Zum Inhalt springen
Automatisch übersetzt · Original
Rezensionen

Lieder und Liedzyklen – ohne Schubert hätten Zeitgenossen und Nachfolger sie nie geschrieben

L
· 6 Min. Lesezeit
Diesen Artikel teilen
Lieder und Liedzyklen – ohne Schubert hätten Zeitgenossen und Nachfolger sie nie geschrieben
© Schubertiade Hohenems

Zwei Meister des Gesangslieds: Tenor Ilker Arcayürek und sein Begleiter Ammiel Bushakevitz

Wer hat nicht schon eine Träne bei der Lektüre und dem Hören von „Die schöne Müllerin", dem Liederzyklus, der jedes Herz bei der Musik von Franz Schubert und den Texten des Dichters Wilhelm Müller nicht unberührt lässt (what's in a name?), weggewischt.

Unerwiderte Liebe, das war Schuberts Leidensweg. Sein großes Herz trug eine offene Wunde. Diese Wunde hallt in fast allen seinen Werken nach: die unerfüllte Liebe, die Sehnsucht nach einer Umarmung, einem Kuss, einem Blick in die Augen und ach, so vieles mehr. Müller muss es auch erlebt haben, denn wie kann man ein so packendes, emotional reiches Gedichtbuch schreiben, ohne Liebeskummer erlebt zu haben? Müller und Schubert haben auf übermenschliche Weise die Liebe zum Schönsten und gleichzeitig zum Traurigsten erhoben. Wer besser als der von Natur aus etwas melancholische Tenor Ilker Arcayürek kann diese Lieder in all ihrer ergreifenden Feinheiten vortragen? Er erreicht eine andere Dimension, es ist nicht mehr einfach nur wunderbar vorgetragen, er weint wirklich.

Ist es wegen seiner schwierigen Jugendjahre und der schweren Arbeit, die ihm zuteil wurde? Oder ist es, wie er selbst mir sagte: „Wir Türken sind melancholisch, schau dir nur unsere TV-Serien an". Ja, Ilker hat türkische Wurzeln, aber außer seinen schwarzen Haaren und seinem Namen ist nichts davon zu merken. Er spricht wunderbar Deutsch, hat einen sehr reichen und abwechslungsreichen Wortschatz – es ist wirklich wohltuend, mit ihm zu sprechen – und er hat sich enormes Wissen angeeignet und vermittelt dieses sehr überlegt. Später werden wir ein Interview mit ihm veröffentlichen. Noch etwas Geduld bitte.

Ja, diese so schöne Müllerin, warum hatte sie kein Auge für den so verliebten jungen Kerl und richtete ihre Aufmerksamkeit auf den anderen? Sie hörte nicht hin, selbst nicht auf das Bächlein, das es ihr immer wieder mit dem Rauschen des Wassers zu sagen versuchte, das die Tränen des verliebten jungen Kerl mit sich führte, bis zum Fluss, und der junge Müller und sie werden es nie wissen. Es ist dramatisch, schmerzhaft, aber so tiefgründig in Musik gesetzt, dass der Schmerz, das Leiden lindert und akzeptiert wird. Es geht alles viel tiefer, als man vermuten kann, jedes Mal rührt es mich jedenfalls immer tiefer. Wie reif war doch dieser geniale Schubert? War er wirklich erst 31? Es ist doch unendlich beeindruckend an sich.

Beeindruckend, wie die Texte und die Musik, war auch diese Aufführung. Arcayürek interpretiert nicht, was sollte er, er hat es so oft gesungen. Er erlebt es in all seinen Fasern und drückt es in seinen Gesang, in seiner Mimik, in seinen Gesten, in seiner ganzen Haltung aus. Was für ein edler Künstler ist er und ihm folgt, als wäre es ein Zwillingsbruder, der Pianist Bushakevitz. Ja, ich muss Tränen wegwischen und ich bin nicht allein, auf der Bühne muss ein Sänger am Ende schlucken. Die Dame neben mir flüstert mir zu: „Er bricht manchmal während der Aufführung zusammen, weil es ihn so tief trifft. Was für ein einzigartiger Mensch doch". Das Goldene Label, das er 2018 für seine erste CD (auch Schubert) bekommen durfte, würde ich sofort wieder geben, ohne zu überlegen, am liebsten sofort noch während des Konzerts. Oh ja, ich bin sehr gerührt, zusammen mit einigen hundert Zuhörern, die erst einmal mit dem Applaus warten. Die Stille muss erst einmal zur Ruhe kommen, die Musik und die Texte müssen zur Ruhe kommen, atmen, tief und langsam… Dann bricht es aus: Bravos und Fußgestampfe auf dem Holzboden der Markus-Sittikus-Saal, einer der besten Säle für Kammermusik, die ich kenne, vielleicht sogar weltweit.

Winterreise…


Ich wandele durch das Städtchen entlang des Flüsschens. Die Bäume und die Vegetation am Ufer erinnern mich an den Müllerin-Zyklus und an Die Forelle. In Schuberts Zeit standen dort noch nicht diese hässlichen quadratischen, seelenlosen, dummen Blöcke, es gab nichts Hässliches „Funktionales", nur Schönes, Einfaches oder Reichtum ausstrahlend, aber immer schön, harmonisch, sanfte Farben, nie aufdringlich. Und viel, sehr viel Natur, singende Vögel ununterbrochen. Was muss das doch unendlich inspirierend gewesen sein. Es regt zum Wandeln an, zum Wahrnehmen, zum Zuhören der Natur, tief Atmen, Sorgen vergessen und überwinden. Schönheit in reinster Form. Ja, dann kommt so ein künstlerisches Talent wie der geniale Schubert nach dem Spaziergang nach Hause mit einer Menge Musik im Kopf. Es war sogar so viel, dass er nicht alles aufschreiben konnte. Winterreise ist glücklicherweise aufs Papier übertragen worden. Es ist ein anderer Schubert, der hier komponiert. Schwarzgalliger. Er wusste es so gut, dass das Ende schon kam und dass es viel zu früh war, dass er sein Werk nicht fertigstellen konnte, er hatte noch so ungeheuer viel zu komponieren, er schrieb wie besessen ein Blatt nach dem anderen voll, um dieser verhassten Tür nur ja vorzubeikommen. Und dann sind da diese Gedichte, die Winterreise…

Andrè Schuen, ein kraftvoller Bariton aus Südtirol, und der engagierte Pianist Daniel Heide interpretieren die Sammlung von Gedichten, die auch diesmal von Wilhelm Müller stammen und vertont wurden. Was für eine Stimme! Welch warme, tiefe Färbung, welche Tragfähigkeit. Und ich habe den Eindruck, dass die Stimme noch weiter reift, obwohl der Sänger 42 Jahre alt ist, ein Jahr älter als der Tenor, den wir am Nachmittag hörten. Schuberts Entourage hatte es schwerer mit diesen Liedern, die er sehr kurz vor seinem Tod noch selbst sang. Eigentlich genossen sie nur „Der Lindenbaum". Schuberts Worte wurden wahr: später würde alles viel mehr geschätzt werden. Dennoch kann ich seine Freunde verstehen. Sie konnten es nämlich nicht akzeptieren, wer könnte es schon?, dass dieser junge, so talentierte, freundliche Kerl, mit dem sie so viel Freude und musikalische Glanzleistungen erlebten, so dicht vor dem Tode stand? Sie wussten es eigentlich, aber ja…

Schuen singt mitreißend, das Klavier ist so kalt wie die Eiseskälte, die in den Noten erklingt, oder es lässt die gefrorenen Tränen tauen, während der Sänger seine traurige Geschichte erzählt. Hätte die „Post" doch nur den so sehnlich erwarteten Brief mit guter Nachricht gebracht. Leider, dreifach leider… Die letzte Hoffnung fällt mit den Blättern von den Bäumen… Es ist das letzte Gedicht / Lied aus dem Zyklus. Schubert schloss die Augen… Eine Stille ergreift das Publikum, niemand traut sich, den Applaus zu starten. So tief sind alle beeindruckt. Bis eine Person vorsichtig in die Hände klatscht und dann bricht es los. Genauso wie Ilker und Ammiel müssen Andrè und Daniel mehrmals zurück das Publikum grüßen, um die Bravo-Rufe, das Stampfen auf dem Holzboden und einen sehr dankbaren Applaus zu erhalten.

Meine zwei Tage Schubertiade in Hohenems sind vorbei. Ich fürchte eine Leidenszeit mit der Deutschen Bahn in Richtung Heimat. Die Furcht wird bestätigt. Ach, ich habe ein paar Extra-Nachtstunden, um über all die Schönheit nachzusinnen, die ich genießen und aufnehmen durfte, und wie ich sie in Worte für Sie fassen würde, Leserinnen und Leser unseres gemeinsamen Klassiek Centraal. Vielen Dank!

Diesen Artikel teilen

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste, der kommentiert.

Kommentar hinterlassen

Kommentare werden vor der Veröffentlichung geprüft.

DE