Aktualität miteinander ins Gespräch bringt. Als Abschluss folgte Bachs Fuga in D (BWV 532.2), ein logisches und beeindruckendes Ende, das den Kreis schloss.
In diesen kurzen Orgelaugenblicken, die jeden Montagmittag die Zeit für einen Moment stillstehen lassen, bekommt das Zuhören eine andere Bedeutung. Ein Choral, ein Präludium – sie sind keine isolierten Stücke mehr, sondern Dialoge zwischen Stimmen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Man hört, wie sich eine Melodie aus der Begleitung herauszieht, wie der Raum der Kirche miterklingt, wie Stille und Klang sich gegenseitig im Gleichgewicht halten.
In diesem Zusammenspiel von Instrument und Raum offenbart sich das Wesen der Orgel: Sie ist kein Instrument, das man nur anhört, sondern eine Erfahrung, die sich nicht allein ans Ohr richtet, sondern an die ganze Gegenwart dessen, der zuhört.
Eine Kirche, die mitspricht
Die Orgel steht darüber hinaus nicht für sich allein. Die St. Marienkirche ist ein geschichteter Raum, in dem verschiedene Zeiten nebeneinander existieren.
Es gibt die gotische Architektur, schlicht und erhaben. Es gibt barocke Ergänzungen, die Wärme und Bewegung bringen. Und es gibt den berühmten Totentanz, ein ergreifendes mittelalterliches Fresko, das an die Vergänglichkeit des Lebens erinnert.
In diesem Kontext bekommt die Orgel eine zusätzliche Dimension. Sie ist nicht nur ein Musikinstrument, sondern auch eine Stimme innerhalb eines größeren Ganzen – ein Dialog zwischen Kunst, Architektur und Zeit.
Nachtrag
Wer die Marienkirche besucht, sollte sich die Muße gönnen, noch eine Weile sitzenzubleiben. Nicht gehetzt schauen, sondern den Raum in sich aufnehmen und zuhören. Denn hier wird deutlich, was Musik sein kann: Die Orgel der Marienkirche ist keine Kulisse, kein Hintergrund, sondern eine Form der Erinnerung. Hier klingt die Vergangenheit in der Gegenwart.
https://marienkirche-berlin.de/musik/hoerproben-wagner-orgel/