Ab September 2025 erhält das Orchestre Philharmonique Royal de Liège (OPRL) ein neues Gesicht an der Spitze: der 38-jährige französische Dirigent Lionel Bringuier. Er folgt Gergely Madaras nach und wird der zehnte Musikdirektor in der Geschichte des Orchesters. Bringuier stand 2021 zum ersten Mal vor dem OPRL und fühlte sich nach eigenen Aussagen sofort „zu Hause" im warmen, transparenten Klang des Ensembles. Seine offizielle Eröffnungssaison 2025-2026, treffend betitelt Lionel Bringuier : la passion en commun, verspricht viel Neuerung.
Eine glänzende Erfolgsbilanz
Bringuier stand mit neunzehn Jahren bereits auf der höchsten Bühne, als er den Internationalen Dirigentenwettbewerb von Besançon gewann. Drei Jahre später war er Assistent von Esa-Pekka Salonen (1958) und Gustavo Dudamel (1981) beim Los Angeles Philharmonic. Seitdem arbeitete er mit der Elite der internationalen klassischen Welt – eine Erfahrung, die er nun nutzen möchte, um das OPRL „unter die besten Orchester des Augenblicks" zu stellen.
Programmation mit französischen und russischen Farben
Die Eröffnungssaison setzt gleich die gemeinsamen Kernelementslinien in Szene. Französische Meister erhalten umfangreiche Aufmerksamkeit, mit u.a. Boléro (1928) und La valse (1920) von Maurice Ravel (1875-1937), der Dritten Symphonie (1930) von Albert Roussel (1869-1937) und Partituren von Paul Dukas (1865-1935), Francis Poulenc (1899-1963) und Camille Saint-Saëns (1835-1921). Die russische Verbindung nimmt Gestalt an durch die Symphonie Nr. 4 (1878) von Pjotr Iljitsj Tsjaikovski (1840-1893), Petrushka (1911) von Igor Stravinski (1882-1971) und Romeo und Julia (1935-36) von Sergej Prokofjev (1891-1953).
Auch Romantik und zeitgenössische Musik fehlen nicht, mit Ludwig van Beethoven (1770-1827), Esa-Pekka Salonen (1958) und Manfred Trojahn (1949). Bringuier lädt befreundete Solisten ein: Hélène Grimaud, Renaud und Gautier Capuçon, Gaëlle Arquez und Jean-Yves Thibaudet sind zugegen. Auslandstourneen führen das Orchester zum Festival de Pâques in Aix-en-Provence, zur Philharmonie in Köln und zum Concertgebouw in Amsterdam.
„Nouveaux classiques" – Neue Klänge in Lüttich
Eine auffällige Neuerung ist die Serie „Nouveaux classiques": Die Salle Philharmonique wird Bühne für die zeitgenössische Strömung Modern Classical. Darin prangt Max Richter (1966) neben dem belgischen Echo Collective und dem Elori Saxl Quartet. Daneben bleiben zwei belgische und zwei ausländische Gastorchester den Horizont erweitern, während die gesamte Saisonstruktur in deutlicher abgegrenzte Reihen gegossen wird.
Starke Bindungen zur Gemeinschaft
Das OPRL unterstreicht seine gesellschaftliche Rolle mit zwei partizipativen Projekten: eine neue Wallonische Oper von Patrick Leterme und ein großangelegtes Geburtstagsproject mit 160 Schülern der Fédération Wallonie-Bruxelles anlässlich von 85 Jahren Jeunesses Musicales. Bemerkenswert: Etwa 36 % aller Aktivitäten sind pädagogisch und schulisch.
Die Musiker im Mittelpunkt
Ein neuer Haussti, in dem die Musiker selbst die visuelle Hauptrolle spielen, soll dem Publikum helfen, durch nicht weniger als 229 Veranstaltungen zu navigieren – darunter 120 öffentliche Konzerte. Das OPRL selbst veranstaltet 87 Konzerte: 61 in Lüttich und 26 verteilt auf Brüssel, Namen, Bergen, Charleroi, Turnhout, Ath und andere Städte.
Mit einer durchdachten Mischung aus vertrauten Meisterwerken, Moderne Klassik und Eigenkreationen sowie mit Lionel Bringuier als energischem Kapitän scheint das OPRL bereit zu sein, ein neues, leidenschaftliches Kapitel in seiner reichen Tradition zu schreiben.