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Isabelle Beernaert ergreifend in SQUARED

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· 6 Min. Lesezeit
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Isabelle Beernaert ergreifend in SQUARED

Die jüngste Produktion der Choreografin Isabelle Beernaert 'Naakt' wurde abrupt durch den Lockdown unterbrochen. Um den Kontakt zu ihrem treuen Publikum nicht zu verlieren, nimmt Isabelle Beernaert via sozialen Medien Kontakt auf in einem einmaligen Livestream 'SQUARED'.

Emotion, Kreativität und Erfindungsreichtum sind charakteristisch für ihre Persönlichkeit. Sie lässt sich interviewen, erzählt vom Entstehungsprozess und gibt Einblick in ihre Arbeitsweise, in der sie großen Wert auf den emotionalen und intellektuellen Aspekt ihrer Choreografien legt. Ihren südlichen Wurzeln und ihrem Temperament treu schöpft sie aus Beobachtungen und ihren eigenen Gefühlen und scheut dabei nicht vor Extremen zurück: Liebe versus Hass, gefühlvoll und eisig, radikal und ohne Schein und alle Abstufungen dazwischen. Sie wählt oftmals Lieder mit einer Geschichte, eine Geschichte, die sie mit Tiefgang und detaillierter Ausarbeitung auf ihre ganz persönliche und leidenschaftliche Weise zum Leben erweckt. Oft tut sie das atemberaubend schön und ergreifend. Choreografien, die ihre ausgewählte Gruppe von Tänzern mit Herz und Seele verkörpern.

Der Titel 'Naakt' (Nuda Veritas) bezieht sich nicht so sehr auf den nackten Körper. Jedes Tanzfragment ist eine Metapher für Gefühle. Wir sind alle so konditioniert und marschieren im Gleichtritt. Kleidung ist eine Form der Verkleidung. Wir leben hinter einer Maske. Wir sind gehemmt in der Äußerung unserer Gefühle. Sie illustriert dies mit Fragmenten aus der Aufführung.

SQUARED ist ein Teaser und weckt die Neugier auf das Gesamtprodukt. Sie beleuchtet einige diversifizierte Fragmente mit Text und Erklärung. Entwirrelt die Mache ihrer Tanzsprache. So schuf sie eine Choreografie zum Lied:

'La belle histore' Michel Fugain

Das Lied repräsentiert das Gefühl eines jungen, verliebten Paares. Verliebtheit ist wie eine transzendente Erfahrung, eine Blase, ein intensiver Moment. Sie arbeitet dies in einem intimen, schwebenden Duett aus: anmutig, rein und unschuldig. Er das Yin, sie das Yang. Sie wälzen sich umeinander herum in einer Erkundungsrunde. Die Choreografie endet mit einem zärtlichen, flüchtigen Kuss, für den sie ihre Inspiration aus ihrem Lieblingsbild 'Der Kuss' von Gustav Klimt holte.

'Halleluijah' Jeff Bukley

Sie wählte die Version von Jeff Bukley, weil seine Stimme rauer ist als die Originalversion von Leonard Cohen. Das kommt ihr gelegen, da sie in diesem Stück die Polarität zwischen Mann und Frau beleuchten möchte. Männer prahlen oft mit ihrer Rauheit in Macho-Verhalten. Beernaert möchte den Mann in seiner Verletzlichkeit zeigen. Zunächst stellt er seine physische und virile Kraft zur Schau. Wenn eine Frau auf die Bühne tritt, wird er unsicher, wankt, schießt aus reiner Ohnmacht in eine Luftpirouette. Das ganze äußere Schein schrumpft zusammen.

'Burning Fire' Trio Joubran und 'Porque' Yasmin Levi

Das Trio Joubran, bestehend aus drei Brüdern, spielt traditionelle palästinensische Musik. In dieser ethnischen Musik liegt für Isabelle Beernaert etwas Urenergie, wie die Geburtsenergie. Wieder eine Metapher für Gefühle. Es wird zu einer Art Stammestanz, aus dem sie Muster und Techniken entnimmt. Die Tänzerinnen in fließenden roten Kleidern bewegen sich viel aus den Hüften. Wenn die männlichen Tänzer dazukommen, gibt es viel Wirbel im Raum wie loderndes Feuer und über den Boden leckende Flammen. In allem wütet der Wille, die Lust zu leben. Gefolgt vom durchdringenden Lied 'Porque' der Israelin Yasmine Levy. Es wird sehr kontrastreich ein sensuelles Pas de deux. Es gibt Leiden und eine Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Liebe.

'Clown' zur Musik von Max Richter

In jedem Menschen steckt eine helle und eine dunkle Seite. Die männliche Energie ist formativ, rationalisiert. Der weinende Pierrot ist ein Außenseiter der Gesellschaft, er weint, verkrampft, während es so viel Schönheit zu sehen gibt.

'Mesdames' Fabien Marcaud

In diesem Stück wird eine Hommage an alle starken Frauen gebracht, in welcher Konfiguration auch immer: Mätresse, Mutter, Anwältin, Ärztin … Isabelle Beernaert forderte ihre Tänzer heraus. Sie stellte eine Reihe von Stühlen auf die Bühne und ließ einige Tänzerinnen, darunter ihre Tochter Manon Beernaert, die Freiheit, dort eine Choreografie zu erfinden. Es wurde ein faszinierendes Schauspiel. Frauen müssen oft den Stuhl wechseln, um alles, was von ihnen erwartet wird, zu realisieren und alle Bälle in der Luft zu halten, dies führt zu einem schnellen Stuhltanz.

'Laat me' zusammen mit dem Gedicht 'Oud' von Alvaro Oosterwolden

Das Voranschreiten der Jahre können wir nicht aufhalten, der damit verbundene Verfall ebensowenig. Wir dürfen uns nicht auf das Negative konzentrieren, sondern auf das Positive und die Liebe zum Leben umarmen. Der kräftige Text des Dichters gibt Stoff zum Nachdenken.

'Wild is the wind' Nina Simone

Dieses Lied von David Bowie erhält in der Interpretation von Nina Simone einen durchlebteren Touch. Eine Frau, die in ihrem Leben mit vielen Vorurteilen, Leiden und Schmerz zu kämpfen hatte. Aus dem Text 'Love me, love me, love me, say you do' spricht die Sehnsucht nach Harmonie und Zärtlichkeit. Die Choreografie ist um diese Dualität aufgebaut: transparent und roh. Menschlichkeit und Liebe in der Unvollkommenheit.

'Kenau' Wyke van Weelden

Mit dem Titelsong 'Kenau' aus dem gleichnamigen Film der Singer-Songwriterin Wyke van Weelden wird die Aufführung abgerundet. Ein starker, sehnender Text, auf den Beernaert fokussiert. Sie interpretiert in ihrem Tanzvokabular die eigenen Gefühle und bezieht dabei auch die ihrer Tänzer ein, mit Bildern, die an den Rippen kleben bleiben.

Verzoekjes

Als Schlussstück wird noch auf einige Wünsche ihrer treuen Fans und Bewunderer eingegangen. "Man macht und schafft Dinge", erzählt Beernaert, "aber man weiß nicht, welche Auswirkungen sie auf das Publikum haben werden. In dieser Zeit erfahren wir mehr denn je, dass Kultur in jeglicher Form für die Seele und das Wohlbefinden des Menschen überaus wichtig ist. Wenn Menschen emotional erschöpft sind, in Not geraten, kann Kunst ein Auffangnetz sein. Den Schmerz auf die eine oder andere Weise lindern. Das spricht überdeutlich aus den Kommentaren zu den Wünschen. Es tut ungeheuer gut zu erfahren, dass einige Bilder auf der Netzhaut haften geblieben sind durch den Klang und die Tonalität der Musik und die ausdrucksstarken, empathischen, tänzerischen Bilder darin. Sie wurden wichtig für jemanden, ein Strohhalm, ein Anstoß, um weiterzumachen. Das macht diese Arbeit für mich auch so herausfordernd und verschafft mir auch enorm viel Befriedigung."

Von ihren alten Choreografien wurden noch Fragmente gezeigt aus 'Ne me quitte pas', 'The nature of daylight' usw.…

Es gab auch ein Dankwort an die administrativen Dienste in den Theatern und Kulturhäusern, die angesichts der immer wieder verlängerten Lockdowns sehr flexibel die Termine der Vorstellung 'Naakt' immer wieder verschieben.


WAS: Livestream Squared Online

WER: Isabelle Beernaert

WANN: 17. Januar 2021 https://www.squared-online.com

FOTO: Kim Vos

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