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Du lebst also bist du tot… 'Ce qui vit en nous'…

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· 5 Min. Lesezeit
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Du lebst also bist du tot… 'Ce qui vit en nous'…

Das 30-jährige Ars Musica und das für Flamen praktisch völlig unbekannte, französischsprachige Kulturzentrum Théatre de la Balsamine – eine ehemalige kleine Fabrik in Schaarbeek – empfingen in Uraufführung die Kammeroper 'Ce qui vit en nous'.

Es ist eine neue Oper, Teil einer Trilogie, die voller einer Art humorvoller Träume von lebenden und somit toten (oder umgekehrt?) Zuständen steckt, wie Hergé oder Jacques Tati sie erzählen könnten.

Kurz zusammengefasst kann man diese Oper von Stéphane Arcas (Libretto) und Baudouin de Jaer (Musik) wie folgt beschreiben: bizarre, surrealistische unwirkliche Realität von Leben, das eigentlich tot ist. Die Geschichte ist durchdrungen von Humor, Dramatik, Absurdität, düsterer Verwirrung: all dies vereint in Musik, die der Avantgarde entspricht, aber verständlich und lyrisch ist, wo die Geschichte dies erfordert. Baudouin verwendet ein ungewöhnliches Orchester, versteht es aber sehr präzise, die Dramatik zu dosieren und träumerische Atmosphären zu schaffen, wo die Geschichte dies verlangt. Die Sänger – namenlose Statisten, die zufällig in die Geschichte geraten – haben schwer zu leiden, besonders die Mezzo und der Bariton (gesungen von einem Heldentenor) ihre Rollen sind anspruchsvoll für die Stimme, das Einfühlen in den Charakter der Rolle und die Musikalität. Ähnliche Anforderungen erhält die Tenorrolle, die eher die eines Baritons ist, aber es ist eine kürzere Rolle, weshalb der Sänger weniger schwer zu leiden hat.

Wir sind kurzzeitig im 18. und 19. Jahrhundert, aber auch in der Gegenwart und der Zukunft. Ein Lebender stellt sich als tot heraus, während er mit einem anderen 'noch lebenden Lebenden' eine ganze Situation skizziert. Der Lebende ist Krankenschwester, aber plötzlich stellt sich heraus, dass er es nicht ist, aber doch ihre Mutter ist. Alles spielt sich auf einer Insel ab, aber das ist unwichtig, denn es ist im Weltraum. Und so geht es weiter mit kompliziertem Durcheinander in einer Ouvertüre, die nicht einmal aus Musik besteht, sondern aus gesprochenem Text der zwei wichtigsten Gegner: der männliche Charakter und die junge Dame, die Krankenschwester ist oder ist es gerade nicht. Sie verschwindet hinter dem Vorhang, der Mann spricht weiter und diskutiert mit einer Stimme aus einem Megaphon. Dann verschwindet auch er und die Musik setzt ein mit donnernder Gewalt.

Der Vorhang öffnet sich. Wir sehen auf der Bühne das Orchester an der Seite sitzen und außerdem liegen offenbar ein Paar Gehirne auf einer Schale vorne auf der Bühne, schräg vorne vom Orchester. Auf einem Tisch liegt ein Körper unter einem weißen Laken. Es ist düster, denn es ist der Sektionssaal einer Forschungseinrichtung. Es ist der Traum eines seit fünf Jahren unbezahlten Projektleiters, endlich über drahtlose Verbindungen die Gehirne zu koppeln. Er braucht noch von einem Dritten das Gehirn, das nicht älter als 24 Tage tot sein darf, denn danach ist der Tote wirklich endlich tot – und das sind also die Gehirne dieses Toten unter dem weißen Laken. Der verwirrte Gelehrte gerät in ein noch verworreneres Gespräch mit der Krankenschwester, die tatsächlich Krankenschwester ist. Es geht um das Projekt und dass sie bereits fünf Jahre nicht bezahlt wurden und nun endlich den Direktor der Einrichtung zu Besuch haben möchten. Er hat sich ihnen noch nie gezeigt…

Der Tote zieht das Laken von sich – es ist der männliche Charakter – und schaut verwundert herum. Was macht er auf diesem Tisch? Ist er dann tot? Aha… Er ist nackt (überhaupt nicht schockierend) und zieht einen Operationsmantel an.

Für den Vietnamkrieg, Jahre '70 des letzten Jahrhunderts, hat der Gelehrte durch chaotische Experimente – ist er eine Art Doktor Mengele? – plötzlich Silber herstellen können. Im französischen Text wird mit dem Wort 'argent' gespielt, das gleichzeitig Silber und Geld bedeutet. Ins Deutsche übertragen kommt dies weniger deutlich herüber, aber das ist nicht so schlimm angesichts der Absurdität der ganzen Situation.

Der Schauspieler und die Sänger verkörpern ihre ungewöhnlichen Rollen großartig und bringen das Publikum unzählige Male zum Lachen. Und siehe, plötzlich ist da der Direktor, nach fünf Jahren kommt er also doch zum Vorschein. Bezahlt er jetzt seine Mitarbeiter? Ist das Projekt abgeschlossen? Wird es genehmigt? Wir wissen es nicht. Der Dirigent scheint es satt zu haben und geht ins Publikum, um von dort aus zu dirigieren. Das ist schwierig, denn so kann er seine Partitur nicht verfolgen… Er geht zurück zu seinem Pult, aber wo auf welcher Seite sitzen die Musiker jetzt? Er schaut auf ihre Partituren, aber nichts zu machen, er hat die Orientierung verloren. Zornig geht er zurück ins Publikum und bricht seinen Dirigentenstab. So werden Dirigent und Orchester in den Surrealismus der Geschichte verwickelt.

Das Orchester spielt noch ein wenig weiter, die Sänger und der Schauspieler verschwinden von der Bühne und so auch fast alle Musiker, einer nach dem anderen… So endet eine ungewöhnliche Kammeroper, die ich jedem empfehlen kann. Ein Lachen und eine Träne, ein Moment der Meditation (ein sehr subtiles Gitarrensolo sehr schön vorgetragen), feines Harfenspiel, fast angsteinflößend Schlagwerk, Tasteninstrumente und Streicher, eine Querflöte und Saxophon… Sie machen diese Oper zu dem, was sie ist: ein Meisterwerk, das dem 'sinnlosen Unsinn' Sinn gibt. Man bekommt tatsächlich eine Geschichte, musikalisch und szenisch ab. Dieses Werk hat Zukunft!


  • WAS: Kammeroper Ce qui vit en nous – Uraufführung
  • LIBRETTO, REGIE & SZENOGRAFIE: Stéphane Arcas
  • MUSIK: Baudouin de Jaer
  • MUSIKALISCHE LEITUNG: Martijn Dendievel
  • SÄNGER & SCHAUSPIELER: Sarah Théry (Mezzosopran), Xavier de Lignerolles (Tenor) Nicolas Luçon (Schauspieler), Thomas Van Caekenberghe (Bariton)
  • ORCHESTER: Ensemble Besides
  • FOTOS: © d'Hichem Dahes
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