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Rezensionen

Landschaften, die zu Erinnerungen werden

W
· 9 Min. Lesezeit
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Landschaften, die zu Erinnerungen werden

Es gibt CDs, die Landschaften zeigen, und es gibt CDs, die zeigen, wie sich Landschaften in einem Menschen einnisten. Isle of Sky: Landscapes of Memory for Cello and Guitar, das vierte Album des Duo Mateaux – Cellistin Giovanna Buccarella und Gitarrist Francesco Diodovich – gehört eindeutig zu dieser zweiten Kategorie. Vier zeitgenössische italienische Komponisten, vier verschiedene Arten, zwei Instrumente miteinander sprechen zu lassen, und dennoch ein bemerkenswerter roter Faden: Es geht immer um Erinnerung, um Orte, die nicht so sehr beschrieben als vielmehr wieder erlebt werden.

Wenn sich Schönheit nicht sofort offenbart

Das Album eröffnet mit Canti in Penombra von Angelo Gilardino (1941–2022), einem der großen Gitarrenkomponisten des zwanzigsten Jahrhunderts und nicht zufällig auch dem Lehrmeister von zwei der anderen drei Komponisten auf dieser CD. Es ist ein merkwürdiges Werk in seinem Oeuvre – Gilardino schrieb selten für Cello und Gitarre, und der Grund dafür erweist sich letztendlich als biografisch: Cello war das einzige Instrument, das er neben Gitarre systematisch studierte. Das erklärt sofort die Intimität, aber auch die Spannung des Stücks: Die Gitarre bleibt schattenhaft und suggestiv, während das Cello ständig nach einem Gesang sucht, der – in Gilardinos eigenen Worten – im Halbdunkel bleiben muss.

Die erste Bewegung ist dabei eine widerspenstige Bekanntschaft: Die Musik scheuert, sucht bewusst das Unbequeme auf und macht sich dem Hörer nicht sofort beliebt. Erst in den folgenden Teilen öffnet sich das Werk allmählich und der Dialog zwischen Cello und Gitarre gewinnt mehr Wärme und Überzeugungskraft. Obwohl Canti in Penombra mich als Komposition nicht vollständig zu überzeugen vermochte, wird deutlich, wie gelungen diese ungewöhnliche Instrumentalkombination sein kann: Das Cello bringt menschliche Tiefe und Atem, während die Gitarre für Schatten, Raum und Transparenz sorgt. Buccarella und Diodovich spielen dieses Spannungsfeld mit bewundernswerter Zurückhaltung – keine Sekunde wird die Versuchung, das Cello volles Rohr singen zu lassen, zu früh belohnt, wodurch die letztliche Serenität des vierten Teils umso stärker wirkt.

Rom als Klang und Erinnerung

Kevin Swierkosz-Lenart (°1988), Psychiater von Beruf und Rom-Getreuer von Gesinnung, errichtet in Chiese romane ein musikalisches Porträt der Stadt, mit der er sich tiefgehend verbunden fühlt, anhand von drei Kirchen. Während Canti in Penombra von Gilardino noch eine gewisse Zurückhaltung und Gewöhnung verlangt, nimmt Swierkosz-Lenarts Musik den Hörer fast sofort mit.

In der ersten Bewegung, gewidmet Santa Maria in Trastevere, ist es die Gitarre, die die musikalische Geschichte eröffnet und den Hörer sozusagen in den Raum hineinführt. Das Cello antwortet darauf als ein überlegter Kommentator: nicht als gegensätzliche Solistenstimme, sondern als eine Stimme, die Architektur, Geschichte und Atmosphäre mitgestaltet. Der feierliche Charakter der Musik wird hier besonders treffend getroffen; die Bewegung entfaltet sich langsam und erstirbt schließlich, als würde der Klang selbst in der Stille der Kirche aufgelöst.

Der zweite Teil, inspiriert von der griechisch-katholischen Liturgie der Sant'Athanasius, ist ohne Zweifel einer der schönsten Momente dieser CD. Das Cello bekommt hier vollen Raum für eine Melodie in byzantinischer Modus, die gleichzeitig alt und zeitlos klingt. Buccarella spielt diese lange Gesangslinie mit außergewöhnlicher Sensibilität: warm und intensiv, aber immer mit bewundernswerter Beherrschung. Die Gitarre bleibt im Hintergrund als ein zurückgezogener Partner, der subtil reagiert, Farben hinzufügt und das Cello umgibt, ohne jemals die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Gerade diese verfeinerte Balance macht diesen Teil so ergreifend.

Auch der dritte Teil, gewidmet Sant'Ivo alla Sapienza, überzeugt sofort durch die Gleichberechtigung zwischen beiden Instrumenten. Hier erhalten Cello und Gitarre jede eine eigene Stimme und entwickeln zusammen einen musikalischen Dialog, in dem keines das andere beherrscht. Die Klarheit der Struktur, die melodische Kraft und die natürliche Zusammenarbeit zwischen Buccarella und Diodovich machen Chiese romane zu einem der überzeugendsten Werke auf dieser Aufnahme. Es ist Musik, die nicht nur einen Ort beschwört, sondern auch das Erlebnis dieses Ortes: die Stille, die Geschichte und die menschliche Gegenwart, die darin verborgen liegt.

Eine Landschaft ohne Zuschauer

Das Titelwerk, Isle of Skye, bildet das Herz dieser CD und ist gleichzeitig der bildlichste Teil davon. Oscar Bellomo (°1980) komponiert Landschaftsmusik, ohne jemals zu wörtlicher Nachahmung zu greifen – keine Imitation von Dudelsäcken oder Wellen, sondern das, was der Komponist selbst, in Anlehnung an Angelo Gilardino, "Beobachtung ohne Beobachter" nennt. Es geht ihm nicht um die Darstellung eines Ortes, sondern um die Evokation der Erfahrung einer Landschaft: die Stille, die Bewegung und die Erinnerung, die darin verborgen liegen.

Das wird sofort im Prologue deutlich. Bellomo eröffnet nicht mit einer ausgesprochenen melodischen Geste, sondern mit einer vorsichtigen, beinahe mysteriösen Bewegung, in der sich Cello und Gitarre ertasten. Es scheint etwas auf den Hörer zu warten, als würde die Reise zur Insel noch beginnen müssen. Die beiden Instrumente ergänzen sich hier besonders schön: Die Gitarre legt die erste Klanglandschaft an, während das Cello darauf mit einer Stimme antwortet, die manchmal scheuert und dadurch gerade Spannung hinzufügt. Diese leichte Widerspenstigkeit passt zum Bild einer Landschaft, die sich nicht sofort preisgeben wird.

Von den folgenden Teilen bleiben besonders Lighthouse und Fairy Pools im Gedächtnis. Im Lighthouse zeichnet die Gitarre einen feinen Teppich von Arpeggios, über dem das Cello kurze Lichtsignale aufleuchten lässt wie der sich drehende Lichtstrahl eines Leuchtturms. Die Kraft dieses Teils liegt in der natürlichen Wechselwirkung zwischen beiden Instrumenten: kein Solist gegenüber Begleiter, sondern zwei Stimmen, die sich ständig ergänzen und verstärken.

Im Fairy Pools zeigt Bellomo dann wieder eine leichtere und verspieltere Seite seiner musikalischen Vorstellungskraft. Ein funkelnder, fast theatralischer Tanz entfaltet sich, den Buccarella und Diodovich mit hörbarem Vergnügen spielen. Rhythmische Impulse, subtile Farbwechsel und ein ständiger Dialog zwischen Cello und Gitarre geben dem Teil eine unwiderstehliche Beweglichkeit. Auch die Aufnahmequalität kommt hier optimal zur Geltung: Der klare, natürliche Klang ohne übertriebenen Nachhall lässt jede Nuance und jede Verschiebung zwischen beiden Instrumenten perfekt sprechen.

Portree Harbour konnte mich dagegen weniger überzeugen. Der Teil bleibt vor allem eine Stimmungsskizze und entbehrt für mich der inneren Entwicklung, die die stärkeren Momente der Suite so fesselnd macht. Neist Point stellt dann das Gleichgewicht wieder her und bildet einen überzeugenden Abschluss: Bellomo lässt die Landschaft hier nicht erstarren, sondern gerade lebendig werden. Die Musik bewegt sich freier und leichter, wodurch die Insel nicht nur als Erinnerung, sondern auch als ein lebendiges, fast greifbares Erlebnis erscheint.

Isle of Skye hinterlässt deshalb ein doppeltes Gefühl. Die Suite enthält Momente großer Schönheit und zeigt überzeugend, wie reich die Kombination von Cello und Gitarre sein kann, aber nicht jede Stimmungsskizze besitzt dieselbe Aussagekraft. Gerade in den stärksten Teilen beweist Bellomo sein besonderes Talent: Er malt keine Landschaft, sondern lässt sie sich bewegen und atmen.

Syracuse, zwischen Erinnerung und Hoffnung

Stefano Vivaldini (°1997) schließt mit der Suite Siracusana ab, einer Reihe von Miniaturen, in denen Syrakus nicht als Touristenziel dargestellt wird, sondern als eine Landschaft, in der Geschichte, Mythos und persönliche Erinnerung zusammenfließen. Von den ersten Klängen der Introduction an entfaltet sich ein musikalischer Spaziergang durch eine Stadt, in der verschiedene Zeiten nebeneinander existieren.

Die energetische Bewegung der Danza Iblea, der ausgeprägter Charakter von Vuci di Sciarriata und die stille Atmosphäre von Ortigia zeigen jeweils ein anderes Gesicht von Syrakus: nicht als ein buchstäblich wiedergegebener Ort, sondern als eine Erinnerung, die durch Klang neu zum Leben erweckt wird. Besonders ergreifend ist Un Duomo nel tempo, in dem Vivaldini die historische Schichtung von Syrakus spürbar macht. Die Musik scheint weniger ein Gebäude zu beschreiben als die Spuren von Jahrhunderten, die darin enthalten sind. Stein wird hier zum Klang, Architektur wird zur Erinnerung.

Die Suite Siracusana zeigt darüber hinaus, wie reich die Kombination von Cello und Gitarre sein kann. Beide Instrumente erhalten eine gleichberechtigte Stimme: das Cello bringt Wärme, Atem und lyrische Tiefe, während die Gitarre mit ihren transparenten Farben und rhythmischer Raffinesse für Leichtigkeit und Perspektive sorgt. Buccarella und Diodovich finden dabei genau das richtige Gleichgewicht zwischen individueller Aussagekraft und Zusammenspiel.

Der Schlussteil, Il mare ha il colore della mia speranza, bildet letztendlich einen strahlenden Endpunkt dieser CD. Mit einer intelligenten Anspielung auf Homers „weinrotes Meer" öffnet Vivaldini nach dem Schatten von Gilardino und der sakralen Stille von Swierkosz-Lenart eine Welt des Lichts und der Hoffnung.

Wenn Erinnerung Klang wird

Was diese CD letztendlich antreibt, ist weniger Virtuosität – obwohl das Duo Mateaux diese sicherlich nicht entbehrt – als vielmehr eine gemeinsame musikalische Ethik: aufeinander hören, Raum geben und nie mit Gewalt überzeugen. Giovanna Buccarella und Francesco Diodovich spielen, als würden sie genau verstehen, dass diese vier Komponisten nicht nach äußerem Glanz fragen, sondern nach Aufmerksamkeit, Nuance und einem feinen Gespür für Klangfarbe.

Gerade darin liegt die Stärke dieser ungewöhnlichen Kombination von Cello und Gitarre. Was auf dem Papier wie eine fragile Besetzung wirkt, eröffnet sich in der Praxis als besonders reichhaltige Klanglandschaft: die warme, menschliche Resonanz des Cellos und die transparente Raffinesse der Gitarre ergänzen sich ständig gegenseitig. Die zeitgenössische Sprache dieser vier Komponisten erfordert manchmal Zeit und Geduld – besonders Canti in Penombra von Gilardino gibt sich nicht sofort geschlagen – aber wer diese erste Hürde überwindet, entdeckt eine überraschend zugängliche und farbenfrohe Welt.

Nicht alle Werke erfreuten mich gleichermaßen, aber besonders die Musik von Kevin Swierkosz-Lenart und Stefano Vivaldini bereitete mir viel Hörerfreude und machte mich neugierig auf mehr aus ihrem Œuvre. Isle of Sky ist daher keine CD, die man beiläufig auflegt, sondern ein Album, für das man sich Zeit nimmt und in das man langsam eindringt. Wenn die letzte Note verklungen ist, bleibt letztendlich nicht eine Melodie im Gedächtnis, sondern eine Stimmung: der Eindruck, irgendwo gewesen zu sein, ohne je wirklich gereist zu haben. Genau darin liegt die größte Stärke dieser Ausgabe: Sie macht aus Landschaften Erinnerungen und aus Erinnerungen Musik.

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