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Karg-Elert wiederentdeckt: zwischen romantischem Glanz und modernistischen Bruchlinien

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· 6 Min. Lesezeit
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Karg-Elert wiederentdeckt: zwischen romantischem Glanz und modernistischen Bruchlinien

Es gibt Komponisten, deren Name dank des Unterrichtspraxis-Kreislaufs überlebt, während ihr eigentliches künstlerisches Gewicht unterwegs verloren ging. Sigfrid Karg-Elert (1877-1933) ist dafür ein Schulbeispiel. Jeder Flötenschüler kämpft sich irgendwann durch die 30 Caprices, spielt die Sinfonische Kanzone als obligatorisches Examenwerk oder wagt sich an die Sonata Appassionata. Aber wie oft werden diese Werke wirklich als vollwertige Konzertmusik gehört? Genau diese Kluft zwischen pädagogischer Allgegenwart und künstlerischer Marginalisierung bildet den Ausgangspunkt dieser neuen Ausgabe von Da Vinci Classics, auf der das Casale-Rouxel Duo – Flötist Samuel Casale und Pianist Arzhel Rouxel – Karg-Elerts gesamtes Flötenwerk zusammenbringt.

Um dieses Unternehmen zu würdigen, muss man zunächst verstehen, wie isoliert Karg-Elerts Position eigentlich innerhalb des deutschen fin de siècle war. Geboren in Oberndorf am Neckar, Zeitgenosse von Richard Strauss, Max Reger und Franz Schreker, ausgebildet als Pianist – und doch nie wirklich in eine Schule oder Strömung einzuordnen. Sein von Frankreich beeinflusstes Idiom war zudem im deutschen Musikklima seiner Zeit ein Reizthema, das mit dieser internationalen Ausrichtung wenig anfangen konnte; außerhalb Deutschlands, besonders im Vereinigten Königreich, erhielt sein Werk durchaus Anerkennung. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand er eine Weile in den Hintergrund, bis eine Wiederbelebung ab den späten siebziger Jahren ihn wieder in den Fokus brachte – allerdings blieb das vor allem auf sein Orgelwerk beschränkt.

Während Richard Strauss seine musikalischen Geschichten langsam entfaltet, scheint Karg-Elert den Hörer ständig mit neuen Blickwinkeln zu überraschen. Seine Musik bewegt sich launisch, voller unerwarteter Wendungen und plötzlich aufblitzender Farben. Dadurch wählt er eher monumentale Architektur nicht, sondern einen kontinuierlichen Strom neuer Ideen, was seiner Musik eine bemerkenswerte Lebendigkeit verleiht. Wer Karg-Elert nur aus der Unterrichtspraxis kennt, wird zudem überrascht sein, wie viel lyrische Wärme, farbenfrohe Harmonien und raffinierte Klangverläufe hinter diesen Partituren verborgen sind. Was vor einem Jahrhundert eigensinnig klang, klingt heute bemerkenswert frisch.

Eine fesselnde Spur in Casales begleitendem Essay ist die Verwandtschaft, die er mit Nietzsches Kulturkritik zieht. Dessen Plädoyer für eine französische Klarheit gegenüber der wilhelminischen Schwere würde nach Casale auch musikalisch in Karg-Elerts Verlangen erkennbar sein, sich von akademischen Konventionen zu befreien. Ob diese Parallele musikwissenschaftlich vollständig stichhaltig ist, lässt sich schwer beweisen, aber als Interpretationsschlüssel funktioniert sie überraschend überzeugend. Sie hilft, diese Musik als eine Kunst der ständigen Veränderung zu verstehen, in der Kontrast keine Unterbrechung der Form ist, sondern ihr wesentlicher Motor. Der Essay zeugt zudem von gründlichen Kenntnissen von Karg-Elerts Werk und von einer bemerkenswert kritischen, durchdachten Herangehensweise an die Interpretation. Gleichzeitig bietet er einen fesselnden Einblick in die Arbeitsweise des Duos und verleiht den Entscheidungen, die während dieser Aufnahme getroffen wurden, zusätzliche Tiefenschärfe. Nicht zufällig trägt das Album den Titel Equinoxes: der Moment, in dem Licht und Dunkelheit im Gleichgewicht sind. Diese Metapher fasst treffend zusammen, worum es in dieser Musik und dieser Interpretation geht: ein kontinuierliches Spiel von Gegensätzen, die sich nicht aufheben, sondern gerade verstärken.

Diese Sichtweise prägt auch die Interpretation des Casale-Rouxel Duos. Laut Booklet werden Karg-Elerts viele Charakterbezeichnungen – blühend, duftend, bleich – nicht als bloße Stimmungsvorschläge verstanden, sondern als Ausgangspunkt der musikalischen Fantasie. Tempo ergibt sich aus Charakter, nicht umgekehrt; Klangfarbe entsteht aus einer gemeinsamen Dramaturgie zwischen beiden Musikern. Es ist ein Ansatz, der gut zu ihrer Erfahrung mit zeitgenössischer Musik passt, wo abrupte Übergänge und ein elastisches Zeitgefühl eher die Regel als die Ausnahme sind.

Glücklicherweise bleibt diese Sichtweise nicht auf die Theorie beschränkt. Das wird schon ab den ersten Takten von Impressions exotiques deutlich, mit denen die erste CD sofort den Ton setzt. Noch bevor sich der Hörer vollständig bewusst ist von Karg-Elerts eigensinniger musikalischer Sprache, reißt ihn diese Musik bereits in ein farbenfrohen Klangkosmos, der neugierig macht auf alles, was noch folgt. Samuel Casale besitzt einen vollen, flexiblen Ton, der mühelos zwischen lyrischer Wärme und scharfer Profilierung wechselt. Von einem Werk zum anderen verschiebt sich seine Tonfarbe beinahe unmerklich, immer vollständig im Dienste von Karg-Elerts stark unterschiedlichen musikalischen Welten. Selbst in den technisch anspruchsvollsten Passagen – die scharfen Registerwechsel aus den Caprices, die gehetzten Läufe in der Sinfonischen Kanzone – bleibt seine Gesangslinie intakt, als wäre technische Beherrschung für ihn nie ein Selbstzweck, sondern ein selbstverständliches Mittel, um die Musik frei sprechen zu lassen.

Arzhel Rouxel erweist sich inzwischen als gleichberechtigter Partner. Sein Klavierspiel besitzt eine verfeinerte Musikalität und große Sensibilität für Farbe und Balance. Obwohl er die Flöte ständig unterstützt, bleibt er weit mehr als nur ein Begleiter. Er gibt der Klavierpartie eine eigene Stimme, ohne je das sorgfältige Gleichgewicht innerhalb des Duos zu stören. Sein Spiel verleiht Struktur zu Karg-Elerts manchmal launischer musikalischer Gedankenführung und sorgt dafür, dass die vielen harmonischen Farben nie in diffuse Klangmassen zerfallen. Besonders in den stilleren Momenten zeigt das Duo, wie selbstverständlich Lyrik und Spannung hier zusammengehen können. Auch die Aufnahmequalität verdient ein Kompliment: transparent, räumlich und mit genug Detail, um die oft komplexen Texturen klar sprechen zu lassen. Dadurch bleibt diese umfangreiche Ausgabe von Anfang bis Ende fesselnd: jedes Werk offenbart eine neue Farbe, einen neuen Charakter und eine neue Seite eines Komponisten, der sich als vielseitiger erweist als sein Ruf vermuten lässt.

Das wird besonders deutlich in den vollständig aufgenommenen 30 Caprices. Während dieser Zyklus normalerweise als eine Sammlung technischer Studien betrachtet wird, behandelt Casale jedes Caprice als ein eigenständiges Charakterstück. Registerwechsel, Artikulationsprobleme und virtuose Läufe treten dabei in den Hintergrund zugunsten des musikalischen Profils. Dadurch entsteht ein überraschend abwechslungsreicher Zyklus, in dem jede Miniatur eine eigene psychologische Farbe erhält. Man hört daher nicht länger dreißig technische Studien, sondern dreißig Charakterstücke mit je einer eigenen Stimme.

Dasselbe Gleichgewicht zwischen Beherrschung und Ausdruck prägt die Sonata Appassionata. Der Komponist balanciert hier ständig an der Grenze zwischen Leidenschaft und Formbeherrschung, ein Spannungsfeld, das die Ausführenden sorgfältig bewahren, ohne in Sentimentalität oder distanzierte Beherrschung zu verfallen. Auch die programmatischen Werke, wie Impressions exotiques und Suite pointillistique, werden nirgends auf musikalische Illustrationen reduziert. Hinter den exotischen Titeln entfaltet sich eine kontinuierlich transformierende Klanglandschaft, in der Farbe mindestens so wichtig ist wie Melodie.

Bleibt die Frage, ob diese Integralaufnahme Karg-Elert endgültig rehabilitieren wird. Eine gelungene CD allein reicht nicht aus, um einem Komponisten wieder einen festen Platz auf den Konzertsälen zu sichern. Seine musikalische Sprache bleibt dafür vielleicht zu eigensinnig und zu schwer in die vertrauten historischen Schubladen einzuordnen. Aber gerade deshalb ist diese Ausgabe so wertvoll. Sie laden dazu ein, einen Komponisten erneut zu hören, der weit mehr ist als der Autor von einer Handvoll obligatorischer Examensstücke. Nicht jede Wiederentdeckung schreibt die Musikgeschichte neu, aber manche korrigieren unser Hörergedächtnis. Diese Integral gehört ohne Zweifel zu dieser letzteren Kategorie.

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