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Klangwelten im Dialog: DSO Berlin glänzt in BOZAR

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· 8 Min. Lesezeit
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Klangwelten im Dialog: DSO Berlin glänzt in BOZAR
© Deutsches Sinfonie-Orchester Berlin, Lea Hopp

Am Sonntag, den 2. November 2025, füllte das Deutsches Symphonie-Orchester Berlin die Henry Le Bœufsaal der BOZAR mit einem Programm, das sich wie eine Reise durch Zeit, Emotion und Klangfarbe anfühlte, in der zeitgenössische Rhythmen, lyrische Poesie und Kontrapunkt sich in einem ausgewogenen Dialog begegneten. Unter der Leitung von Marin Alsop entfaltete sich ein Abend, in dem Gegenwart und Vergangenheit aufeinandertrafen: das zeitgenössische Fate Now Conquers von Carlos Simon (°1986), das Erste Klavierkonzert von Frédéric Chopin (1810-1849) und die monumentale Vierte Symphonie von Johannes Brahms (1833-1897). Hayato Sumino, jung, digital bekannt aber musikalisch reif, betrat die Bühne mit einer Selbstverständlichkeit, die sowohl Virtuosität als auch poetische Empfindlichkeit ausstrahlte.

Zeitgenössische Energie, klassisches Fundament


Fate Now Conquers – Das Eröffnungswerk von Carlos Simon zog das Publikum sofort in seine Klangwelt. Die tiefen Streicher pulsrierten wie ein Herzschlag, die Holzbläser glitten flüchtig vorbei und Blechbläser sowie Schlagzeug setzten scharfe Akzente – ein sorgsam aufgebauter Spannungsbogen, der von den ersten Takten an mitreißte. Simons Titel verweist auf ein Zitat von Beethoven, und dieses Gefühl von Kampf und Hingabe klang fühlbar in jedem Takt nach. Simon transformierte klassische Rhythmen in eine moderne Klangsprache, in der Staccato-Schläge in wolkenhafte Arpeggien übergingen. Pizzicato-Streicher und subtile Cluster-Akkorde in den Holzbläsern gaben dem zeitgenössischen Klangpalette weitere Farbe. Das Werk entfaltete sich als ein fortlaufendes Wechselspiel von Schichten und Motiven, wobei zerbrechliche Linien in den tiefen Streichern widerhallten und perkussive Impulse subtile Energie hinzufügten. Alsop leitete dieses komplexe Geflecht mit Präzision und Klarheit, sodass jede Nuance hörbar blieb.

Dynamik und Textur wechselten fortwährend: flüsternde Passagen standen fellen Eruptionen von Blech und Schlagzeug gegenüber, wobei jeder Übergang eine neue emotionale Färbung brachte. Das Intellektuelle und das Physische schmolzen zusammen zu einem Erlebnis, das gleichzeitig erdige und zerebral war, mit einer Motorik, die unaufhaltsam vorantrieb. Simon beweist mit diesem Werk, dass zeitgenössische Musik streng und ausdrucksvoll zugleich sein kann. Die Aufführung des DSO Berlin unter Alsops Leitung machte das spürbar: intensiv aber beherrscht, mit einer durchgehenden Spannung, die das Publikum vollständig in einen zeitgenössischen Herzschlag voller Fantasie mitriß. Eine ideale Ouvertüre, die die Bühne auf das Lyrische und Virtuose vorbereitet, das folgen sollte.

Vom Flüstern zur Virtuosität: Chopin zum Leben erweckt


Das Orchester eröffnete das Allegro maestoso mit einer breiten, majestätischen Einleitung, in der sich die Themen wie Wellen entfalteten und die Spannung langsam durch den Saal zog. Als Hayato Sumino seine ersten Noten anschlug, schien die Zeit im Saal einen Moment stillzustehen: jedes Ohr angespannt, jedes Herz lauschend. Schnelle Läufe rollten federleicht über die Tastatur, während das Orchester wie ein atmendes Organismus reagierte – die Streicher sanft unterstützend, die Holzbläser wie Echos der Pianolinie. Das Zusammenspiel atmete, jede Phrase sorgsam verfolgend, jede Farbe subtil verstärkt. So entstand ein lebendiges Gespräch zwischen Solist und Ensemble, in dem Technik niemals Selbstzweck war, sondern ein Mittel, um Melodie und Ausdruck atmen zu lassen.

Im zweiten Satz, Romance – Larghetto, ließ Sumino die langen, singenden Linien des Klaviers ruhig fließen, wie eine sanfte Stimme, die Geschichten flüsterte, während das Orchester einen fast greifbaren Harmonie-Teppich ausbreitete. Motive glitten sanft zwischen Holzbläsern und Streichern hindurch, und selbst die Stille war geladen mit Emotion. Chopin klang hier wie eine lebendige Stimme, die das Publikum unmittelbar berührte – ein intimer Dialog zwischen Pianist, Orchester und Saal.

Das Finale, Rondo – Vivace, sprühte von rhythmischer Energie und hellem Zusammenspiel. Sumino spielte mit virtuoser Eleganz und spielerischer Leichtigkeit, das Orchester als gleichberechtigter Partner in einem fließenden musikalischen Gespräch. Schnelle Passagen glitten mühelos vorbei, während Blech und Streicher kurze Motive anreichten, die die Pianolinie ergänzten und verstärkten. Alsop hielt die Balance fehlerfrei, wodurch Solist und Orchester ein einziges atmendes Ganzes bildeten.

Hayato Sumino, 1998 in Japan geboren und als der „Pianist des Internets" bekannt, verstand es, fehlerlose klassische Technik mit frischem, persönlichem Flair zu verbinden. In dieser Aufführung schmolzen Virtuosität und Lyrik nahtlos zusammen: eine sprühende Interpretation, in der die Klänge durch den Saal zu tanzen schienen. Anfangs war ich aufgrund seines Online-Rufs etwas zurückhaltend, aber Sumino spielte wunderbar und reif: zurückhaltend, beherrscht, immer den richtigen Ton findend und vollständig im Dienste der Musik. Ohne einen Hauch von Effekthascherei – nur reine Musikalität.

Als Zugabe improvisierte er über ein Thema aus dem Konzert, das spielerisch in I Got Rhythm von George Gershwin (1898-1937) überging – ein sprühend schöner Abschluss, der seine Vielseitigkeit und natürliche Flair noch unterstrichen. Beim nächsten Konzert werde ich ohne Zweifel zurückkehren: eine faszinierende Entdeckung eines Musikers, der weit über seinen Online-Ruf hinausreicht.

Monumentale Tiefgründigkeit


Nach der Pause entfaltete sich Brahms' Vierte Symphonie als eine majestätische Geschichte voller Spannung, Introspektionen und Triumph. Im ersten Satz, Allegro non troppo, webte Brahms seine Motive zu einem kontrapunktischen Netzwerk, in dem jede Stimme eine eigene Persönlichkeit erhielt. Die Streicher trugen das Thema mit fließendem Atem, das Blechbläser schenkten Glanz und Kraft, und Holzbläser hüllten die Melodie wie schattenreiche Gegenstimmen ein – ein unvergleichlicher Dialog von Linien und Farben. Alsop leitete das Orchester mit Präzision und lyrischer Spannung, wodurch Kontrapunkt, Dramatik und Verfeinerung zu einer mitreißenden Eröffnung verschmolzen, die das Publikum sofort in Brahms' Welt zog.

Der zweite Satz, Andante moderato, atmete eine intime, nahezu kammermusikalische Atmosphäre. Motive glitten sanft zwischen Holzbläsern und Streichern; die Dynamik blieb verhältnismäßig gedämpft, die Phrasierung verfeinert. Hier klang Brahms' kontemplative Seite: jeder Ton erhielt Gewicht, jede Stille Bedeutung. Das Orchester atmete mit in einer Atmosphäre der Zärtlichkeit und Nähe, wodurch der Satz wie ein sanfter Atem durch den Saal schwebte.

Im dritten Satz, Allegro giocoso, kehrte die Leichtigkeit zurück. Die Holzbläser funkelten, die Streicher tanzten rhythmisch und elegant, und die Schlagzeuggruppe verlieh subtil Energie. Die lebhaften Figuren und spielerischen Dialoge schufen einen Moment der Erleichterung, der gleichzeitig die Spannung zur Finale aufbaute.

Die Finale, Allegro energico e passionato, eine monumentale Passacaglia mit dreißig Variationen über ein achtaktiges Thema, war ein Meisterstück von Brahms' kontrapunktischer Kunst. Unter Alsops beherrschter, aber intensiver Leitung entfalteten sich die Variationen mit je eigenem Charakter – von zurückhaltender Lyrik bis zur dramatischen Eruption. Das Finale, dunkel und beeindruckend, vereinte Tragödie und Triumph zu einer überwältigenden Klimax, die den Saal sprachlos zurückließ.

Brahms' Vierte ist ein Werk, das man von zahllosen Aufnahmen zu kennen glaubt, das man aber selten so intensiv im Konzertsaal erlebt. Es gibt viele Zugänge – von reiner Dramatik bis zur Klangschönheit – und Alsops Lesart fand ein überzeugender Ausgleich zwischen beiden. Vielleicht nicht mein „idealer" Brahms (das bleibt Furtwängler, 1943), aber doch eine durchlebte, organisch aufgebaute Interpretation voller innerer Spannung. Der langsame Satz war herrlich, nur etwas zu laut angesetzt – wie auch Alsops Gesichtsausdruck zu verraten schien – aber die Verzögerungen waren durchdacht und wirkten wunderbar. Der dritte Satz hatte ein lebhaftes Tempo; nur die Hörner durften am Ende des ersten Satzes etwas prominenter klingen, und das Finale hätte für mich noch etwas dämonischer sein können, aber das blieb ohne Frage die schönste Live-Aufführung von Brahms' Vierte, die ich bisher gehört habe.

Als Zugabe spielte Alsop einen Ungarischen Tanz von Brahms, wobei sie mit einem Lächeln anzeigte, wo das Publikum applaudieren durfte. Sie gewann mühelos die letzten Herzen derer, die sie noch nicht für sich gewonnen hatte. Das Publikum brach zurecht in Jubel aus nach diesem glänzenden Abend, den das DSO Berlin ihm beschert hatte.

Ein Abend von Herzschlag, Atem und Triumph


Marin Alsop bewies erneut ihre Vielseitigkeit: rhythmisch präzise in Simon, subtil und unterstützend in Chopin, mitreißend und lyrisch in Brahms. Ihre außergewöhnliche Musikalität und Menschlichkeit auf der Bühne waren herzerwärmend. Ihre Erfahrung als Wettbewerbsbegleiterin war hörbar und sichtbar: sie fühlte, dachte und atmete mit Sumino mit. Wie sie Sumino anschaute, jede Nuance verfolgend, zeugte von echtem musikalischen Partnerschaft. Auch in den anderen Werken hielt sie das Orchester perfekt im Gleichgewicht und das ganze Konzert strahlte Vertrauen aus. Beim Schlussapplaus lief sie sogar ins Orchester, um den Holzbläsern persönlich zu danken – eine seltene herzliche Geste, die ihr Engagement perfekt zusammenfasste.

Pianist Hayato Sumino vereinte Virtuosität mit poetischer Empfindsamkeit; sein Spiel atmete und sprach in einem kontinuierlichen Dialog mit dem Orchester. Das DSO Berlin klang homogen und energisch, mit einem klaren eigenen Charakter, der die musikalische Geschichte nicht nur verfolgte, sondern meisterlich verstärkte. Das Publikum verließ die Halle mit dem Gefühl, dass Musik an diesem Abend nicht nur klang, sondern auch atmete, sprach und Geschichten erzählte.

Störender Missklang


Abschließend eine kleine, aber nicht zu vernachlässigende Anmerkung: Der erste – und teilweise auch der zweite – Satz wurde hörbar gestört durch das schrille Geräusch eines schlecht eingestellten Hörgeräts. Ein ironischer Missklang an einem sonst tadellosen Abend. Solche Störungen sind nicht nur für die Musiker hinderlich – die leichte Erregung bei Alsop nach dem ersten Satz des Klavierkonzerts sprach Bände – sondern können auch die Konzentration der Hörer untergraben. In einer Halle auf diesem Niveau sollte dies in Zukunft vermieden oder zumindest besser überwacht werden.
Tags concert
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