***** Seit sie 2000 beim Königin-Elisabeth-Gesangswettbewerb den ersten Preis gewann, ist Marie-Nicole Lemieux ein Publikumsliebling in Belgien. Das wird sich bei ihrem kürzlichen Recital in der Munt sicherlich erneut gezeigt haben. Ich war leider nicht anwesend, aber ihre neueste CD zum Thema des Meeres mit dem Titel Mer(s) bietet einen ausgezeichneten Ausgleich. Eine Aufnahme, auf der wir die Altistin erneut in ihrer ganzen Herrlichkeit und künstlerischen Integrität hören können.
Das Programm beschreitet alles andere als ausgetretene Pfade und ist daher umso interessanter. Es bietet drei Kompositionen mit dem Meer als Thema, womit die Sängerin auch auf dieser CD bestätigt, dass sie „gerne unbekannte Orte aufsucht" (Interview Véronique Rubens Programm Munt-Recital 15. November 2019). Sea Pictures ist sicherlich eines der weniger populären Werke von Edward Elgar. Dann folgt das intime und sehr geladene Poème de l'amour et de la mer von Ernest Chausson und als drittes Werk präsentiert sie eine Plattenerstaufführung: La Mer von Victorin Joncières. Letzteres ist eine Entdeckung, die die Aufnahme fast für sich allein wert ist.
Die drei Komponisten haben gemeinsam, dass sie Bewunderer von Richard Wagner sind, was sich in der dichten und üppigen Orchestrierung ausdrückt, die durch Chromatik und wiederkehrende Motive gekennzeichnet ist. Mit ihrem durchaus besonderen Stimmtyp als Altistin passt die vokale Farbe von Marie-Nicole Lemieux reichlich zum Orchesterklangs. Bereits in Sea Pictures von Elgar, dem ersten Werk der CD, fällt auf, über welche Geschmeidigkeit die Sängerin immer noch verfügt. Der Farbenreichtum von Lemieux scheint unerschöpflich. Die tiefe Stimme klingt nächtlich in Good night, wechselt Zurückhaltung mit Ausgelassenheit in In Haven, singt wie ein beschwörendes Gebet in Sabbath Morning at Sea. In Chaussons La Mort de l'amour sitzt Trauer und tiefe Trauer in der Stimme. In La Tempête aus La Mer von Joncières klingt sie bedrohlich (Je suis la mort!), dann folgt die Ergebung in die Ewigkeit des Meeres. Dies sind nur wenige Beispiele der reinen Poesie, die Lemieux' Gesang auszeichnet, und der perfekten emotionalen und vokalen Vielseitigkeit, zu der die Sängerin in der Lage ist.
Parallel zur Persönlichkeit und der Hingabe, mit der sich Lemieux diesen drei wunderschönen Orchesterwerken widmet, unterstützt sie das Orchestre Nationale Bordeaux Aquitaine unter der Leitung von Paul Daniel. Von Edward Elgar bis Joncières spannt es einen wunderschönen Bogen der Vielfalt und des Farbenreichtums. Bei Joncières wird darüber hinaus ein Grundton durch einen ätherischen Chorpart gelegt, wodurch das Werk eine Art dramatische Sinfonie wird, in der die Solistin die Akzente setzt.
Eine wunderbare CD, nicht nur für Lemieux-Fans, sondern auch für Liebhaber von anderem und wenig bekanntem Vokalrepertoire.
- WAS: Mer(s) – mit Musik von Edward Elgar (1857-1934), Ernest Chausson (1855-1899), Victorin Joncières (1839-1903)
- WER: Marie-Nicole Lemieux (Altistin), Choeur de l'Opéra National de Bordeaux, Orchestre National Bordeaux Aquitaine u.L.v. Paul Daniel
- AUSGABE: Erato 0190295424336