Für Klassiek Centraal darf durchaus ein Tag Jazz Middelheim besprochen werden, und ganz besonders dann, wenn auch noch ein Streichquartett im Programm steht. Wir wählten daher den besten Tag, den letzten Tag!
Und der erste Höhepunkt dieses Höhepunkttages vom 15. August im Antwerpser Park Den Brandt war Aka Moon, das Trio des Saxophonisten Fabrizio Cassol. Mit seiner zarten Gestalt und üppigem Haarschopf führte er seine Gefährten in sein bekanntes polyrhythmisches Universum. Ist es Jazz oder nicht, es ist jedenfalls das Erkennungszeichen von Aka Moon. Heute ergänzt durch einen portugiesischen Gast, Akkordeonist João Barradas. Und das war eineinhalb Stunden kollektivistische Spielfreude wert, improvisiert und einstudiert, geprobt und vor Ort erfunden. Fabrizio Cassol auf seinem Besten, voller Feuer seine Solisten antreibend, mehr zu tun, und selbst das Letzte aus seinem Saxophon holend. Unterstützt von seinen Mitspielern: Schlagzeuger Stéphane Galland und ein fast perkussiv und beeindruckend spielender Bassist Michel Hatzigeorgiou. Alle vier nahmen freudig und dankbar stürmischen Applaus für dieses donnernde Konzert entgegen. Es ist ein Jubiläumsjahr für Aka Moon, dreißig Jahre nun schon, seit 1992. Und jetzt noch in Quartett-Besetzung, mit Akkordeonist João Barradas dazu, elektrisch und akustisch. Dreißig Jahre alt ist er, genauso jung wie Aka Moon selbst. Sie fanden sich, als Barradas an Fabrizio's berühmtem Medina Festival in Aix-en-Provence teilnahm, wo er junge Musiker aus der Mittelmeerregion einlädt, um zusammen zu spielen. Für Barradas war es eine wahre Entdeckung. Und der Saxophonist wurde sein Mentor.
Einen ganz anderen Stil hörten wir beim Kurt Rosenwinkel Trio. Seit Jahren eine starke Persönlichkeit in der Jazzszene und virtuoser Gitarrist. Zweifellos jazziger, aber nicht so verführerisch und liebenswert anders als bei Aka Moon. Viel mehr in der „klassischen Tradition" seiner Altersgenossen aus der New Yorker Musikszene der neunziger Jahre und früher, mit schnellen Nummern und Balladen.
Dann kam noch ein Gitarrist an die Reihe, das Philip Catherine Piano Trio. Und sofort erklangen eine Reihe von Standards, genauso unverwüstlich wie er selbst. Gitarre, Bass und Klavier, fast ohne Verzierungen, echter Trio-Jazz, keine Schlagzeuge: Exposition des Themas und reihum jeder solistisch improvisierend, wie man es im Jazz schon seit Jahren hört. Und das ist länger als das Alter unseres Gitarristen, der im Herbst 80 wird. Jazz wie wir ihn und diese Musik schon seit Jahren kennen und swingend wie keine andere. Jener Gitarrenton von ihm ist aus der Masse herauszuerkennen. Ebenso jene Notenkombination, die er daraus herausholt. Grazil, intim, klassisch. Es war ein ernsthafter Philip Catherine, der sein Publikum normalerweise mit einem Witz überrascht. Auch jetzt konnte er es sich nicht verkneifen. Als er seinen Gast ankündigen musste, einen Violinisten, war ihm dessen Name kurz entfallen, und er führte das Publikum in die Irre, indem er begann, den Vornamen eines anderen legendären Jazzviolinisten auszusprechen: „Stéphane……..euh, non …. Alexandre Cavaliere." Typischer Catherine-Humor. Und mit Cavaliere als Violinist dabei wurde die Konzertatmosphäre noch besser. Mit u.a. Broken Wing, das er oft mit Chet Baker spielte. Ein ruhiges bis intimes Konzert war es, Philip Catherine auf seinem Besten. Dennoch ein wenig Sentimentalität am Ende, als er sich als engagierter Künstler noch mit einer eigenen Version der ukrainischen Nationalhymne einbrachte.
Wirklich klassisch wurde es, als der amerikanische Pianist Fred Hersch neben seinem Schlagzeuger und Bassist auch noch mit einem Streichquartett auf die Bühne kam. Unveröffentlicht auf Jazz Middelheim, denke ich, aber nicht in der Welt von Fred Hersch. Quartett, Pianist, Schlagzeug und Bass, alle mit Noten. Sie spielen Stücke aus Breath by breath, seinem neuesten Album mit demselben Titel. Und dieses Quartett ist das Antwerpser Desguin Kwartet, noch so jung als Quartett und dennoch bereits im Jazz. Übrigens, wer spricht noch von Genres, wenn sogar Punker Iggy Pop dieses Jazzfestival eröffnen durfte? Die Nummern aus diesem Album klingen wunderbar melodisch. Nehmen Sie Rising, Falling: mit den Streichern dabei könnte es durchaus ein geschickt arrangierter neuer Standard werden. Alles Kompositionen, inspiriert von seinen Meditationsübungen. Früher hießen solche „jazz meets classic"-Experimente „third stream music". Für die heutige Generation von Musikern sind das längst überholte Begriffe. Hersch improvisierte solistisch und auch das Quartett tat das. Bei einem klassischen Konzert hört man danach keinen Applaus, hier folgte Applaus, wie es sich bei einem Jazzkonzert gehört, wenn ein anderer Solist anfängt. Noch mehr klassischen Einfluss kam, als Fred Hersch eine Hommage an Robert Schumanns Kinderszenen hinzufügte, eine verträumte Pastorale. Klang vielleicht doch ein wenig zu sweet. Und natürlich zum Abschluss mit Thelonius Monk. Genau wie bei Thelonius Monk schreitet der Jazz mit Fred Hersch wieder einen Schritt weiter voran, in welche Richtung auch immer.
Das Publikum erwies sich als verzaubert von Fred Hersch, rief ihn mehrmals zurück und er kam auch mehrmals zurück, mit Trio und am Ende auch noch solo. Stern des Abends.
- WO: Jazz Middelheim, Park Den Brandt, Antwerpen
- WANN: Montag, 15. August 2022
- WER:
- Aka Moon ( Fabrizio Cassol [Saxophon], Michel Hatzigeorgiou [Bass], Stéphane Galland [Schlagzeug], João Barradas [Akkordeon])
- Kurt Rosenwinkel Trio (Kurt Rosenwinkel [Gitarre], Doug Weiss [Bass], Greg Hutchinson [Schlagzeug])
- Philip Catherine Trio (Philip Catherine [Gitarre], Nicola Andrioli [Klavier], Bart De Nolf [Bass], Alexandre Cavaliere [Violine])
- Fred Hersch Trio (Fred Hersch [Klavier], Clemens van der Feen [Bass], Jonas Burgwinkel [Schlagzeug]) mit Desguin String Quartet (Wolfram Van Mechelen [Violine], Ludovic Bataillie [Violine], Rhea Vanhellemont [Bratsche], Pieter-Jan De Smet [Cello])