Der Titel des Konzerts „Kosmopolitische Flair" ist Programm und zeugt vom musikalischen Reichtum, in dem faszinierende musikalische Welten erforscht werden.
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 in B-Dur, opus 23 – Pjotr Iljitsj Tsjajkovski
Als Eröffnungswerk erklang das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 in B-Dur opus 23.
Im 19. Jahrhundert komponiert, hat es nichts an Großartigkeit verloren. Wir können es sogar als einen Höhepunkt der Romantik bezeichnen. Der Anfang verlief allerdings schwierig. Als Pjotr Iljitsj Tsjajkovski es am Weihnachtsabend 1875 dem Pianisten Nikolaj Rubenstein vorstellte, reagierte dieser ziemlich ungelenk. Er nannte es wertlos und nicht spielbar. Das trifft den 35-jährigen Komponisten hart. Dennoch weigert er sich, etwas an der Musik zu ändern. Zum Glück. Was seinen Lehrmeister wahrscheinlich störte, war die erneuernde Form. Anstelle von wiederkehrenden Themen verwendet er Melodien, die sich durch die Musik und die Teile entwickeln. Heutzutage ist dieses Konzert, dessen imposante Eröffnungstakte weltberühmt sind, eines der beliebtesten Werke.
Obwohl sich Tsjajkovski durch sein Studium am Konservatorium von Sankt Petersburg die westliche Musiklehre zu eigen machte, wollte er die typisch russische Mentalität zum Ausdruck bringen. So verwendete er gerne russische Volksmelodien, die auch in dieser Komposition zu finden sind. Im schnellen Passus des zweiten Teils ist sogar die Melodie des französischen Lieds „Il faut s'amuser, danser et rire" erkennbar.
Als Solist tritt der 33-jährige Pariser Tanguy de Williencourt auf. Er wird als einer der zukünftigen Größen des Klaviers gelobt. Kürzlich nahm er zusammen mit dem Symfonieorkest Vlaanderen eine CD mit Musik des belgischen Komponisten César Franck für das Label Mirare auf. 2022 war er auf der großen Leinwand in Begleitung der großen amerikanischen Sopranistin Renée Fleming zu sehen.
Mit Bravour reißt er alle pianistischen Register auf. Die Partitur verlangt Schnelligkeit, Beherrschung, Persönlichkeit und Fantasie. Die verschiedenen Tempi setzt er brillant, kraftvoll oder zart um. Seine Interpretation ist beeindruckend und ausdrucksstark. Ein großartiges Virtuositätsschauspiel. Er begeistert das Publikum. Dennoch zeigt er noch jugendliche Züge. Immer wenn er nicht am Zug ist, fährt er sich mit einer Handbewegung durch die Haare.
Dieses Konzert ist ein Vulkan aus Klang. Man fühlt sich von den kraftvoll anschwellenden Tönen fortgerissen. Die Leichtigkeit, die manchmal nach oben sprudelt, ist wie Wasser aus einem Brunnen. Dirigent Martijn Dendievel dirigiert mit Schwung und Feinfühligkeit. Ein Dirigent mit breiten Gesten, der das ganze Orchester beherrscht und mitnimmt. Er lässt die Musik vibrieren. Das Publikum genoss in vollen Zügen. Ganz ungewöhnlich, aber geschätzt: Als Zugabe spielten Dirigent und Pianist zu vier Händen „Le jardin féerique" aus Ma Mère l'Oye von Maurice Ravel. Spielerei von zwei Top-Musikern.
Nach der Pause
Das Symfonieorkest Vlaanderen schafft Chancen für junge Musiker, Komponisten, Solisten und Dirigenten. Nach der Pause wurde eine Komposition von Murielle Lemay gespielt.
„Augur" – eine Kreation im Rahmen der SOV Composers Academy
Die kanadische Murielle Lemay studiert am Königlichen Konservatorium Brüssel in der Klasse von Annelies Van Parijs. Es ist ein visionäres Werk, in dem sie unseren gegenwärtigen Zeitgeist ausdrückt. So erklingen Fetzen von Themen und Harmonien der Siebenten Sinfonie von Antonin Dvořák an. Turbulenz und Gelassenheit finden in ihrem Werk ein harmonisches Gleichgewicht.
Sinfonie Nr. 7 in D-Dur. Opus 70 – Antonin Dvořák
Dvořák war ein Kosmopolit, in Tschechien geboren, reiste er in seinem Leben unter anderem nach Österreich, England, Russland und war von 1892 bis 1895 künstlerischer Leiter des Konservatoriums in New York. Er entwickelte sich zum Flaggschiff der tschechischen klassischen Musik. Darin verstand es, verschiedene Elemente der böhmischen Volksmusik und klassischen Musik nahtlos zu verflechten. Diese patriotischen Gefühle waren auch die Inspiration für seine Siebente Sinfonie. Er schrieb die Musik im Auftrag der Philharmonic Society of London.
Auf der Partitur notierte er „Gott, Liebe und Vaterland", eine assoziative Abfolge, die seine Gesinnung und Arbeit widerspiegelte. Dennoch klingt diese Komposition nicht wie sein anderes Werk. Es gibt einen Konflikt zwischen Patriotismus und Kosmopolitanismus, zwischen „dem Dienst für sein Land" und seinen Ambitionen für internationalen Erfolg. Es gibt lyrische Themen, aber es gibt auch eine dunkle Seite dieser Sinfonie. Sie wird auch „tragische" Sinfonie genannt. Schön an dieser Komposition ist, dass viele Instrumentalisten einen Solopart erhalten. Martijn Dendievel führt das Orchester fehlerfrei durch die langen Spannungsbögen. Mit großer Ausdruckskraft beim Dirigieren ist er eine schöne Figur zum Betrachten. Ab der Saison 2024–25 wird er Generalmusikdirektor der Hofer Symphoniker.
WAS: Kosmopolitische Flair mit Werken von Pjotr Iljitsj Tsjajkovski, Antonin Dvořák, Murielle Lemay, Maurice Ravel WER: Symfonieorkest Vlaanderen u.L.v. Dirigent Martijn Dendievel; Solist: Tanguy de Williencourt WO & WANN: deSingel, Sonntag 8. Okt. 15 Uhr