Les Violons des Lumières
Guignon: Violinsonate in c, op. 1 Nr. 9
Mondonville: Violinsonate in a, op. 1 Nr. 6
Aubert: Violinsonate in D, Buch V Nr. 6
Quentin: Violinsonate in d, Buch III Nr. 10
Dauvergne: Violinsonate in c, op. 2 Nr. 6
Branche: Violinsonate in b, Buch I Nr. 12
Les Plaisirs du Parnasse: David Plantier (Violine), Annabelle Luis (Cello), Violaine Cochard (Cembalo), Ludovic Coutineau (Kontrabass)
Ricercar RIC 461 • 72' •
Aufnahme: Juli 2023, Aux Modillons, Vindelle (F)
Die Italiener waren bezüglich des Violinrepertoires bis etwa 1725 den Franzosen weit voraus. In Venedig war es Biagio Marini, der um 1620 auf diesem Gebiet große Erfolge erzielte, etwa sechzig Jahre später gefolgt von Arcangelo Correlli in Rom, um 1710 Antonio Vivaldi (erneut) in Venedig und 1740 Giuseppe Tartini in Padua. Es war dieser faszinierende, charakteristische italienisch-virtuose Stil, der in Frankreich noch keinen festen Boden gefunden hatte.
Das begann erst zögernd um 1725, mit in einer Vorreiterrolle der von musikalischen Ideen sprühende Jean-Marie Leclair (1697-1784), der dies klar vor Augen hatte: die Symbiose zwischen dem italienischen virtuosen Stil und französischer Eleganz. Er war auch dieser Bohemien, der zu dieser Zeit zusammen mit Anne Danican Philidor in Paris Furore machte mit einer neuen Konzertvereinigung: das Concert Spirituel. Aber Leclair war noch viel mehr als das: ein Anführer, der Überzeugungskraft ausstrahlte und auf diese Weise manche talentierte Geiger an sich band und der es letztendlich schaffen würde, die Lichtstadt um 1730 sogar zum Mittelpunkt der europäischen Violistenschule zu machen. Es „regnete" geradezu von neuen Violinsonaten, so sehr sogar, dass bald darauf Stimmen laut wurden, die der Meinung waren, dass das Genre mittlerweile erschöpft sei.
Aber wie so oft: Was damals immense Popularität genoss, würde die Zeit rigoros damit abrechnen. Die vielen bekannten, ja sogar berühmten Namen von einst haben heute ihre Bedeutung weitgehend verloren, praktisch niemand kennt sie noch, ein etwas tiefer grabender Musikwissenschaftler ausgenommen. Nur der von Jean-Marie Leclair taucht immer wieder auf, auf Konzertpodien und in der Diskographie.
Mit diesem Album, Les Violons des Lumières, oder Die Violinen der Aufklärung, hat das Ensemble Les Plaisirs du Parnasse einen mutigen und gelungenen Versuch unternommen, hierin zumindest etwas zu ändern, und zugleich als Hommage an eine Reihe jener vergessenen Figuren, die für die École Française de Violon so wichtig waren, in der Reihenfolge ihres Auftretens: Jean-Pierre Guignon (1702-1774), Jean-Joseph Cassanea de Mondonville (1711-1772), Jacques Aubert (1689-1753), Jean-Baptiste Quentin (1690-1742), Antoine Dauvergne (1713-1797) und Charles-Antoine Branche (1722-1779).
Dass in dieser illustren Gesellschaft die Musik des bereits genannten Jean-Marie Leclair, des Begründers der französischen Violistenschule, fehlt, lässt sich dadurch erklären, dass seine Musik diskographisch durchaus gut vertreten ist, wodurch in diesem Fall mehr Platz für jene in unserer heutigen Zeit weitgehend unbekannt gebliebenen Komponisten entsteht.
Leclair war als ausgezeichneter Komponist und Geiger bekannt (mit in Italien Nicolò Paganini als sein mehr als würdiger Nachfolger, nach Leclairs Tod 1784). Der einzige bedeutende Konkurrent war Guignon (Ghignone auf Italienisch) aus Turin, der bei Giovanni Battista Somis studiert hatte, auch der Lehrer von Leclair. Die Position des Konzertmeisters bei der Académie royale de Musique musste Leclair sich mit Guignon teilen, dieser „Fliege an der Wand", nach der Überlieferung für beide keine besonders angenehme Situation. Was dabei ebenfalls eine Rolle spielte, war dass sie erbittert um jenen heftig begehrten Ehrentitel stritten: Roy des violons.
Guignon hatte sich 1728 einen Namen gemacht, als er als erster nicht-französischer Virtuose seine Solistenrolle in diesem Concert Spirituel erfüllte und dort auch Vivaldis Vier Jahreszeiten beim Pariser Publikum einführte. Bald meldeten sich eine Reihe von Notabeln der Stadt als Guignons Mäzene. Dank ihres ausgedehnten Netzwerks (das bis zum König Ludwig XV. reichte) konnte Guignon 1741 die französische Staatsbürgerschaft gewährt werden.
Viele Erfolge erntete Guignon auch zusammen mit dem aus Narbonne stammenden Mondonville: ihre Tourneen brachten viel Publikum zusammen und viel Geld in die Kasse. Sie zeigten ihre Geigenkunst als Duett und als Solist, wobei natürlich eigene Kompositionen im Vordergrund standen. In der Mercure de France vom April 1745 war nach einem ihrer vielen Auftritte unter anderem zu lesen: ‚On ne peut pas décrire combien ces deux sçavans simphonistes ont fait briller de grâces et de feu dans les différents morceaux qu'ils ont exécutés.'
Die Beziehung zu Mondonville kühlte später jedoch erheblich ab, nachdem Guignon die exklusive Position des Geigenlehrers des Kronprinzen – zwar auf dessen ausdrückliche Bitte hin – von Mondonville übernommen hatte.
Jacques Aubert hatte ebenfalls einen Namen zu verteidigen, und das tat er mit Elan. Er stammte aus einer äußerst musikalischen Familie und hat sich als Komponist seine Sporen verdient. Zwischen 1725 und 1740 schrieb er eine große Anzahl von Sonaten, Konzerten und Suiten (Arien und Tänzen), mit denen er sich ausgezeichnet behauptete und eine schier unerschöpfliche Einnahmequelle schuf. In der Instrumentalmusik bewandert, wagte er sich auch noch an eine Oper: La reine de Péris, aber das endete öffentlich mit einem Misserfolg. Es sollte sein einziges Werk auf diesem Gebiet bleiben.
Aubert erlernte das Violinspiel vor allem von Jean-Baptiste Senaillé, dem Vorläufer der Französischen Violinschule. Talent verleugnet sich auch in diesem Fall nicht, obwohl es noch ziemlich lange dauerte, bis Aubert als 38-Jähriger 1727 als Violinist zur Musique de la Chambre du Roi zugelassen wurde. Um ein Jahr später zum ersten Violinisten der Académie royale de Musique ernannt zu werden. Woraufhin das Interesse an seinen musikalischen Leistungen nicht lange darauf auch noch weiter reichte, zum Concert Spirituel, aber nun in der Rolle des Komponisten.
Aubert kommt zudem die Ehre zu, dass er, kurz vor Leclair, der erste französische Komponist war, der seine Violinwerke drucken ließ. Er komponierte fünf Bücher ausschließlich mit Sonaten, mit denen er, beginnend in Paris, großen Ruhm erlangte. Wie berechtigt das war, zeigt sich allein schon in der auf diesem Album aufgenommenen sechsten Violinsonate aus Buch V (1739).
Auch Jean-Baptiste Quentin war ziemlich aktiv als Komponist. Von seinem irdischen Dasein wissen wir wenig, aber von seinem Werk umso mehr, darunter die Violinsonaten (18 Opusnummern), die er, verteilt auf vier Bücher, zwischen 1724 und 1750 komponierte, neben noch viel anderer Kammermusik. Mit gewisser Zurückhaltung (ich kenne nur einen kleinen Teil seines Werkes) erweist er sich in der zehnten Violinsonate aus Buch III (1728) als weniger originell als die übrigen auf diesem Album zusammengetragenen Tonschöpfer. Die vier Teile sind nicht ausgesprochen virtuos, aber charmant und von hoher technischer Qualität. Stilistisch stehen sie Senaillé und Leclair nahe, gefasst im italienischen Stil mit einem Übermaß an Sechzehntelnoten, Arpeggios und Bariolen.
Vom Leben von Charles-Antoine Branche wissen wir noch weniger. Er ist in dieser Anthologie der Jüngste des Ensembles und wie Aubert aus einer musikalischen Familie stammend. Auf der Titelseite seines Sonatenbuchs (1748) hat er sich den Titel des ersten Violinisten bei der Académie française angeeignet, was zweifellos der Wahrheit entsprochen haben wird. Was wir auch wissen, ist, dass er der Anführer eines aus etwa zwölf Musikern bestehenden Ensembles war, das von der Académie unterhalten wurde. Nur seine Violinsonaten haben die Zeit überdauert, und zum Glück, denn eine ihrer auffälligsten Verdienste ist deren Originalität. Branche gehörte auch zu der bescheidenen Schar von Komponisten, die ein Auge und Ohr für die neuesten stilistischen Entwicklungen hatten und dankbar davon Gebrauch machten.
Les Plaisiers du Parnasse (das Ensemble spielt auf historischen Instrumenten und was den Anteil des Cembalos und des Kontrabasses betrifft auf Replikationen davon) hat mit dieser Ausgabe manche fesselnde und reizende Markierung gesetzt. Wie das auch für eine frühere Ausgabe mit den sechs Sonaten von Johann Paul von Westhoff (1656-1705), hier besprochen, galt.
Das Ensemble hat diesmal auf dem Spielfeld des Französischen Barocks für vorzügliche Aufführungen gesorgt, die hoffentlich das Interesse an diesen längst und breit vergessenen Komponisten wieder beleben können. Sie sind es wert!