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LUNALIA: While We Live - ein Kompass zur Verbindung

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LUNALIA: While We Live - ein Kompass zur Verbindung

Musikalischer Journalismus.

Andrea Voets studierte Philosophie in Amsterdam und Harfe am Hanns EislerConservatorium in Berlin. Tiefgründiges Nachdenken über die Dinge liegt ihr besser als auf der Bühne zu stehen, wo sie unter Lampenfieber litt, bis sie ihr erstes Dokumentar-Konzert machte. Die Konzertszene erlebt sie als Rattenrennen, in dem Künstler von Produktion zu Produktion hetzen, mit viel zu wenig Zeit, um gemeinsam etwas Neues zu schaffen. Mit musikalischem Journalismus kombiniert sie Originalmusik mit ihrer eigenen journalistischen Recherche. Der Fokus liegt dabei jeweils auf einer emotionalen Verdrängung in der Gesellschaft: einem Thema, das für viele Menschen relevant ist, auf das sie aber noch nicht ausreichend hinweisen können. Für jedes Projekt durchläuft sie einen sehr gründlichen Rechercheprozess, der Jahre in Anspruch nehmen kann. While We Live ist dank der Hilfe und Unterstützung von 150 Griechen entstanden. Es wird gelesen und nachgedacht, Musik gemacht, Interviews geführt und gefilmt, danach fließen die Erkenntnisse schließlich in ein Dokumentar-Konzert zusammen, das flüssig zwischen der Projektionsfläche, Musikern in Griechenland und dem Set international lebender Live-Musiker hin und her wechselt.

[caption id="attachment_30074" align="alignleft" width="196"] © Claudia Hansen[/caption]

Inzwischen unterrichtet Andrea Voets ihre Schöpfung musikalischer Journalismus und freut sich, wenn das nicht patentierte Genre Nachahmer findet. Sie glaubt fest an einen Journalismus, der Musik als Verbündete einsetzt. Das ist nicht einfach nur Füllmaterial zwischen zwei Interviews, sagt diese Journalistin, wirkt die Musik direkt auf das Unterbewusstsein des Hörer und Zuschauers. Nach Xenitia (2016) über Migration und Wings and Roots (2018) über Third-Culture-Generationen ist While We Live (2021) die dritte Produktion von Resonate Productions und Andrea Voets.

Minister für Einsamkeit.


Die beunruhigenden Zahlen von Depression und Suizid in Europa deuten für Andrea Voets auf eine große verborgene Einsamkeit in unserer Gesellschaft hin. Wir haben viel über 'Verbindung' zu sagen, aber wie? Indem man ein Allround-Typ wird? Indem man Einsamkeit bekämpft, als wäre sie eine Art Lifestyle? Einsamkeit ist ein düsteres Thema, bei dem viele Menschen lieber drumherum fahren, als würde es eben zum Leben dazugehören. Jede Veröffentlichung zum Thema Einsamkeit, die sie in die Finger bekam, hat sie gelesen, seit sie 16 ist, weiß Voets, dass sie etwas mit diesem Thema tun muss. Die Antwort wird nicht von der Regierung kommen, wie der Versuch von Margaret Thatcher, (nach dem Mord an der Parlamentarierin Jo Cox) ein Ministerium für Einsamkeit zu gründen. So gut gemeint auch, ein Freund der Gemeinde, der einmal pro Woche Kaffee mit dir trinkt, wird deine Einsamkeit nicht lösen. Wie kommt es nur, dass ich mich in Griechenland immer mehr geliebt und willkommenfühle als in Belgien oder den Niederlanden? Auf der Suche nach Schlüsseln zur Überwindung der Einsamkeit reiste Andrea Voets an drei griechische Orte: die Metropole Athen, die Berge von Epiros im Norden und die unscheinbare Insel Lipsi nahe der türkischen Küste. Sie dreht mit einem (viel zu kleinen) Budget aus der Theaterwelt. Zeit und Aufmerksamkeit, Scharfsinn und Authentizität sind ihre wichtigsten Produktionsmittel. Nach eigener Aussage passt ihr Dokumentar auf diese Weise in das Element STILLE des Lunalia-Festivals 2022.

Ein sozialer Road-Trip.


Griechenland ist alles andere als ein einfaches Land zum Leben. Die giftigen Spuren des Griechischen Bürgerkriegs (1945-1949) und des Oberst-Regimes (1967–1974) sind noch nicht ganz ausgelöscht. Seit der Wirtschaftskrise von 2010 arbeiten sich Menschen ab, um gerade noch nicht unterzugehen. Nichts ist selbstverständlich, das Leben ist unvorhersehbar und chaotisch. In diesem Klima bringt Andrea Voets zahllose Stunden mit alten und neuen Freunden, Cafébesitzern, Musikern … zu, um mit ihnen die griechische soziale Logik zu analysieren. Griechen sind von Natur aus ein politisches Volk mit einer starken Debattenkultur. So schlecht ihre Situation auch sein mag, sie beziehen Position und es gibt viele Meinungsverschiedenheiten, sagt Andrea Voets. In allen bedeutsamen Gesprächen stößt sie auf drei Schlüsselbegriffe.

Φιλότιμο. Filotimo taucht bereits bei Pindar, Plato und Aristoteles auf. Die Wörter filos (Freund von) und timè (die Ehre) bilden einen uralt, undefinierbaren Begriff, der tugendhafte Eigenschaften wie Ehre, Würde, Verantwortung bündelt. Es geht immer um Bedingungslosigkeit, man tut etwas für einen anderen, weil es nun mal 'richtig' ist und weil man es selbst will, nicht weil das Gesetz es vorschreibt oder um etwas im Gegenzug zu bekommen. 2021 setzten die griechischen Behörden Lärmbomben ein, um Migranten abzuschrecken, während einige Bürger ins Wasser sprangen, um Ertrinkende zu retten. Man könnte sagen, dass diese letzteren aus Filotimo handelten. Der vorsokratische Philosoph Thales von Milet (ca. 624 v.Chr. - 545 v.Chr.) sagte bereits, dass Filotimo für einen Griechen das Atmen ist, ein Mensch kann unmöglich ohne. Ohne ihn kannst du genauso gut tot sein.

Φιλοξενία. Filoxenia, wörtlich Liebe zum Fremden, zum Unbekannten, wird mit Gastfreundschaft übersetzt, hat aber nicht viel mit dem Ouzo zu tun, den das Restaurant dir kostenlos anbietet. Der Gastfreundschaft liegt eine verborgene Angst zugrunde, erklärt der Philosoph und Musiker Iannis. Es ist menschlich, sich unwohl zu fühlen bei dem Unbekannten, dem Fremden, der anderen Kultur. Warum das bei einem Ukrainer in geringerem Maße der Fall ist als bei einem Syrer oder einem Afghanen, ist eine interessante Frage, die wir uns heute stellen sollten. Im Grunde genommen setzt Filoxenia voraus, dass wir einem Fremden geben, was ein Mensch dringend braucht und was wir selbst erhalten möchten, wenn wir in Not wären, nicht nur um dem anderen zu helfen, sondern auch um unsere Angst zu beschwichtigen. Ihm oder ihr Fragen zu stellen, ist eine andere Möglichkeit, weniger Angst zu bekommen.

Γλέντι. Ein Glendi ist nicht dasselbe wie „let's throw a party", wo alles sorgfältig geplant und vorbereitet ist. Bei einem Glendi brauchst du keine Einladung, es entsteht sozusagen spontan aus einer Art intuitivem Lebenslust. Wie wir das in irischen Pubs kennen, können Musiker ein Glendi in Gang bringen. Andrea Voets findet es aussagekräftig, dass du nach der griechischen Sprache kein Lied singst, du sagst ein Lied. Als wäre Musik eine konstante, natürliche Ausdrucksform, die für jeden zugänglich ist. Menschen fühlen sich weniger gehemmt, sondern singen, was sie zu sagen haben.

Die Hälfte der befragten Gesprächspartner in While We Live sind Musiker, Menschen, die selten auf ihre gesellschaftliche oder politische Überzeugung angesprochen werden. Was schade ist. Musiker werden heißt, sich dafür zu entscheiden, kein Arzt, Buchhalter oder Bankier zu werden. Sich für eine finanzielle Unsicherheit zu entscheiden, weil man nach seinem eigenen Kompass segeln will. Man kann es nicht nicht tun. Sein Leben der Musik zu widmen, ist eine politische Handlung, sagt Andrea Voets.

Die Musik in While We Live besteht aus Improvisationen, Bearbeitungen und komponierten Stücken von Andrea Voets (Harfe), Sarah Jeffery (Blockflöten) und Evi Filippou (Schlagwerk).

© Claudia Hansen

Andrea Voets lebt in Amsterdam, hat niederländische Eltern, aber wuchs in Brugge auf. War auf dem Schulhof ein Außenseiter, weil sie den „Flämischen" Akzent nie übernahm. Erhielt von ihren Musiklehrern ständig zu hören, dass sie nicht musikalisch ist. Spricht fließend sechs Sprachen, darunter Neugriechisch und Farsi. Ist künstlerische Direktorin von Resonate Productions. Arbeitet seit 2018 aus dem Debattenzentrum De Balie in Amsterdam. Erfand das Genre des musikalischen Journalismus. Erhielt dafür 2022 ein Fastforwardstipenium der niederländischen Regierung, um Forschungen zum Thema „how to feel safe" durchzuführen. Wird in Zukunft häufiger nach Mechelen kommen, um dort im Auftrag des Festivals Lunalia zu arbeiten. Das NRC nahm das Dokumentar-Konzert While We Live in die Liste der besten klassischen Musik 2020 auf, die Filmversion gewann mehrere internationale Preise.

www.resonate-productions.com ||

Festival van Vlaanderen Mechelen LUNALIA
De Rest is Stilte, im Rahmen von Zinderende Stilte
vom 23. April bis 8. Mai in Mechelen

While We Live - a compass to connection.
2. Mai 2022 Kunstencentrum nona, Gouden Zaal um 20:15 Uhr.

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