Vergangenen Donnerstag war das Festival Lunalia 2023 dem Werk von Karel Goeyvaerts (1923 – 1993), dem belgischen Komponisten, der in seiner Karriere alle Farben des Regenbogens gesehen hat, gewidmet. Eine Übung in musikalischer Mehrsprachigkeit.
Das Ensemble I Solisti (Dirigent Filip Rathé), Liesbeth Devos (Sopran) und Jan Michiels (Klavier) gaben in sechs Stücken einen Überblick über das spätere, zugänglichere Werk von Goeyvaerts, ergänzt durch eine Komposition für Klavier und Ensemble von Tim Mulleman.
Die Zusammensteller des Programms ließen sich hauptsächlich von den Werken leiten, die als Bausteine für Goeyvaerts' Oper Aquarius dienten. Daran hat er die letzten zehn Jahre seines Lebens gearbeitet. Damit ist Goeyvaerts dann auch in die Geschichte eingegangen. Liesbeth Devos eröffnete mit Les Voix du Verseau (1985), einem Liederzyklus, der als Skizzenbuch für seine Oper Aquarius (1993) fungiert. Der Sprachgebrauch ist weitgehend unbestimmt mit einigen englischen und deutschen Fragmenten, wodurch vieles von den suggestiven Talenten der Solistin abhängt. Bei Devos war das in guten Händen – sie tat, was zu tun war: Farbe und Atmosphäre bringen. Darin schloss sie sich gut dem instrumentalen Ensemble an. Ein glücklicher Griff war ihre Aufstellung zwischen den Instrumenten, wodurch die vokale und instrumentale Besetzung ein Ganzes bildeten. Das funktionierte. Eine Überraschung war Plikonamu Micucona für Blechbläser und Klavier (1979), ursprünglich als Pflichtwerk für Teilnehmer eines Musikwettbewerbs der damaligen Bank Gemeentekrediet geschrieben. Posaunist Jan Smets erwies sich mit einer offenen und messerscharfen Interpretation als genauso enthusiastisch wie der Komponist.
Sprachlichkeit
Sprache in geschriebener, in gesprochener und gesungener Form, in Musik – Sprachlichkeit in all seinen Erscheinungsformen scheint das Leitmotiv von Karel Goeyvaerts zu sein. So auch in La Flûte de Jade, einem Liederzyklus für Sopran und Klavier auf französischen Übersetzungen chinesischer Texte. Der Zyklus stammt von 1949 und zeigt noch einige Spuren der Zwölftontechnik, die Goeyvaerts in seinen Anfangsjahren anwandte. Liesbeth Devos war merkwürdigerweise in den Pianissimo-Teilen am ausdrucksvollsten, aber die Farbe blieb im Allgemeinen in derselben Palette stecken. Jan Michiels (Klavier) begleitete sie sanft vorwärts drängend und nirgendwo aufdringlich. Eine kurze, aber heftige Portion Lyrik bekamen die Zuhörer in einem Bläserduo für Flöte und (Bass-)Klarinette in der Ode an drei mit Goeyvaerts befreundete Kollegen Voor Harrie, Harry en René (1990) serviert. Flötistin Lieve Goossens und Klarinettist Tomonori Takeda zeigten ein sorgloses, spielerisches und dynamisches Stück Spielfreude. Sie taten der Kombination von Flöte und Bassklarinette Ehre an, die sich in der Liebe fanden in den Momenten, in denen sie sich – bien étonnés – in denselben Tonregistern trafen. In Escale à Bahia fühlte sich die Sopranistin hörbar wohl. Begleitet von Flöte und Cello (Jan Sciffer) verlieh Devos Gestalt zur Vielseitigkeit der brasilianischen Kultur und Natur auf Text des reisenden Schweizer-französischen Dichters Blaise Cendrars. Der geschmeidige Streifzug durch den brasilianischen Dschungel erwies sich als angemessete Einleitung zum straffen Litanie I für Klavier von Jan Michiels. Es ist ein minimalistisches repetitives Stück, in dem die Zeitmodule nacheinander mit Motiven gefüllt und geleert werden. An Volumen fehlt es nicht, mindestens Mezzoforte mit einer Vorliebe für Fortissimo und wo möglich noch ein wenig mehr. Glücklicherweise war Jan Michiels der Ausführende. Er ist nicht nur als Meister des Pianissimo bekannt, sondern ist auch in der Lage, laute Musik hörbar zu halten. Das kam gelegen und das Ergebnis war eine maßgebliche Aufführung, bei der die Fortissimos straff im Griff blieben. Das ist keine geringe Leistung, zumal nicht in der Mecheler Barockkirche Sint-Pieter-en-Paul, wo Nachhall zu akustischer Pampe werden kann. Aber Jan Michiels hielt es fest in der Hand.Der Abend wurde mit der Uraufführung von Movement for piano and ensemble des belgischen Komponisten Tim Mulleman (geb. 1993) abgeschlossen. Das Stück enthält Bezüge zu Litanie I von Goeyvaerts und wurde auf Bestellung von I Solisti geschrieben. Nach einem chaotischen und voluminösen Anfang, an dem man hören konnte, dass Mulleman Kompositionslektionen bei Annelies Van Parys hatte, folgte eine gefühlvolle Passage mit einem tropfenden Klavier (Jan Michiels) und federleichten Trillern, die Platz für zwei Streicher freimachten. Die Posaune nutzte vier verschiedene Dämpfer, wodurch die Nuance maximiert wurde. Das Klavier spielte hier und da Passagen aus Litanie I, eher wie ein Augenzwinkern als wie ein Thema wirkend. Ein lange gehaltener Klagelied von tutti und straffe rhythmische Klavierpassagen führten die Zuhörer zum Ende hin, in dem Goeyvaerts eher suggestiv als manifest präsent blieb. So hätte er es vielleicht am liebsten gesehen.
WAS: 100% Goeyvaerts
WER: I Solisti (Filip Rathé, Dirigent), Jan Michiels (Klavier), Liesbeth Devos (Sopran), Mark Delaere (Interventionen)
WANN: 27. April, Pieter-en-Paul-Kirche, Mechelen
ORGANISATION: Lunalia 2023, Festival van Vlaanderen Mechelen
AGENDA:
MATRIX (Zentrum für neue Musik) hat eine Pop-up-Ausstellung Karel Goeyvaerts Gespiegeld im Kulturforum Mechelen, Minderbroedersgang 5. laufen.
Bis 7. Mai.
Klara hat diesen Konzert aufgenommen. Ausstrahlung am 8. Juni, hundertster Geburtstag von Karel Goeyvaerts
FOTOS: © Wynold Verweij