Es gibt solche Finaltage, an denen alles anders läuft als erwartet. Zuerst steckt man im Verkehr in Brüssel fest: ein schwerer Unfall und danach noch ein Brand. Parkplatz? Ja, gefunden an dieser wunderschönen Kathedrale, Inbegriff der Brabanter Gotik. Trotzdem noch rechtzeitig im Saal… Was wird es heute sein, denn einen echten Sieger mit der Ausstrahlung eines Siegers, ehrlich? Den haben wir bisher noch nicht gehört. Noch nicht, aber…
Stella Chen (USA, 13.07.1992)
Stella Chen eröffnete den Abend, wie alle Kandidaten, mit dem Pflichtstück, das für diesen Wettbewerb komponiert wurde, Fidl, von dem Finnen Kimmo Harola. Viel kann ich darüber nicht berichten, außer dass diese ohnehin schon erfahrene Violinistin keine Affinität zu diesem Werk hatte. Sie spielte auf einem Instrument Noten, manchmal nicht ganz korrekt, aber gut, wir haben Verständnis dafür, dass besonders die ersten Takte dieses Werks bei jedem etwas schwierig liegen. Man müsste viel länger daran arbeiten können als ein paar Tage.
Leider war sie meiner Meinung nach auch nicht in der dramatischen Geschichte von Tschaikowskys Violinkonzert dabei. Manchmal war sie auf der richtigen Spur, aber bald spielte sie zu laut, mit hakenden Bogeneinsätzen in den vielen schnellen virtuosen Passagen, die sie auch noch gehetzt voranbrachte. Ich fürchte, dass sie ihre Chance verpasst hat. So sei es und du weißt es, es ist eine Momentaufnahme während eines Wettbewerbs, und nicht irgendein und die Teilnehmer sind Menschen. Nervosität und so.
Foto: The Violin Channel
Timothy Chooi (Kanada 17.12.1993)
Ob der Komponist heute im Saal saß, weiß ich nicht, aber es kann nicht anders sein, als dass er irgendwo auf der Stuhlkante saß und zuhörte. Eigentlich ist Timothy Chooi der allererste Kandidat, der mehr aus Fidl herausholt. Er „fiedelt" wirklich, setzt eigene Akzente, spielt mit dem Stück, ist persönlich und inspiriert und zeigt dennoch ernsthafte Partiturntreue. Trotz kleinerer Schönheitsfehler setze ich bereits eine 1 (mit Fragezeichen) neben seinen Namen.
Das Fragezeichen darf wahrscheinlich jetzt schon weg – und ich prognostiziere also doch, obwohl ich es mir nicht versprach – denn, ach, wie er ebendas Konzert von Tschaikowski interpretierte, das kann man nur, wenn man in die Haut des Komponisten schlüpft. Ja, Gänsehaut und tiefe Ergriffenheit. Tausend Worte sind nicht ausreichend, um die weitreichende Schönheit, das große Gefühl, diese slawische Melancholie auszudrücken.
Der Dialog mit dem Orchester und dem Dirigenten war da und wie! Timothy Chooi zog den Dirigenten mit, das Orchester wurde ein Top-Ensemble. Wie es doch mit einem Fingerschnipp verändern kann! Ja, was dieser Porzellan-Junge tut, ist Violine spielen, meisterhaft! Es ist mehr, er und seine Violine sind die Verlängerung der Musik, der Partitur, von dem, was Musik eben zu dieser zusätzlichen Dimension macht, die einen Menschen heilt. Weitere Worte folgen möglicherweise nach Bekanntgabe der Preise…
Foto: © Den Sweeney