Bachs sechs ursprünglich für Cembalo gedachten Partita BWV 825-830 hören wir diesmal zur Abwechslung auf einem Tangentenpiano aus dem Jahr 1790 vom in Regensburg ansässigen Späth & Schmahl. Ein wirklich besonderes Klavier darf man sagen mit einem ebenso besonderen Klang, dessen Design je nach Register Bezüge sowohl zum Cembalo, zum frühen Fortepiano als auch zur Harfe aufweist. Die Saiten werden durch schmale hölzerne Lippenchen zum Erklingen gebracht. Das von Helmchen gespielte Instrument ist noch eines der wenigen, das die Zahn der Zeit – nach selbstverständlicher Restaurierung – überdauert hat.
Der wichtigste Erbauer von Tangentenpiani in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts war Franz Jacob Späth, gleichzeitig renommierter Fabrikant von Fortepiani, Cembaloni, Clavichorden und Orgeln. Bereits 1751 baute er ein Tangentenpiano für den Kurfürsten von Bonn. Als sein Betrieb einmal florierend lief, machte er seinen Schwiegersohn Christoph Friedrich Schmahl zum gleichberechtigten Partner. Ihre Tangentenpiani wurden überall bewundert, darunter von vielen Top-Musikern. Einer von ihnen, Wolfgang Amadeus Mozart, bezeichnete 1777 das Tangentenpiano mit „Späthisches Klavier". Von Späth und Schmahl sind etwa 10 Instrumente erhalten geblieben, datiert zwischen 1780 und 1801. Sie haben alle dieselbe Mechanik und einen Umfang von 5 Oktaven: FF – f3. Sie variieren in der Länge von 184 bis 222 cm.
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Das von Martin Helmchen bespielte Tangentenpiano von Späth & Schmahl (Regensburg, 1790)[/caption]
Bach hatte bestimmt etwas für Partita: Ab 1726 komponierte er jährlich mindestens eine Partita, während er an einer ganz anderen Front bereits genug zu tun hatte, nachdem er drei Jahre zuvor in Leipzig zum Kantor der vier wichtigsten Kirchen in Leipzig ernannt worden war und auch die dort ansässige Thomasschule viel von ihm verlangte. Aber Bach wird es ohne Zweifel haben kombinieren wollen: komponieren und selbst spielen, mit der Freude, die daraus folgte.
Diese sechs Partita komponierte Bach zwischen 1726 und 1731 und gelten als sein erster „offizieller" Versuch im Genre: Sie erschienen als sein erstes Opus 1 (das hatte er selbst oben drübergeschrieben) im Druck. Eine Veröffentlichung, die er vollständig aus eigener Tasche bezahlt hatte.
In der Einleitung schrieb Bach:
'Da der Hochf[ürst]l. Anhalt-Cöthensche Capell-Meister und Direktor Chori Musici Lipsiensis, Herr Johann Sebastian Bach ein Opus Clavier Suiten zu ediren willens, auch mit der ersten Partiae den Anfang gemacht hat, und solches nach und nach, bis das Opus fertig, zu continuiren gesonnen; so wird solches den Liebhabern des Claviers wissend gemacht. Wobey denn zur Nachricht dienet, daß der Autor von diesen Wercke selbst Verleger sey.'
Im CD-Booklet erläutert Helmchen seine Wahl des Tangentenpianos: dass das Instrument [ihm] mehr Farbmöglichkeiten bietet im Vergleich zum Cembalo, Clavichord und zum frühen (Forte)piano, aber auch dass die polyphonische Textur auf dem Tangentenpiano besser zur Geltung kommt als auf dem Cembalo oder sogar dem modernen Klavier.
Die Partita werfen hinsichtlich der Tempowahl nur wenige Fragen auf: Sie sind nämlich zumeist die bekannten barocken Tanzformen, die den Stücken in dieser Hinsicht ihr erstes „bildendes Gesicht" geben, oder aber konkrete Angaben wie Sinfonia, Capriccio, Fantasia, Rondeau, Burlesca oder Aria, die den Interpreten hervorragend weiterleiten. Während es dem Ausführenden obliegt, nach eigenem Ermessen die Phrasierung, die Verzierungen, Artikulation und Betonung zu modellieren. Genug Freiheit also, um sich auch in dieser Hinsicht ausreichend unterscheiden zu können. Mit der weiteren Anmerkung, dass nur die Notenschrift letztlich objektiv ist und das, was daraus abgeleitet wird, subjektiv.
Der Klangunterschied allein zwischen Cembalo und Tangentenpiano ist erheblich und das fordert vor allem vom Ausführenden seine wohlüberlegte Bestimmung seines Spielfeldes. Der eine wird das großzügiger tun als der andere, aber es sollte ein gültiger Ausgangspunkt doch der der historisierenden Rhetorik sein, weil sonst für den Hörer ein verzerrtes Bild entsteht, das – je nach Ausmaß – sich weit oder weniger weit von der Aufführungspraxis des achtzehnten Jahrhunderts entfernt (insoweit wir uns darüber jedenfalls ausreichend informiert erachten).
Martin Helmchen (Berlin, 1982) befasst sich bereits seit mehreren Jahrzehnten intensiv mit historischen Instrumenten, ihren spieltechnischen (Un)möglichkeiten und der damit verbundenen Aufführungspraxis, was ihm den Schatz an Wissen und Erfahrung eingebracht hat, der kontinuierlich von seiner Interpretation dieser sechs Partita ausstrahlt. Aber darüber hinaus – und das ist nicht weniger wichtig – ist da seine Leidenschaft, die starke Beschäftigung mit diesen Werken, der äußerst lebendige Charakter seines Spiels und die Präzision, mit der er sowohl die erhabenen rhythmischen als auch harmonischen Bausteine aus diesem wunderbar klingenden Instrument herauszaubern konnte. Ergreifend ist auch die Lyrik, die sich in den langsamen Teilen fast singend, kantabel entfaltet und die Verzierungen, die den Wiederholungen ein ebenso unwiderstehliches Profil geben.
Und die Werkstruktur? Jedes Teilverk steht streng für sich, bekommt seine eigene einzigartige Atmosphäre, erweist sich aber dennoch als meisterhaft in die gesamte Partita integriert. Meisterhaft, weil es eine Meisterleistung ist, allein durch das unwiderstehlich beim Hörer sich einschleichende „Gefühl", dass dieses Spiel die einzige richtige Richtung weist.
So viel instrumentale und interpretative Brillanz, so viel Klarheit und Lebendigkeit, so viel Detailarbeit: Es hätte weniger Bedeutung gehabt, wenn die Aufnahmequalität zu diesem faszinierenden Recital nicht wesentlich beigetragen hätte. Aber keine Sorge: Die Registrierung ist in einem Wort ebenso glänzend. Eigentlich nicht zu verpassen, diese von reiner Schönheit erfüllten Erkundungen, auch als formidable Exposition von Bachs einzigartiger Fähigkeit auf diesem Gebiet.