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Josquin des Prez und die Kunst der Intabulatio

H
· 4 Min. Lesezeit
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Josquin des Prez und die Kunst der Intabulatio

Wir verweilen noch ein wenig in dem lebhaften 16. Jahrhundert bei unserer Franko-Flämischen Schule der Polyphonie. Genauer gesagt bei einem Großmeister der 3. Generation von Polyphonisten, der Generation vor der von Adriaan Willaert. In diesem Artikel steht Josquin des Prez (ca.1450-1521) im Fokus. Er ist einer der wichtigsten Komponisten seiner Generation. Von einigen Musikwissenschaftlern wird Josquin sogar als der wichtigste Komponist der Renaissance bezeichnet.

Dieser Komponist aus der Grafschaft Hennegau war bekannt für seine meisterhafte Textunterlage zu Musik. Um einmal untypisch zu sein, ist dies gerade nicht das, worauf sich dieser Artikel konzentriert. Stattdessen steht eine bestimmte Praxis im Fokus, mit der die beliebtesten Komponisten jener Zeit geehrt wurden: die Intabulationspraxis, oder das Umschreiben von Musik für Tabulatur.

Die Intabulationspraxis ist eine Kunst, die mehr ist als nur das Umschreiben von Musik. Der betreffende Lautist wägt ab, welche Noten zu behalten sind, welche wegzulassen und welche zu verzieren sind. Jeder Lautist hatte so seinen Stil, arrangierte die Werke nach seiner Hand und machte die Kompositionen sich zu eigen.

Musik durch die Druckerpresse


Ein wichtiger Durchbruch für die Tabulatur und die Intabulationspraxis war das Jahr 1507. In diesem Jahr erschien die allererste gedruckte Lautenpublikation, arrangiert von Lautist Francesco Spinacino (fl. 1507). Diese Publikation wurde ein Meilenstein in der Musikgeschichte. Es ist die erste gedruckte Publikation mit Instrumentalwerken und enthält die ersten Spielanweisungen für Laute ("Regeln für diejenigen, die nicht singen können"). Gedruckte Publikationen waren billiger als Handschriften. Der Preis, größere Auflagen und Spielanweisungen öffneten Türen für ein mögliches neues Spielpublikum.

Die Musikdruckkunst stand noch in ihren Anfängen (das allgemein akzeptierte Gründungsdatum ist der 15. Mai 1501 mit Petruccis Publikation Harmonice Musices Odhecaton) und die Wartung einer Druckerpresse war eine riskante und teure Angelegenheit. Ottaviano Petrucci (1466-1539) wählte daher populäres Repertoire und Josquins Musik war dafür der perfekte Kandidat. Petrucci veröffentlichte bereits zwei von Josquins Messen (1502 und 1505, gingen mehrfach in Neudruck) aber auch in dieser ersten Lautenpublikation finden sich nicht weniger als fünf von Josquins Kompositionen. Eine klare Manifestation, dass die Musik dieses Franko-Flämischen Polyphonisten vielen gefiel. Damals und heute…

Josquin-Intabulationen


[caption id="attachment_28207" align="alignleft" width="188"] © Dominika Alkhodari[/caption]

Im Hinblick auf 2021 zu Ehren von 500 Jahren Josquin des Prez erschien eine ausgezeichnete CD mit Lautenintabulationen auf dem Markt: Inviolata von Jacob Heringman. Nicht Spinacino, aber eine Kombination von Zeitgenossen und Heringmans eigene Intabulationen stehen auf dem Programm. Das erste Werk ist das Motett Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum, Virgo serena bearbeitet von Heringman. In dieser Intabulation sind alle vier Stimmen erhalten geblieben und die Musik behält ihre Eigenständigkeit. Heringman behandelt dieses religiöse Werk mit ausgewogener Schlichtheit. Aufwendige Verzierungen bleiben aus. Geschmackvoll wird Spannung durch die kontrastierenden Abschnitte aufgebaut, wodurch man fast neun Minuten lang in Faszination zuhört, was folgt.

Der Vorteil der Tabulatur wird auf dieser CD schön illustriert. Wenn ein Instrument auf die gleiche Weise gestimmt ist, kann es diese auch spielen. Für Laute und Vihuela de mano gilt dies. Der Unterschied zwischen den beiden Instrumenten kommt hier subtil durch ihre Klangfarbe zum Vorschein (dank der unterschiedlichen Form ihres Resonanzkörpers).

Der erste Track mit Vihuela ist Nummer 5. Dies ist eine bemerkenswerte Intabulation von Josquins Missa de Beate Virgine von Alonso Mudarra (ca.1510-1580). Dieses Werk kann in zwei Teile aufgeteilt werden: das "Kyrie I" und eine "glosa". Im ersten Teil bleibt Mudarra so nah wie möglich beim Original von Josquin, während Mudarra im zweiten Teil mehr Freiheit nimmt und eigenes Material einmischt. In diesem einen Werk werden also verschiedene Intabulationsansätze kombiniert.

Als Kontrast zum italienischen Intabulationsstil spielt Heringman auch eine Bearbeitung von Cum sancto spiritu (Track 11) von Hans Neusidler (ca.1508/9-1563). Im Großen und Ganzen bleibt dieses Werk beim Original, aber virtuose Passagen mit schnelleren Noten erhalten auch ihren Platz in dieser Tabulatur. Das Ende dieses Werkes und damit auch dieser CD ist typisch Deutsch mit zusätzlicher Ornamentation auf einem wiederholten Schlussakkord.

Mit dieser CD illustriert Jacob Heringman die Kunst der Intabulation. Er erforscht verschiedene Stile und Ansätze, setzt die flexible Instrumentierung subtil in den Fokus und bringt die Tradition buchstäblich mit eigenen Intabulationen wieder zum Leben. Diese Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart baut er mit dem eindrucksvollen und einzigartigen Repertoire des Polyphonisten Josquin des Prez, das weiterhin fasziniert. Damals und heute.


CD-cover_front-Josquin-Inviolata-Jacob-Heringman


CD-cover_back-Josquin-Inviolata-Jacob-Heringman

3.7/5

WER: Jacob Heringman [Laute & Vihuela]

WAS: Josquin des Prez: Inviolata

VERÖFFENTLICHUNGEN: Inventa INV1004

BESTELLUNGEN: JPC

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