Bergen im Rampenlicht
Die Programmierung von Arsonic geht von der Idee aus, Musik zu zeigen, auf die man außerhalb des Festivals nicht so schnell treffen würde, ein wenig so, als würde Arsonic selbst die Utopie sein. Das erste Kammermusikwerk La Machine à remonter Mons kehrt an einen Ort zurück, der es nicht mehr gibt. Der Bergener Fotograf Pierre Liebaert sammelte hundert Jahre alte Ansichtskarten der Stadt und machte ein zeitgenössisches Remake davon. Alte und neue Bilder treffen sich in einer ergreifenden Videomontage und werden mit einem meditativen Soundtrack versehen, der von Musikern des Ensemble Musiques Nouvelles live gestaltet und aufgeführt wird. Inmitten all dieser visuellen und auditiven Gewalt leuchtet die Stadt Bergen als eigentlicher Solist... (02.10, 19 Uhr und 21 Uhr). La Terre nous est étroite ist ein Projekt, das Klarinettist Philippe Saucez auf der Grundlage von Geschichten von Flüchtlingsstudenten auflegte, denen er an der UMONS begegnete. Jean-Marie Rens vertonnte ihr grausames und andauerndes Exil in ein originelles Werk, das er auf der Grundlage von Texten des palästinensischen Dichters Mahmoud Darwich komponierte, gesungen von Juicy und Soumaya Hallak. Hierin vereinigen sich zeitgenössische europäische Musik, traditionelle Musik aus dem Nahen Osten, Jazz/Soul und Hiphop (04.10, 20 Uhr). Utopisch ist auch der Flamencovortrag Poeta von Esteban Murillo, Dani Barba Moreno und Federico Ordoñez, allesamt meisterhafte Interpreten dieses Genres „dessen Ursprünge in dem Gedächtnis der Zeit vergraben liegen," so Jean-Paul Dessy. „Erwartet einen Abend, der dich die Beziehung zwischen Körper und Welt neu überdenken lässt." (07.10, 20 Uhr). Und es stehen noch mehr musikalische Zeitreisen auf dem Programm! So gibt es das Projekt Miroirs vénitiens des Clematis-Ensembles, in dem die Barockmusik von Monteverdi und seinen Zeitgenossen mit neuer Musik belgischer Komponisten wie Benoît Mernier, Michel Fourgon und Pierre Bartholomée verschmilzt. „Es ist eine großartige Möglichkeit, die Kluft zwischen alter und zeitgenössischer Musik zu schließen und beide Musikformen miteinander in Dialog zu bringen. Ich glaube, dass Musik am stärksten ist, wenn sie verschiedene Formen widerspiegelt," bemerkt der Programmierer (08.10, 20 Uhr). In dieser Richtung unternimmt der flämische Geiger Wibert Aerts in seinem Konzert Back to Bach eine Zeitreise mit 4 monumentalen Solowerken für Geige von Johann Sebastian Bach (dem Begründer des Genres), Béla Bartók, Luciano Berio und John Cage (03.10, 12:15 Uhr).Internationale Stars in Charleroi
Auch das Eröffnungskonzert (30.09, 20 Uhr, PBA Charleroi) spiegelt das Festivalthema wider: Family Tree ist das Lieblingskind der Jazzband des französischen Trompetisten David Enhco und des Quatuor Voce. Hier treffen klassische Streicher auf Trompete, Klavier, Kontrabass und Schlagzeug und erforschen Jazz- und Popstandards. Darüber hinaus bringen sie eine originelle Interpretation von Poulenc und Monteverdi und nutzen die Gelegenheit, auch neue Musik vorzustellen. Der Name Family Tree bezieht sich auf die Tatsache, dass dies eine echte Familienangelegenheit ist; Thomas Enhco sitzt nämlich am Klavier und das Programm ist eine Hommage an Schwiegervater Didier Lockwood, den berühmten französischen Violinisten, der einer der Ersten war, der nach Überschneidungen zwischen Jazz und klassischer Musik suchte. In Charleroi findet außerdem die Familienvorstellung Madame Vitesse statt, eine musikalische Performance unter der Regie von Helene Bracke, in der Joëlle Charlier die Figur Vivi Vitesse spielt. Vitesse folgt den Fußstapfen von Clärenore Stinnes, der deutschen Abenteurerin aus den 1920er Jahren, die als erste Frau mit dem Auto die Welt umrundete (01.10, 16 Uhr). Abschließend stehen nicht weniger als drei Auftritte der Schweizer Pianistin Beatrice Berrut auf dem Programm, die sich in diesem Jahr Festivalkünstlerin der Les Festivals de Wallonie 2023 nennen darf. Sie tritt beim Lunchkonzert Untold Tales auf. In dieser Solo-Performance ruft sie (mehr oder weniger) bekannte Geschichten in Erinnerung und spielt Stücke von Liszt und Tschaikowski, die sie für Klavier transkribierte oder arrangierte, sowie drei ihrer eigenen Kompositionen (03.10, 12:30 Uhr, PBA Charleroi). Sie tritt außerdem auch in Mozart et Salieri : liaison dangereuse ? auf (04.10, 20 Uhr, PBA Charleroi ; 05.10, 20 Uhr, Arsonic Bergen), einem Konzert mit Werken der zwei berühmten ‚Waffenbrüder' der klassischen Musik. Das Programm wird ergänzt durch Stücke von Joseph Haydn, die Berrut zusammen mit dem Orchestre Royal de Chambre de Wallonie unter der Leitung von Vahan Mardirossian aufführen wird. Auch nicht zu übersehen ist das Susato Trio, gegründet 2022 von der Violinistin Sarah Bayens (Belgien), Cellist Mikko Pablo (Philippinen-USA) und Pianist Markiyan Popil (Ukraine). 2022 gewann das Trio den 1. Preis im Génération classique-Wettbewerb und jetzt freut man sich auf ihre Interpretation von Elegie Op.23 von Josef Suk und dem Pianotrio No 2 von Ljatosjynsky (10.10, 12:30 Uhr, PBA Charleroi). Das Festival Musical du Hainaut endet in Schönheit mit dem Abschlusskonzert des Orchestre Philharmonique Royal de Liège unter der Leitung von Lionel Bringuier und dem deutschen Cellist Alban Gerhardt. Zusammen führen sie das berühmte Concerto No.1 von Schostakowitsch auf, ebenso wie ein neues Werk des französischen Komponisten Éric Montalbetti. Abschließend spielen sie Rimski-Korsakovs wunderbare Shéhérazade (13.10, 20 Uhr, PBA Charleroi).Daten: vom 30. September bis 13. Oktober Spielstätten: Arsonic, Bergen / Palais des Beaux-Arts, Charleroi Weitere Informationen: lesfestivalsdewallonie.be/festivals/festival-musical-du-hainaut