Es gibt Projekte, die nicht zufällig entstehen, sondern das Ergebnis eines langen inneren Reifungsprozesses sind.
Uw Vlees en Bloed: een passie vol volk von Jef Neve ist ein solches Werk. Am Vorabend der Weltpremière sprach Werner De Smet mit dem Komponisten über seine tiefe Verbindung zu Bach, seine Zusammenarbeit mit Schriftsteller Jeroen Olyslaegers und darüber, warum er sich selbst schon lange nicht mehr als Jazzmusiker betrachtet.
Eine jahrhundertealte Geschichte, erneut dringend
Die Passion als musikalische Form hat etwas grundlegend Unausweichliches. Sie konfrontiert uns mit dem Opfer der Unschuldigen, mit der Widerspenstigkeit der Masse, mit der Frage, wer oder was wir bereit sind, für unseren eigenen Seelenfrieden zu opfern. Jef Neve sieht diese Gegebenheit als zeitlos und dringend erforderlich: „Es ist eine jahrhundertealte Geschichte, dass Menschen, die uns auf Mängel in der Gesellschaft hinweisen, selbst geopfert werden. Deshalb müssen wir diese Geschichte weiter erzählen."
Seine Hommage an Bach ist kein nostalgischer Rückblick, sondern eine bewusste Rückkehr zu einer lebendigen Quelle. Die musikalischen Reflexionen über den großen Barock-Meister sind für den aufmerksamen Hörer unverkennbar vorhanden, aber die Ode situiert sich gleichermaßen in der dramaturgischen Struktur, die Librettist Jeroen Olyslaegers sorgfältig bewacht hat. „Der Hörer wird klare musikalische Reflexionen meiner tiefverwurzelten Leidenschaft für Bach hören", sagt Neve, und er meint das Wort „Passion" sowohl im musikalischen als auch im persönlichen Sinne.
Dass er dabei bewusst eine Verbindung zur klassischen Architektur des Genres sucht, sollte nicht überraschen. Der jahrhundertealte Wechsel von Erzählung, Reflexion und kollektiver Besinnung bleibt nämlich ein kraftvolles Vehikel, um ein Publikum durch eine Geschichte mitzunehmen, die gleichzeitig individuell und universell ist. Wie sich diese vertrauten Formen genau zu seiner eigenen musikalischen Sprache verhalten, lässt Neve vorerst offen: „Das kannst du während der Weltpremière dieser Komposition entdecken." Die Aussage klingt spielerisch, verrät aber auch einen Komponisten, der davon überzeugt ist, dass einige Antworten nur in der Musik selbst gegeben werden können.
Der Ausgangspunkt des Projekts lag beim Vokalensemble Reflection, mit dem Neve bereits sein Rain Requiem zum Leben erweckt hat – eine großangelegte Komposition als Hommage an die Opfer der Überschwemmungen, die den Süden Belgiens heimgesucht hat, entstanden in Zusammenarbeit mit Autor David Van Reybrouck. Diese Linie setzt sich fort: Neve als Komponist, der große gesellschaftliche Traumata und Fragen in Musik umsetzt, mit einem Chor als klingendes Mittelpunkt. Wer seinen Werdegang überblickt, merkt, dass dieses Engagement keine jüngste Entwicklung ist. Sein erstes Album auf einem Major Label trug den aussagekräftigen Titel Nobody is Illegal, ein Projekt, dessen Thematik heute kaum weniger dringend klingt als vor zwanzig Jahren. Auch seine Arbeit mit Ghetto Classics in den Slums von Nairobi zeugt von einem Künstler, der sich bewusst zur Welt um ihn herum verhält.
Text als Kompass
Die Zusammenarbeit mit Jeroen Olyslaegers verlief ungewöhnlich: Beide arbeiteten unabhängig voneinander. Neve erhielt den Text erst, als Olyslaegers damit vollständig fertig war. Aber diese Distanz erwies sich als fruchtbar. „Der Text hat mich enorm inspiriert, den richtigen Rhythmus zu setzen", erzählt Neve. „Alles beginnt mit dem Respekt vor dem Text. Aus dieser Absicht heraus musste ich als Komponist keine zusätzliche Schicht hinzufügen."
Diese Zurückhaltung ist charakteristisch für seinen Ansatz. Während einige Komponisten die literarische Vorlage nach ihren Vorstellungen gestalten möchten, wählt Neve das Zuhören. Der Text diktiert; die Musik folgt und vertieft. Nirgends wird dieses Prinzip klarer als in der Figur des Evangelisten, der in diesem Werk als überforderte Mutter erscheint. In der klassischen Passions-Tradition ist der Evangelist ein unpersönlicher Erzähler, ein Vermittler der Geschichte. Hier wird diese Distanz aufgehoben. Der Evangelist erhält ein ausgeprägtes menschliches Gesicht, wodurch die biblische Geschichte näher an die Lebenswelt von heute heranrückt. „Ich habe versucht, diese Figur so natürlich wie möglich in der Musik darzustellen", sagt er, und er ist ausdrücklich erfreut über die künstlerische Zusammenarbeit mit Ann Pierlé für diese Rolle. Diese „Natürlichkeit" ist keine Einfachheit, sondern eher die höchste Ambition: eine Figur schaffen, die sich anfühlt, als hätte sie immer schon so klingen sollen.
Für die Aufführung arbeitet Neve mit Reflection und B.O.X. zusammen, zwei Ensembles mit unterschiedlichem musikalischem Hintergrund und Klangkultur. Darin spiegelt sich auch die Spannung zwischen Tradition und Aktualität wider, die sich durch das gesamte Projekt zieht.
Das Lamm als Spiegel
Im Zentrum von Uw Vlees en Bloed steht das Bild des Lamms – hier erscheinend als eine Figur in der Pubertät, mit aller Verletzlichkeit und Entwurzelung, die das mit sich bringt. Für Neve übersteigt dieses Symbol seine religiöse Herkunft: „Ein Lamm strahlt unbegrenzte Unschuld aus." Es ist genau diese Unschuld – und der gesellschaftliche Reflex, sie zu opfern – die die Passions-Tradition für die Gegenwart so dringend macht.
Das Werk behandelt bewusst zeitgenössische Themen: Klimaangst, der Druck sozialer Medien, die Spannung zwischen Generationen. Dennoch behauptet die Musik nicht, diese Themen zu illustrieren oder ein moralisches Urteil über sie zu fällen. Das Vertrauen in den Text und in den Hörer genügt. „Alles beginnt mit dem Respekt vor dem Text", sagt Neve dazu. Aus dieser Haltung entsteht ein Werk, das Fragen stellt, ohne Antworten aufzuzwingen, und das Aktualität nicht als Kulisse nutzt, sondern als unvermeidlichen Kontext.
Klassische Wurzeln, jazzähnlicher Mythos
Vielleicht ist das Bemerkenswerteste an diesem Gespräch, wie entschlossen Neve die Identität des „Jazzmusikers" von sich abschüttelt – ein Etikett, das die Außenwelt ihm seit Jahren aufklebt, das er aber nie vollständig als sein eigenes empfunden hat: „Ich betrachte mich nicht als Jazzmusiker. Ich schreibe bereits länger klassische Kompositionen, als dass ich improvisiere."
Diese Aussage wirft ein anderes Licht auf seine gesamte Karriere. Was viele als erfolgreiche Jazzkarriere sehen, betrachtet Neve selbst eher als eine Reihe von Ausflügen aus einer fundamentalen kompositorischen Praxis: „Der Grund, aus dem ich Musik mache, wird sich immer von einer kompositorischen Struktur aus entwickeln, auch wenn ich improvisiere." Das erklärt vielleicht auch, warum Improvisation in dieser Leidenschaft kaum eine Rolle spielt. „Das ist hier tatsächlich nicht anwendbar, alles ist ausgeschrieben."
Wenn er sich in einer breiteren musikalischen Tradition verorten will, verweist er spontan auf Bach und Mozart, Komponisten, die ihre eigenen Werke nicht nur schrieben, sondern auch aufführten: „Das ist für mich sehr organisch." Der Pianist auf der Bühne und der Komponist am Schreibtisch sind für ihn keine verschiedenen Personen, sondern zwei Ausdrucksformen derselben künstlerischen Identität.
Wenn er auf sein Werk zurückblickt, beschreibt Neve es eher als eine logische Linie denn als einen Bruch: „Ich sehe mich in erster Linie als klassischen Komponisten, der während seiner Karriere Ausflüge in die Jazzwelt unternommen hat. Dies fühlt sich daher viel mehr wie ein logischer nächster Schritt auf einem Weg an, den ich bereits vor langer Zeit begonnen habe." Sein musikalisches Herz schlägt vor allem für die Komposition klassischer Werke, bei denen er sich Zeit nehmen kann, um jede Stimme schön auszuarbeiten. In einer Zeit, in der Geschwindigkeit und unmittelbare Wirkung oft die Norm sind, klingt das fast wie ein künstlerisches Manifest.
Bach bleibt dabei sein permanenter Maßstab. Auf die Frage, zu welcher Musik er zurückkehrt, wenn er Inspiration sucht, antwortet Neve ohne Zögern: „Bach." Es ist eine Antwort, die gleichzeitig einfach und aussagekräftig ist. Manche Einflüsse werden mit den Jahren nicht kleiner, sondern größer.
Eine Katharsis für das Publikum
Was erhofft sich Neve von seinem Publikum? „Ich hoffe, dass Menschen über ihre eigene Position in der Gesellschaft nachdenken, nachdem sie dieses Werk gehört haben. Dass sie während des Hörens des Werks eine Katharsis erleben." Es ist ein klassisches Ziel im wörtlichsten Sinne: Aristoteles würde es erkennen.
Ob Musik tatsächlich Perspektiven verschieben kann, ist eine Frage, die Neve nicht dogmatisch beantwortet, aber auch nicht zynisch sieht: „Das hoffe ich jedenfalls, besonders mit einem so starken Text dazu." Diese Aussage verrät einen Glauben an die Kraft der Kunst, der nicht laut oder naiv ist, aber doch hartnäckig.
Uw Vlees en Bloed: een passie vol volk wird aufgeführt von Vokalensemble Reflection und B.O.X, mit Ann Pierlé als Evangelist. Text: Jeroen Olyslaegers. Komposition: Jef Neve.
AUFFÜHRUNGSDATEN
18. Juni, 20:30 (Uraufführung)
Im Rahmen von STROOM
Ort: Hangar 43, Dendermonde
21. Juni, 15:00
Ort: Zaal Athena Antwerpen
In Zusammenarbeit mit Humanistisch Verbond
und huisvandeMens Antwerpen