Laat honderd bloemen bloeien. Of laat duizenden kaarsen branden, zoals gebruikelijk is tijdens de Candlelight Concerts die Fever zowat overal ter wereld organiseert. In Brussel werd de prestigieuze Concert Noble in lichterlaaie gezet voor de komst van Trio Audelia en de geanimeerde muziek van Joe Hisaishi, zowat de enige echte huiscomponist van Studio Ghibli.
Klingt exotisch? Das ist es auch. Studio Ghibli ist quasi das japanische Pendant zu Disney: ein äußerst erfolgreicher Produzent von Animationsfilmen also, aber dann mit einer kürzeren Erfolgsgeschichte und einem mythischen, chinchilla-ähnlichen Waldgeist statt einer fröhlichen Maus als Maskottchen. Seinen Erfolgen verdankt das ikonische Studio einen großen Teil Hayao Miyazaki, Mitbegründer des Unternehmens 1985 und bei weitem das wichtigste kreative Genie. Miyazaki schrieb und inszenierte Spirited Away (2002), ein Meisterwerk, das neben dem Goldenen Bären auch den Oscar für den besten Animationsfilm an Land zog. Das ist eine Leistung, so im Land von Mickey und Minnie!
Auch bei Ghibli spielte jahrzehntelang ein unerschütterliches Paar die Hauptrolle, aber dann hinter der Leinwand, wo Miyazaki für die Filmmusik quasi ausschließlich seinen Landsmann Mamoru Fujisawa, besser bekannt als Joe Hisaishi (°1950), anforderte – sein sehr amerikanisiertes Künstlerkürzel. Die intensive Zusammenarbeit zwischen beiden wird manchmal mit der zwischen Steven Spielberg und seinem bevorzugten Komponisten John Williams verglichen und brachte einen umfangreichen Liederkatalog hervor. Von Nausicaä of the Valley of the Wind (1984), ein episches Öko-Märchen aus dem Hause Topcraft – der unmittelbaren Vorgängerin von Studio Ghibli – über Castle in the Sky (1986), den ersten Spielfilm, bis The Wind Rises (2013), bis auf weiteres noch immer Miyazakis Schwanengesang: die einmal naiven, dann wieder bezaubernden oder beruhigenden Melodien von Hisaishi bleiben bei Groß und Klein garantiert im Ohr haften.
Brandverzicherungskonforme Erlebnisse
Es war also keine Überraschung, in dem stattlichen Ballsaal der Concert Noble neben Porträts gekrönter Häupter ein auffallend junge(re)s Publikum anzutreffen. Über das geometrische Parkett schritten sowohl Gruppen von Freunden und Freundinnen als auch Väter und Mütter mit ihrem Sohn oder ihrer Tochter vorsichtig zu ihren zugewiesenen Plätzen. Ihr Weg wurde von Tausenden von Kerzen erleuchtet. Laut der Moderatorin waren es fünftausend, und sie standen tatsächlich überall: auf der Bühne, rund um die Tanzfläche, oben auf den Stuckarbeiten und am Anfang jeder Stuhlreihe. Keine Wachskerzen oder echtes Feuer, sondern durchweg flackernde LED-Lämpchen, die eine abschließende Brandversicherung überflüssig machten. Außerhalb des Gebäudes badete der europäische Stadtteil noch im vollen Tageslicht – das Konzert begann bereits um 18:30 Uhr – aber innen herrschte eine stimmungsvolle Dämmerung.
"As you may have seen or heard, our Candlelight Concerts are created with the goal of opening the genre of classical music to different audiences. That challenge seems to be met: more than 70% of the participants in the concerts are under 40 years old and most of them had never attended a classical music concert before", so klang das ebenso edle wie leuchtende Ziel von Fever als Teil ihrer Antwort auf meine Frage nach Karten. Fever ist ein Unternehmen mit Sitz in New York und Niederlassungen in Madrid und London. Die Social-Media-Plattform erblickte, nun ja, 2012 das Licht. Inspiring people through experiences ist der Slogan, und das ist in den vergangenen zehn Jahren mit steigendem Erfolg und auf verschiedene Weise und an verschiedenen Orten gelungen – über Themafeste in LA und Liverpool, immersive Ausstellungen in Hamburg und Miami und Brüsseler Konzerte in verschiedenen Genres. Musik bei gemütlichem Kerzenlicht erweist sich als Volltreffer: „So far we were able to delight more than two million guests in more than 90 cities with performances in various spectacular places." Das Werbesprech wurde durch einen fast vollbesetzten Concert Noble unterstrichen.
Sanfter Sommertag
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© Ank Zwolle[/caption]
Die Playlist, die die Damen von Trio Audelia zusammengestellt hatten, galt als eine Auswahl aus Hisaishis Werk. Es war Dorelle Sluchin, die französische Cellistin dieses in Brüssel ansässigen Streichertrios, die die elf Lieder anhand kürzerer Subsets ankündigte: Musik, mit der sie nach eigenen Aussagen aufgewachsen ist und die sie für ihr Ensemble arrangiert hatte, basierend auf bereits bestehenden Bearbeitungen für Streichquartett. Auch Geigerin Cléo Dahan und Altistin Elaine Ng – die für diesen Anlass ihre Kollegin Amalija Kokeza vertrat – würden sich als Hisaishi-Fans äußern. Nicht mit so vielen Worten, dafür umso mehr mit Taten, wie sich bereits beim Eröffnungsstück zeigte. Die ebenso einfache wie schöne Melodie aus Always with me, der wohlklingende Abspann von Spirited Away, erklang nacheinander an jedem Pult, aber nie so schön wie das erste Mal in der Altviola. Mit einem Vorspiel anzufangen mag eine merkwürdige Wahl sein, in diesem Fall wurde es zu einem frühen Orgelpunkt und Anlass für begeisterten Applaus.
Während der darauffolgenden Stücke wurde der friedliche Pfad allmählich verlassen. Mit den Themenliedern aus My Neighbor Totoro – das ist dieser chinchilla-ähnliche Waldgeist von oben – Kiki's Delivery Service und Castle in the Sky kam es zu mehr Schwung und Elan auf der Bühne. Auffällig dabei war der häufige Wechsel zwischen lebenslustiger Lyrik und spielerischem Pizzicato, das manches Arrangement einen wiedererkennbaren Stempel verlieh. Auch aus den Soundtracks von Princess Mononoke und Ponyo wurde geschöpft, aber es war doch erneut Spirited Away, das beim Publikum auf den meisten Beifall rechnen konnte. Sowohl das herrlich sanftmütige One Summer's Day als auch das unschuldige Walzchen benannt nach der Hauptfigur Chihiro, absolut an seinem Platz in diesem tanzenden Setting, wurden mit viel Gefühl gestrichen. Große Eleganz bewies Trio Audelia abschließend dank Merry-go-Round, das charmante Weise aus Howl's Moving Castle: eine Mühle, die gerne noch etwas länger hätte runden dürfen. Denn obwohl es einige flüchtige Momente gab, in denen die drei Streicherinnen Schwierigkeiten hatten, sich im Zusammenspiel zu finden, versinken diese im Nichts bei dem belebten Gesamtbild.
Das edle LED-Licht wurde erst endgültig gelöscht nach einer Zugabe aus Whisper of the Heart. Oder wie Hisaishi das Durchbruchnummer des amerikanischen Singer-Songwriters John Denver in den Anime schmuggelte, und allen Anwesenden im Concert Noble zugesungen: Country roads, take me home. To the place you belong…
- WER: Trio Audelia [Cléo Dahan (Violine), Elaine Ng (Bratsche) und Dorelle Sluchin (Cello)]
- WAS: Candlelight Anime: Le meilleur de Joe Hisaishi à la bougie
- WO: Concert Noble, Brüssel
- WANN: Freitag, 10. Juni 2022
- FOTOS: © Ank Zwolle Fotografie
- ORGANISATION: Fever
- WEBSITE: Candlelight Concerts