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Interviews

HIP HIP POULENC !!

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HIP HIP POULENC !!

Antwerpen 7. Januar 2024, eine intime Geburtstagsfeier für Francis Poulenc. In einem ungeheizten Proberaum bildet der Atem der Gäste kleine Wölkchen, aber es gibt reichlich Kerzenlicht und die Musiker lassen den Champagner reichlich fließen. Sopranistin Naomi Beeldens singt mit einer Stimme, als wäre sie in Paris geboren, die Gäste wähnen sich einige Stunden in den Kreisen von Satie, Les Six und Jean Cocteau, auf einer Soirée in Montmartre. Nach diesem herrlichen Auftakt trägt das Musikerkollektiv Les Âmes Perdues seine Leidenschaft für den Geburtstagskind noch ein Jahr lang in vier Salonavenden aus, in denen sie jeweils einen anderen Aspekt des eklektischen Poulenc beleuchten: Religion, Queerness, Poesie und Cabaret.

Der erste Salon „Priez pour paix", der am 8. März in einer Kirche stattfindet, kündigen sie als eine (Eucharistie-)Feier an, die dem religiösen Werk von Poulenc gewidmet ist. Sie träumen laut von Nonnen, Schwulen (oder sind es Oboen?) und Talaren. Von einem Vortrag über Poulencs religiöse Epiphanie in Rocamadour. Von Szenen aus Poulencs legendärer Oper Dialogues des Carmélites, mit der obligatorischen Guillotine und einem Kelchchen Messwein.

Les Âmes Perdues, das könnte der Titel eines Liedes von Poulenc sein. Wie habt ihr den Namen des Kollektivs gewählt?


Isaak Duerinck, Pianist: Nein, dieser Name wurde ganz instinktiv nach unserer Abschlussaufführung (2018) über die 20er Jahre in Paris gewählt. Ich habe meine These über den Einfluss von Unterhaltungsmusik wie Jazz, Music Hall, Zirkus, Chanson auf Leben und Werk von Poulenc verfasst. Naomi schloss ihr Studium mit der Produktion La Voix Humaine ab, an der ich auch mitgearbeitet habe. Les Âmes Perdues klingt nostalgisch, was zu uns passt. Ewout Lehouq, Naomi und ich fühlen uns als alte Seelen in modernen, schnellen, neoliberalen Zeiten, in denen wir unseren Weg zu finden versuchen und die technologischen Mittel dabei nicht scheuen.

KLAVIER


Poulenc hat nie das Innere eines Konservatoriums gesehen, seine Mutter lehrte ihn Klavierspielen und mit 16 bekam er Privatunterricht von Ricardo Viñes. Er entwickelte sich zu einem sehr guten Konzertpianisten und Begleiter, der u.a. mit dem Bariton Pierre Bernac die halbe Welt bereist hat.

Gabriel Tacchino, der erst letztes Jahr gestorben ist, war der einzige Schüler, den Poulenc je hatte, und bei diesem Mann hast du Unterricht genommen, Isaak. Wie ist das passiert und was nimmst du davon mit?


ID: Eines Tages, es muss 2018 gewesen sein, bekam ich tatsächlich eine Fb-Freundschaftsanfrage von Gabriel Tacchino, der damals schon über 80 war. Vielleicht versuchte sein Assistent, das Netzwerk des alten Meisters etwas zu erweitern? Ich bin dann zu ihm hingegangen, um vorzuspielen, und nach einem Praktikum in Turin beschloss ich, ein Jahr lang Unterricht bei Tacchino an der Schola Cantorum in Paris zu nehmen.

Poulenc hatte Tacchino kennengelernt, als dieser der gefeierte Pianist der jungen Garde war, umhegt von Karajan. Zu Lebzeiten war Poulenc sehr besorgt darum, wer nach seinem Tod sein Werk aufführen und auf Platte setzen würde. Es war sein inniger Wunsch, dass Tacchino dies übernehmen würde, und daher gab er ihm umfangreichen Klavierunterricht und gab alle Küchengehemnisse über die Aufführung seiner Musik weiter. Für mich war es geradezu fantastisch, durch Tacchino so nah bei Poulenc selbst zu sein, pianistisch aber auch durch die vielen Geschichten, die ich hörte, und durch meine zahlreichen Besuche im Pariser Kulturleben. Er lehrte mich über das Metronom, Fingersätze, Stimmführung, Geradeausspielen, Klarheit und über das Pedal, eine von Poulencs Marotten. Mettez du beurre dans la sauce, sagte er, denn für Poulenc konnte es nie genug Pedal geben. Einerseits liebte er die französische Klarheit und seine Musik ist ziemlich klar, die Partitur ist nie wirklich dicht, die Akkorde sind deutlich zu hören, andererseits wollte er die Farben und Harmonien verschmelzen lassen, indem er sie in einen Hauch von Pedal tauchte. In jedem Fall haben die Lektionen bei Tacchino mich zu einem besseren Pianisten gemacht, wofür ich immer dankbar sein werde.

UN MOINE ET UN VOYOU


Francis war der Sohn des frommen Katholiken Émile Poulenc, der aus dem Land der Aveyron stammte und Mitbegründer des Pharmaunternehmens Rhône-Poulenc war. Seine Mutter Jenny Royer war eine leichtfüßige Pariserin, die hervorragend Klavier spielte und auch leichte Musik mochte, l'adorable mauvaise musique. Der Musikjournalist Claude Rostand verdanken wir Poulencs Etikett „halb Mönch, halb Schurke".

Was würdest du zu diesen beiden Extremen noch hinzufügen?


ID: Poulenc suchte immer nach der Mitte des Gleichgewichts, und sobald er irgendwo war, wollte er auch immer weg. Er war ein Stadtmensch mit einer Sehnsucht nach der Natur. Er war eine Gesellschaftsfigur, der man an Salonavenden begegnen konnte, u.a. bei la Princesse de Polignac, aber dort bekam er dann Heimweh nach seinem Landhaus Le Grand Coteau in Noizay. Dort angekommen organisierte er dann wieder Feste, weil ihm Paris fehlte. Poulenc hatte eine sehr ernsthafte Seite, wie in unserem ersten Salon deutlich werden wird, aber aus seinen Briefen zum Beispiel geht hervor, dass er über eine gehörige Portion Humor verfügte und dass er besonders scharf aus der Ecke kommen konnte. Er litt an Angststörungen und Unsicherheiten. Poulenc war kein Modernist, sondern einer der letzten Komponisten, die in der melodischen, romantischen Tradition weiterwirkten, was ihn unsicher machte. Würden Boulez, Ligeti und diese junge Garde ihn interessant finden? Sein Geschmack und sein Stil kannten auch Extreme, den einen Tag schrieb er eine religiöse Kantate und am nächsten Tag ein federleichtes Unterhaltungsstück. Mit zwanzig verkaufte er eine Sammlung von Beethovens Musik, um sich ein Ticket für einen Auftritt von Maurice Chevalier leisten zu können. Darüber hinaus sorgten seine Homosexualität und seine komplizierten Beziehungen für viele innere Spannungen. Er war ein hypochondrischer Burgunder, der schließlich im Alter von 64 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben ist.

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PRIEZ POUR PAIX


Während eines Urlaubs im Limousin erfährt Poulenc vom Tod des begabten französischen Komponisten Pierre-Octave Ferroud, der auf grausame Weise bei einem Autounfall in Ungarn ums Leben kam und dabei enthauptet wurde. Der grausame Tod seines jungen Kollegen ergreift ihn so sehr, dass er beschließt, zusammen mit Pierre Bernac eine Pilgerreise nach Rocamadour zu unternehmen, wo La Vierge Noire verehrt wird, damals noch kein touristischer Anziehungspunkt.
"Während ich über die Zerbrechlichkeit der Existenz nachsann, zog mich das geistige Leben plötzlich erneut an. Rocamadour führte mich zum Glauben meiner Jugend zurück. Dieser heilige Ort, sicherlich der älteste Frankreichs, hatte alles, um mich zu bekehren." Francis Poulenc.

Am 22. August 1936 erlebte Poulenc in Rocamadour eine mystische Erfahrung, nach der er intensiv seine religiösen Wurzeln sucht. Seitdem komponiert er viel mehr Chor- und Religionsmusik.

Im ersten Salon bringt Les Âmes Perdues Fragmente aus „Litanies à la Vierge Noire", ein Chorwerk, das Poulenc am Abend nach seiner Offenbarung bereits zu skizzieren beginnt. Er hatte sich eine Replik der hölzernen Statue der Schwarzen Jungfrau gekauft und den Text ihrer Litaneien, die er vertont hat. Darüber hinaus bringen sie natürlich einige von Poulencs Klavierstücken, das dreistimmige Motett „Ave Verum Corpus", Fragmente aus seiner allerletzten Komposition, der Sonate für Oboe und Klavier von 1962, in der er sich selbst zitiert. Vielleicht ein Stoßgebet vor dem Tod? Les Âmes Perdues widmen den Abend allen Opfern der Kriege, die derzeit in der Welt wüten und die besonders in Gaza. Daher darf das wunderbar schöne „Priez pour paix" nicht fehlen, ein Lied für Sopran und Klavier aus dem Jahr 1938, auf einen Text des Dichters des 15. Jahrhunderts Charles d' Orléans.

Für Isaak Duerinck gehört die Oper „Dialogues des Carmélites" und insbesondere die Schlussszene zu dem Schönsten, was je geschrieben wurde.

Wie lasst ihr die rollenden Köpfe erklingen, wenn die Klosterschwestern und Blanche auf dem Schafott enthauptet werden?


ID: Oh, daran arbeiten wir noch intensiv. Vielleicht ist unser erstes Salon logistisch das „schwierigste", um mit einer kleinen Truppe auf die Bühne zu bringen. Natürlich greifen wir auf befreundete Sänger und Musiker zurück, um mitzuwirken. Wir haben kein Orchester zur Verfügung, setzen aber all unsere Fantasie, unsere Jugendkraft und eventuell einen Synthesizer ein, um mit bescheidenen Mitteln allerlei auszuprobieren, große Werke in reduzierter Form zu präsentieren und unsere Liebe zu Poulenc auf diese Weise auszudrücken. Francis würde das sicher zu schätzen wissen.

Priez pour Paix", Freitag, 8. März 2024 um 20:00 Uhr in der Heilig-Geist-Kirche, Mechelsesteenweg 135 in 2018 Antwerpen. Freier Beitrag.

Die nächsten Salons finden statt am 10. Mai: Francis „Queer" Poulenc, 4. Oktober: Poulenc, der Liedkomponist der Dichter Apollinaire, Éluard, Max Jacob, Louise de Vilmorin, ... und 6. Dezember: ein abschließendes Fest in Cabarét-Atmosphäre.

Der Kern von Les Âmes Perdues besteht aus ISAAK DUERINCK (°1994), Pianist, Akkordeonist, Dozent am Konservatorium von Antwerpen. NAOMI BEELDENS (°1988), Sopran, Performerin mit Vorliebe für Musiktheater, zeitgenössische und experimentelle Musik, ist Coach Künstlerische Abschlussprojekte am Königlichen Konservatorium. EWOUT LEHOUCQ (°1987), Performer, Cellist, Bariton und Countertenor.

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