In der Natur fließen die Säfte, das ergibt fünfzig Grüntöne. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber das macht mich glücklich. Es gibt mir einen Boost. Ballet Vlaanderen spielt auf dieses Frühlingsgefühl an mit der Aufführung 'JOY', ein Diptychon mit Werken von zwei trendigen, führenden schwedischen Choreografen, die bereits mehrfach preisgekrönt wurden.
Sowohl 'JOY' von Ekman als auch B.R.I.S.A. von Inger zeigen eine Quelle von Verspieltheit, Fröhlichkeit und Charme in einem fehlerfreien Cocktail. Eine Szene, die vor frischen Ideen und Tanzvergnügen vibriert. Eine Aufführung mit einer ganz besonderen Chemie, die die Glückshormone in Gang setzt.
JOY, Choreografie Alexander Ekman = schalkhafter Lobgesang auf das Leben
Die Aufführung öffnet sich ziemlich ungewöhnlich. Der Choreograf stellt dem Publikum die Frage: "Wie drückt sich Freude bei dir aus? Welche Bewegungen verbindest du mit Freude?" Die Tänzer, in einem unisex crèmeweiß Anzug, zeigen das jeweils nach ihrem eigenen Empfinden: springen, purzeln, gleiten, einen Baum gießen… Dieser Baum ist das einzige Element auf der Bühne neben einem leuchtenden Flamingo. Als Performer Ausgelassenheit zu strahlen, ist nicht selbstverständlich. Auch wenn sie einen schlechten Tag haben, müssen sie die Verkörperung von 'joy' werden. Nach dem chaotischen Anfang verschiebt sich die Handlung allmählich zu einer großen Homogenität. Aus der Musik wird eine freudeschaffende Kraft herausgezogen. Eine Tänzerin stellt ihr Veto gegen die Männer und lässt ihre Spitzenschuhe demonstrativ fallen. Dies wird eifrig von allen Tänzerinnen mit einem allgemeinen Schuhab aufgegriffen.
Sie heben ihre Spitzenschuhe auf und lassen diese in kurzen Abständen fallen. Dies wird mehrmals wiederholt und sorgt für ein Wirbeln von Geräuschen. In völliger Finsternis binden sie ihre Spitzenschuhe an und dann beginnt das Fest mit leichtem Schritt. Die Ballerinas bewegen sich in Formation mit denselben kontrollierten Schritten, meist auf Spitzenschuhen. Durch ihren gestreckten Fuß und lange Beine ziehst du Vergleiche mit dem hochbeinigen Flamingo. Sie bewegen sich in wortloser Harmonie, kommen zusammen und driften wieder auseinander. Durch einen stimulierenden Beat wirkt es manchmal wie Disco auf Spitzenschuhen. Strukturiert gegen freie Bewegungen, synchron neben unerwarteten Momenten. Dann bringt ein Mann etwas ins Spiel. Er hat etwas im Blick, das ihm Freude verschafft, worin er sich freut. Das Herdenverhalten wird hier kurz durchleuchtet. Jeder reiht sich hinter ihm ein. Sein Vergnügen wird übernommen, ohne zu wissen warum! Er reißt sich los. Stellt sich an eine andere Stelle und sie folgen. Diese Sequenz wird unterbrochen durch ein Objekt, das plötzlich vom Himmel fällt. Ein perlmuttfarbener hoher Absatz. Von der anderen Seite der Bühne noch einer. Und ja, der breite Männerfuß wringt sich in den feinen Leisten. Es wird zu einem kleinen Bombardement von hohen Absätzen. Männer und Frauen paradieren hochhackig tollpatschig oder elegant über die Bühne. 'JOY' eine herrliche, funkelnde Choreografie.
B.R.I.S.A. Choreografie Johan Inger = der Wind der Veränderung
Diese Choreografie hat einen ganz anderen Ton. Die Soundscape ist zu Beginn verstörend und bedrohlich. Figuren schlurfen über die Bühne in einer seelentötenden Trostlosigkeit, versenkt in etwas Komplexes. Sie wirken wie Häftlinge, die hinter Gittern ihren Spaziergang auf dem Gefängnishof machen. Musikalische Inspirationsquelle für Johan Inger sind Lieder von Nina Simone, beginnend mit Black Swan. Nicht nur die Person, die Musik und die Karriere von Nina Simone sind Sinnbilder der Veränderung, auch die Art, wie sie konzipiert wurde. Die Songs sind zweiteilig und handeln sowohl von Trauer als auch von Freude. Johan Inger versucht, den Wind der Veränderung in seiner Choreografie sichtbar zu machen. Nina Simone singt von einem Vogel, eine Tänzerin breitet ihre Arme aus, flattert in der Luft wie ein Vogel. Eine Choreografie, die gleitet, bricht und sprudelt im Schmelztiegel der Schöpfung. Ein komplizierter Tanz, der die Tänzer wirbeln über die Bühne führt. Die Begeisterung ist unerschöpflich und die Energie explosiv. Ein sich ausbreitendes Thema wie eine Blume, die ihre Blütenblätter beim ersten Sonnenlicht entfaltet. Explodiert wie die Natur im Frühling.
Es gibt etwas in der Aufführung, das dich umhüllt, eine Faszination für etwas, für das du keine Worte findest. Ein spielerisches, sättigendes Spektakel. Ein Moment der Gnade in einer verrückten und oft ernüchternden Welt. Der Wind, dem man entgegenwirken kann, aber auch die kühlende Brise. Die Selbstversorgung wird auch mit einem Fächer, Föhn, Blattbläser, industrielle Windturbine visualisiert. Visuelle Poesie und liebevolle Verrücktheit in einer schön ausgearbeiteten Handlung. Die Aktion übersetzt sich in lustige, leicht provokative Situationen, sanfter Humor als kleine Juwelen im Bild eingefangen.
Tanz, Choreografie, Bühnenbild, Inszenierung machen zusammen eine Performance mit den unerwarteten Objekten und Bewegungen. Das Inerte des Anfangs weicht Rhythmus und Schnelligkeit. Die Hauptbestandteile einer Performance, die sich zu einem ekstatischen Gefühl von Freiheit aufbaut. Plötzlich hell und lesbar.
Schon wieder eine geschickte, verspielte und unvergleichliche Leistung von Ballet Vlaanderen, eine Compagnie zum Verwöhnen.
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- WO & WANN:
- FOTOS: JOY getanzt von Ballet Vlaanderen, © Cheryl Mann, andere Fotos © Filip Van Roe[embed]https://www.youtube.com/watch?v=lVPpUqRjBU8[/embed]
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